Die Rückkehr des restaurierten Fritzlarer Steinretabels

Mit aufwendigen Maßnahmen ist der Erhalt einer steinernen Altartafel gelungen, die im frühen 14. Jahrhundert entstand und zur mittelalterlichen Ausstattung der Fritzlarer Stiftskirche gehörte. Sie wurde zwischen 2018 und 2021 in der Restaurierungswerkstatt der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege untersucht und restauriert. Nach Jahrzehnten eines „Schattendaseins“ kann die delikate Malerei, deren Bedeutung weit über Nordhessen hinausreicht, nun wieder uneingeschränkt bewundert werden.

Die Darstellungen

Die zweiteilige Bildtafel schildert vier Hauptereignisse der Heilsgeschichte, links beginnend mit der Verkündigung und der Geburt Christi, gefolgt von der Kreuzigung und der Himmelfahrt Christi rechts. Alle vier Szenen spielen unter filigranen Arkadenbögen, die sich an Elementen gotischer Sakralarchitektur orientieren. Flankiert werden sie von alttestamentarischen Propheten und Königen, die als Halbfiguren vor zinnenbewehrten Mauern in den Arkadenzwickeln erscheinen. Gemalte Rhomben- und Ovalformen, die einen kostbaren Edelsteinbesatz suggerieren, schmücken den zinnoberroten Rahmen der Tafel.
Kennzeichnend für die Malerei ist eine langgestreckte, elegante Körperhaltung der Figuren, deren Ausdruck ganz wesentlich über die großen Hände und eine betonte Gestik vermittelt wird.

Zur Weihnachtsgeschichte

Der Erzählstil ist äußerst knapp und auf die notwendigsten Bildelemente beschränkt mit Ausnahme der ikonographisch besonders interessanten Geburt Christi, deren Ausgestaltung reicher ausfiel. Maria liegt schlafend auf einer zierlichen Bettstatt, hinter der sich – einem Altarblock ähnlich - die steinerne Krippe mit dem Kind erhebt. Motive wie die im Vordergrund lagernde Gottesmutter, die Erhöhung des Kindes, die über der Krippe auftauchenden Köpfe von Ochs und Esel oder der schlafende Josef am rechten Bildrand gehen auf byzantinische Vorbilder zurück und waren auch in der hochgotischen Glasmalerei beliebt. Für die ungewöhnliche Darstellung der schlafenden Maria allerdings lassen sich nur vereinzelt burgundische und kölner Vergleichsbeispiele finden.

Schäden und Maßnahmen

Nachdem die Malschichten der Tafel in etlichen Bildpartien über die letzten Jahrzehnte ihre Haftung eingebüßt hatten und Farbschollen auszubrechen drohten, war 2018 ein konservatorisches Eingreifen dringend erforderlich geworden. Doch dicke, stark verfärbte Wachsschichten einer alten Festigungsmaßnahme aus den 1950er Jahren lagen auf der gesamten Bildoberfläche und beeinträchtigten nicht nur die Ablesbarkeit der dargestellten Szenen bis zur Unkenntlichkeit, sondern versperrten auch einer erneuten Konsolidierung den Weg. Diese konnte schließlich im Wechsel mit einer behutsamen Reduktion der Wachsschichten erfolgreich durchgeführt werden. Realisiert wurde das Projekt mit Hilfe des Bistums Fulda, der Katholischen Domgemeinde Fritzlar und mit großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Erhaltungszustand und Veränderungen

Zu Tage trat eine Malerei von großem künstlerischen Raffinement und hohem maltechnischem Aufwand. Ausführliche Untersuchungen ließen erkennen, dass sich ihr Aussehen im Laufe der Jahrhunderte stark veränderte. Verloren gingen die edlen Gold- und Silberauflagen, mit denen die Krippe, die goldenen Arkaden und Heiligenscheine einst belegt waren. Schimmelbefall und ein ungünstiges Raumklima brachten das strahlende Kupferblau der Hintergrundflächen, die heute vom orangeroten Ton der Grundierung dominiert werden, vollständig zum Verschwinden. Auch die Schattenlasuren tiefer Gewandfalten zeigen, je nach Farbpartie, sehr unterschiedliche Erhaltungszustände.

Fazit

Trotz aller Verluste muss das Überkommen des Retabels als Glücksfall der Geschichte bezeichnet werden, gehört es doch zu dem äußerst geringen Bestand an frühen Altartafeln, die sich in hessischen Kirchen aus dem beginnenden 14. Jahrhundert erhalten haben. Seltenheitswert hat darüber hinaus die Wahl des Materials, denn für die ungewöhnliche Verwendung einer Steintafel als Bildträger finden sich im deutschsprachigen Raum nur vereinzelte Parallelen. Die restaurierte Tafel wird im neu eingerichteten Fritzlarer Dommuseum präsentiert, das nach langer Schließung am 7.9.2021 wieder eröffnet wurde.

Christiane Weber
13.12.2021

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Der Film zum Fritzlarer Steinretabel.