Eine industrielle Kulturlandschaft am Zusammenfluss von Rhein und Main

Einst waren sie natürliche Grenzen zwischen Ländern und Staaten: gewaltige Grenzflüsse wie der Rhein. Heute spannen sich große Brücken aus Stahl und Beton von einem Rheinufer zum anderen und ermöglichen es, trockenen Fußes überzusetzen. Nahezu alle bedeutenden Rheinbrücken zwischen Worms und Duisburg entstanden dabei unter Mitwirkung des hessischen M.A.N. Zweigwerks Gustavsburg. Dessen Geschichte zeichnet Johannes Müller vom LfDH am 04.02. in einem Onlinevortrag an der Universität Bamberg nach.

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Eine histrorische Postkarte zeigt die Mündung des Mains in den Rhein bei Mainz-Kostheim.
Eine histrorische Postkarte zeigt die Mündung des Mains in den Rhein bei Mainz-Kostheim.

Bereits vor dem ersten Weltkrieg machte das Zweigwerk Gustavsburg der Vereinigten Maschinenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg (M.A.N.) mit bahnbrechenden Innovationen im Stahlhoch- und Brückenbau auf sich aufmerksam. Spätestens mit dem Bau des Tragwerks für die 1901 eröffnete Wuppertaler Schwebebahn und der Frankfurter Festhalle im Jahr 1908 avancierte die Mainspitze  - damals im Großherzogtum Hessen gelegen - zu einem Aushängeschild des Industrieunternehmens.

Vom Provisorium zum Industriestandort

Die Anfänge des Zweigwerks gehen bis in die 1850er Jahre zurück, als M.A.N. von der Hessischen-Ludwigsbahn-Gesellschaft den Auftrag erhielt, eine Eisenbahnbrücke über den Rhein zu bauen. Die Geburtsstunde der heutigen Mainzer Südbrücke. Die Lage der als Provisorium angedachten Brückenbauanstalt war dabei derart günstig, dass sich das Unternehmen kurzerhand entschloss, in Gustavsburg dauerhaft sesshaft zu werden. Mit der Internationalisierung des Unternehmens in den 1890er Jahren erlebt Gustavsburg – bis dato aus nur wenigen Häusern bestehend – einen ungeahnten Aufstieg: Als Pionier auf dem Gebiet betrieblicher Sozialpolitik beauftragt die M.A.N. den Darmstädter Architekturprofessor Karl Hofmann mit dem Bau einer innovativen Arbeitersiedlung (1898-1908). Jene Häuser versprühen bis heute eine vorindustrielle Agrarromantik: Großzügige Hausgärten, laubenartige Eingänge und markante rote Lattenzäune künden vom Charme der denkmalgeschützten Gesamtanlage. Die Arbeitersiedlung wird in den folgenden Jahrzehnten zum Kern der Stadtentwicklung.

Einblicke in 170 Jahre Industriegeschichte an der Mainspitze

Diesen Weg von einem provisorischen Montageplatz hin zu einem der bedeutendsten Industriestandorte im Rhein-Main-Gebiet zeichnet Müller in einem anderthalbstündigen Onlinevortrag nach und geht dabei auch auf die bedeutenden internationalen Werke des hessischen Zweigwerks ein: Werke wie die 1912 errichtete Karaköi Schiffsbrücke über das Goldene Horn von Istanbul oder die Eisenbauwerke zur Überquerung des Hoang-Ho in China aus dem gleichen Jahr. Auch Kurioses wie der eiserne Steg über die Pöllatschlucht am Schloss Neuschwanstein dürfen dabei nicht fehlen.

30.01.2021

Information zum Onlinevortrag

Der Vortrag findet online am 04.02.2021 um 16:15 Uhr statt. Für Interessierte ist eine vorherige Anmeldung bei der Universität Bamberg erforderlich. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Internetseite der Professur für Historische Geographie (siehe oben).