Das Erbe einer schriftlosen Kultur

Die Rössener Siedlung, die in Wölfersheim-Berstadt entdeckt und größtenteils von der Kreisarchäologie Wetterau (Dr. Jörg Lindenthal) gegraben wurde, gibt uns einen einzigartigen Einblick in eine längst vergangene Kultur. Doch wer waren die Rössener? Was kann uns der Fundplatz über diese mittelneolithische Kultur verraten? Wir sprachen mit Dr. Johanna Ritter-Burkert, Expertin für das Neolithikum, über das Erbe einer schriftlosen Kultur, Bäumchenmuster und die luftige Rössener Wohnraumgestaltung.

HP_haW21_d4_Interview_Artikel.JPG

Foto Dr. Johanna Ritter-Burkert
Im Gespräch zur Rössener Kultur: Dr. Johanna Ritter-Burkert.

hessenARCHÄOLOGIE: Frau Ritter-Burkert, Sie forschen seit vielen Jahren bereits zu den Kulturen des Neolithikums. Wie können wir denn die sogenannte Rössener Kultur, wie wir sie in Wölfersheim-Berstadt vorfinden, in diese Epoche einordnen?

Dr. Johanna Ritter-Burkert: Ihren Namen hat die Rössener Kultur von dem bekannten gleichnamigen Gräberfeld, das in der Nähe von Leuna (Lkr. Saalekreis) gefunden wurde, allerdings schon in den 1870er Jahren. Es hat dann noch mal gut 30 Jahre gedauert, bis die Archäologen erkannt haben, dass es sich dabei nicht um eine Phase einer bereits bekannten Kultur handelte, sondern dass es die Hinterlassenschaften einer neuen Kulturgruppe waren. Mittlerweile konnte man durch naturwissenschaftliche Datierungsmethoden auch präzisieren, dass die Rössener Kultur sich um 4.700 bis 4.400 vor Christus entwickelt hat und damit gehört sie in die Epoche, die wir Archäologen als Mittelneolithikum bezeichnen, also quasi die mittlere Jungsteinzeit. Wie schon davor im Altneolithikum, lebten diese Menschen vom Ackerbau und von der Viehzucht, allerdings bauten sie jetzt andere Haustypen: Nicht mehr die klassischen rechteckigen Haustypen, sondern ganz prägnante schiffsförmige oder trapezförmige Langhäuser. Auch die Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, wie zum Beispiel Silices und vor allem die Keramik fertigten sie anders als ihre Vorgänger.

hA: Sie arbeiten derzeit mit dem Fundmaterial aus Wölfersheim-Berstadt und haben auch einiges an Vergleichsmaterial gesichtet - was fasziniert Sie denn ganz persönlich besonders an der Rössener Kultur?

R-B: Als Keramikexpertin fasziniert mich natürlich am meisten die Keramik der Rössener Kultur, das ist für mich immer eine ganz besondere Fundgruppe. Es ist etwas Haptisches, was man so heute noch im Gebrauch hat. Wir nutzen ja heute noch Schalen, Teller und Becher. Wenn ich dann diese Keramiken aus dem Mittelneolithikum bearbeite, dann wird mir ab und zu zwischen all den Analysen bewusst, dass das etwas ist, was vor 6.000 Jahren jemand gefertigt und benutzt hat. Das ist für mich immer noch eine schöne Erfahrung.
Vor der Rössener Kultur habe ich mich sehr stark mit dem Altneolithikum und der Bandkeramischen Kultur beschäftigt. Da hatte man Gefäße, die ein bisschen am Rand verziert sind, die Bandverzierungen haben, die um das Gefäß herumlaufen und dazwischen hat man Sekundärmotive angebracht, um ein bisschen die Lücken zu füllen – trotzdem bleibt einfach noch sehr viel leerer Platz auf dem Gefäß. In der Rössener Kultur ist das ganz, ganz anders. Wir finden vollverzierte Gefäße, manchmal ist nicht mal der Boden ausgespart, alles ist über und über mit Verzierungen bedeckt. Man hat Randverzierungen, Bandverzierungen, jede Menge zonaler Motive und es geht alles durcheinander; Doppelstiche, Einzelstiche – es sieht einfach klasse aus. Eine Besonderheit ist auch die Häufigkeit und Art der Innenverzierung, die man in den Vorgängerkulturen kaum findet.

hA: Haben wir denn herausragende Beispiele für diese Verzierungen in Wölfersheim-Berstadt finden können?

R-B: Das konnten wir glücklicherweise. Vor allem, da wir die sehr seltene Situation haben, dass sich ein Brunnen der Rössener Kultur erhalten hat, aus welchem wir in Blockbergung mehrere vollständige Gefäße bergen konnten. Auch aus den sonstigen Siedlungsbefunden sind die Keramiken zum Glück sehr gut erhalten. Da kann man halbe Gefäße oder sehr viele Scherben zusammenpassen und erhält vollverzierte Waren, die teilweise an Bäumchenmuster, Fußspuren von Tieren, kleine Teppichfransen oder Fischgräten erinnern und ein Verzierungsmosaik über das ganze Gefäß ergeben. Außerdem haben wir diese sehr schönen dunkelgrundigen Waren, die gegebenenfalls zusätzlich mit weiß-gelblichen Farbpasten versehen waren, so dass sich dieser tolle hell-dunkel-Kontrast ergibt. Das muss einfach ein klasse Aussehen gehabt haben, sehr ästhetisch.

Foto Keramikfunde aus Wölfersheim-Berstadt
Ein kleiner Eindruck der Keramikfunde aus Wölfersheim Berstadt.

hA: Gibt es denn außerhalb der Keramik noch weitere interessante Fundtypen?

R-B: Man muss klar sagen, die Keramik ist, gerade was die Möglichkeit einer chronologischen Einordnung angeht, die wichtigste Fundkategorie. Aber wir haben auch noch weitere Fundobjekte. Sehr viele Knochen – meistens sind das Tierknochen, sprich Speiseabfälle – aber auch kleinere Silices und vor allem Reib- und Mahlsteine. Natürlich sind für uns die Funde sehr interessant, aber es sind vor allem die Befunde und die Strukturen, die sich im Boden erhalten haben, wichtig, um uns vorzustellen, wie der Alltag vor 6.000 Jahren ausgesehen hat.

hA: Was ist denn das Besondere an diesen Befunden?

R-B: Wölfersheim-Berstadt ist ein exzeptioneller Fundort, weil die Befunde eine unglaubliche Ausdehnung haben, von der Erhaltung perfekt sind, eine unglaubliche Dichte aufweisen und die Strukturen sich fast alle rekonstruieren lassen. Das heißt, man kann Pfostenlöcher und Pfostenstandspuren zu ganzen Langhäusern, in den von mir erwähnten Schiffsformgrundrissen, rekonstruieren. Wir können den Gruben nachspüren, schauen, wo die Rössener damals ihren Lehm entnommen haben, mit dem sie Keramik hergestellt oder Häuser verputzt haben. Dann ist da natürlich auch der besonders prägnante, gut erhaltene Brunnen, aus dem die Rössener wahrscheinlich ihr Brauchwasser und vielleicht sogar ihr Trinkwasser entnommen haben.

hA: Kennen Sie denn in Hessen irgendeinen Fundort der Rössener Kultur, den Sie mit Wölfersheim-Berstadt vergleichen können?

R-B: Das Rhein-Main-Gebiet und die Wetterau sind schon seit Jahren als Rössener Fundregion bekannt, aber bis jetzt handelte es sich meistens um Einzelbefunde mit eher weniger Fundmaterial und oft recht schlecht erhalten. Da ist natürlich Wölfersheim-Berstadt absolut etwas Einzigartiges, da gibt es keine auch nur annähernd vergleichbare Fundstelle.

hA: Die Ausarbeitungen zu den Grabungen in Wölfersheim-Berstadt sind noch nicht abgeschlossen, aber zeichnen sich denn jetzt schon neue Erkenntnisse für die Rössener Kultur ab?

R-B: Von meiner persönlichen Warte aus betrachtet, muss ich natürlich sagen, dass sich jetzt schon eine besondere Bereicherung des Verzierungsspektrums der Keramiken anzeigt. Was wir bis jetzt aus der ganzen Region kannten, wird erweitert und hoffentlich wird auch ein neuer Verzierungskatalog dabei herausspringen. Aber natürlich sind auch die Befundstrukturen von unschätzbarem Wert, weil wir die Pfostenstandspuren in den Häusern im Unterschied zu anderen Fundstellen sehen können. Dadurch kann man sich etwas mehr vorstellen, wie das Innere dieser riesigen Rössen-Häuser aussah. Wir haben zum Beispiel weit weniger Querpfostenstellungen als in den vorangegangenen Kulturen. Das heißt, es wird wahrscheinlich sehr viel weniger Unterteilungen gegeben haben. Man kann sagen, dass die Rössener wohl im Gegensatz zu den Vorgängerkulturen eine recht offenere, luftigere Wohnraumgestaltung bevorzugten.

hA: Dann freuen wir uns über viele neue spannende Erkenntnisse über das Leben im Mittelneolithikum. Frau Dr. Ritter-Burkert – vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Lars Görze M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Literaturempfehlungen zur Rössener Kultur:

  • Barbara Dammers, Die Keramik der Rössener Kultur in Rheinhessen (Dissertation Univ. Mainz) (Online verfügbar über die Universität Mainz)
  • Ursula Eisenhauer, Untersuchungen zur Siedlungs- und Kulturgeschichte des Mittelneolithikums in der Wetterau. UPA 89 (2002).
  • Rudolph Kuper, Inden I. Eine Siedlung der Rössener Kultur im Rheinland. Rheinische Ausgrabungen 76 (Darmstadt 2018).
  • Harald Meller (Hrsg.), Begleithefte zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle Band 3. Lebenswandel. Früh- und Mittelneolithikum (Halle (Saale) 2012), 31-40.
  • Daniel Schäfer, Die Rössener Kultur – zum Stand der Forschung. Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung 12/2019, 73-99.
  • Helmut Spatz, Beiträge zum Kulturenkomplex Hinkelstein – Großgartach – Rössen. Der keramische Fundstoff des Mittelneolithikums aus dem mittleren Neckarland und seine zeitliche Gliederung. Materialhefte Baden-Württemberg 37 (Stuttgart 1996).
Zur Person

Dr. Johanna Ritter-Burkert studierte Vor- und Frühgeschichte, Ägyptologie und Vorderasiatische Archäologie in Mainz und beschäftigte sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten vor allem mit den Kulturen des Neolithikums. Ihre Dissertation schrieb sie zur Bandkeramik in Mittelhessen. Ritter-Burkert bearbeitet derzeit unter anderem die Funde der Rössener Kultur aus Wölfersheim Berstadt (Wetteraukreis) und ist zudem für die Fundstellenaufnahme im Archäologischen Zentraldepot der hessenARCHÄOLOGIE in Wiesbaden zuständig.