Das historische Alsfelder Rathaus hat einen mittelalterlichen Vorgänger

Seit 2018 betreibt die Stadt Alsfeld die umfassende Neugestaltung von Markt- und Kirchplatz im Herzen der Altstadt. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen betreut das Projekt in denkmalpflegerischen Belangen. Die archäologische Baubegleitung liegt in Händen der Wissenschaftlichen Baugrund Archäologie e.V.

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Foto Rathaus Südmauer
Die Südmauer des mittelalterlichen Rathauses ist im oberen Planum teilweise innenseitig ausgebrochen, lässt aber die außen verstärkte gerundete Ecksituation gut erkennen.

Mit Sondagen zur Baugrunderkundung begannen die Arbeiten im Herbst 2018 nach kurzem Planungsvorlauf. Schon dabei wurden einzelne Mauerbefunde und Kulturschichten angeschnitten, die aufgrund ihrer Ausschnitthaftigkeit und mangelnder Funde kaum zu interpretieren waren. In der Folge kamen vor allem im Zuge der Erneuerung der Hausversorgungsanschlüsse einige längst vergessene äußere Kellerzugänge und ein Brunnen zum Vorschein.

Im Herbst 2019 wurden dann in einem neuen Leitungskanal für Nahwärme zwei massive Mauern durchschnitten, die parallel zueinander ausgerichtet sofort den Verdacht auf hohes Alter erweckten. Im folgenden Frühjahr konnten sie dann systematisch nachverfolgt und im Zuge der Entfernung eines alten Öltanks schließlich auch tiefgründig untersucht werden. Dabei kam schließlich das Kellergeschoß eines rechteckigen Gebäudes (8,8 x 7,1 bzw. 7,4 m) mit massiven Grundmauern und gerundet verstärkten Ecken nach Osten zu Tage. Durch diese Eckrondelle wird die zur nord-südlich verlaufenden Hauptverkehrsachse des Marktplatzes ausgerichtete Ostfassade deutlich betont. Die noch gut 2,5 m hoch erhaltenen Mauern weisen keine Gewölbeansätze auf, so dass von einer ehemals wohl hölzernen Kellerdecke auszugehen ist.
Auf dem massiv mit Sandsteinen und Mörtelestrich verstärkten Kellerboden, der unterseitig mit einer festen Tonschicht gegen aufsteigende Feuchte abgedichtet war, lag eine massive Brandschicht auf. Deren 14C-Datierung in den Zeitraum von 1016 bis 1150 AD deckt sich mit dem in der Verfüllung angetroffenen Scherbenmaterial. In diese Zeit fällt auch die Ersterwähnung des Ortes als Adelesfelt zum Jahr 1069.

Aufgrund der Lage im höchst gelegenen nordwestlichen Teil des Marktplatzes an der Einmündung der Obergasse und wegen der baulichen Ausgestaltung können wir es nur mit einem öffentlichen Bauwerk, am ehesten also mit dem raithus (1386 ersterwähnt) der mittelalterlichen Stadt, zu tun haben. Dieser Befund stellt für das damals noch junge Gemeinwesen Adelesfelt ein bemerkenswert frühes Zeugnis kommunaler (Selbst-) Verwaltung dar und spricht für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein der Bürgerschaft.Nach einem verheerenden Brand hat man sich dann zum Jahr 1512 an anderer Stelle einen aufwändig gestalteten Neubau des Rathauses errichtet. Dieser ist als bauhistorisches Kleinod heute noch in Funktion zu bewundern und dominiert den Marktplatz nun von der gegenüberliegenden Seite. 

Dr. Andreas Thiedmann, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
07.11.2021