Die Sanierung der 46 großflächigen Gemälde in der Unionskirche

Unionkirche-Idstein.jpg

Unionskirche in Idstein
Elena Mittelfarwick, genannt Osthues; Peter Weller-Plate, leitender Restaurator; Dr. Verana Jakobi, Bezirkskonservatorin; Dr. Roswitha Kaiser, Landeskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen

„Eine Restaurierung von derart vielen, großformatigen Leinwandbildern ist auch für erfahrene Restauratoren nicht alltäglich und stellte alle Beteiligten vor eine große Herausforderung", sagte Dr. Roswitha Kaiser, Landeskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen heute bei dem 5. „Ortsgespräch" des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen in der Unionskirche in Idstein.

„Nach aufwändigen Voruntersuchungen ist es uns nun gelungen, ein Konzept zu entwickeln, das die Bilder sowohl konserviert als auch ästhetisch aufwertet. Die aktuelle Maßnahme wird somit nicht nur zum Erhalt der Gemälde beitragen, sondern darüber hinaus auch optisch einen Gewinn sowohl für die Gemälde als auch den Betrachter sein." Elena Mittelfarwick, genannt Osthues, Restauratorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen ergänzte, auch das Aufhängesystem der Gemälde müsse neu strukturiert werden, um eine sichere und stabile Aufhängung zu garantieren und spätere Abnahmen zu erleichtern. Für einen langfristigen Erhalt der Leinwandbilder werde außerdem das klimatische Umfeld seit über einem Jahr durch einen Bauphysiker untersucht. Dieser zeichne die Klimadaten auf, um im Zusammenspiel mit der Regelung des Heizsystem und der Überarbeitung der Fenster und des Innenraums auf lange Sicht die bestmöglichen Bedingungen für die Gemälde, aber auch für die anderen Ausstattungsstücke der Kirche, zu erreichen.

Zur Geschichte und Bedeutung der Gemälde und der Kirche

„Die kostbare Innenausstattung der Kirche mit drei Seiten umspannenden Marmorarkaden samt Emporen, Marmoraltar, Kanzel und Grabdenkmälern sowie nicht zuletzt der einzigartigen Ausstattung von Wänden und Decke mit 46 ausgezeichneten Ölgemälden ist einzigartig," sagte Dr. Verena Jakobi, Bezirkskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Die Gemälde sind in den Jahren 1673-78 entstanden und gehören dem niederländischen Kunstkreis der Rubenschule an. Dreiunddreißig der Gemälde stammen von Michael Angelo Immenraedt aus Antwerpen, fünf Bilder von Joachim von Sandrart.

Ihre letzte große Umgestaltung erfuhr die Kirche in den Jahren 1725/26, als nicht nur der Chor mit Ausnahme der Außenmauern vollständig neu ausgestattet wurde (Decke und Dach, die bemalte Holztonne, die Marmorausstattung etc.) sondern auch Veränderungen an den Emporen im Langhaus (Stützen in Palmenform, Voutendecken) vorgenommen wurden.

Die ehemalige Stiftskirche St. Martin wurde unter Einbeziehung älterer Bausubstanz 1665-1677 unter Graf Johannes zu einer Prediger- und Hofkirche umgebaut. Der äußerlich unscheinbar wirkende Bau weist im Innenraum eine herausragende barocke Ausstattung auf.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Union der Lutheraner und Reformierten wurde die Kirche 1917 in Unionskirche umbenannt.

Gesamtsanierung anlässlich des Unionsjubiläums 2017

Im Hinblick auf das Unionsjubiläum 2017 wird momentan in mehreren Bauabschnitten die Gesamtsanierung der Kirche durchgeführt. Das Landesamt für Denkmalpflege fördert diese Maßnahme über einen Zeitraum von drei Jahren mit einer Großbeihilfe. Insgesamt wurden bereits 180 000 € ausgezahlt. Weitere Mittel sind vorgesehen.

Zur Maßnahme gehören sowohl Putzsanierungen im Innen- und Außenbereich als auch eine Sanierung des Daches. Einen bedeutenden Teil der Maßnahmen nimmt die Restaurierung der 48 Wand- und Deckengemälde im Kirchenschiff ein.

Zur Restaurierungsgeschichte der Gemälde

1. Die aktuelle Maßnahme

Da im Rahmen der aktuellen Maßnahme Arbeiten am Dachstuhl anstanden, mussten die Gemälde allein schon aus Schutzgründen abgenommen werden. Die Abnahme sollte zusätzlich allerdings auch dazu genutzt werden, die Gemälde nach neuesten restauratorischen Maßstäben zu konservieren. Dabei erfolgten eingehende Untersuchungen des Bestands und chemische Analysen der verschiedenen vorhandenen Materialien. Vor der Abnahme der Bilder wurde das Aufhängesystem systematisch dokumentiert und fotografisch aufgenommen. Vor dem Transport wurden in fragilen Bereichen auf den Gemälden Transportsicherungen (sogenannte „Facings") aus Polyesterflies und Wachspaste angebracht, um Schädigungen oder Verluste der Malschicht beim Transport zu vermeiden. Anschließend konnten die Gemälde abgenommen und über eine Seilwinde nach unten zum Kirchenboden abgelassen werden.

Nachdem alle Gemälde abgehängt waren, wurden sie in der eigens für die Arbeiten unter der Westempore der Kirche eingerichteten Restauratorenwerkstatt deponiert. Stück für Stück untersuchte anschließend der restauratorische Fachbauleiter Herr Weller-Plate die Gemälde und deren Rückseiten, um die gesammelten Erkenntnissen in ein exakt auf jedes einzelne Gemälde zugeschnittenes Leistungsverzeichnis für die anstehende Restaurierung zu erarbeiten. Die Restaurierung wird von einem Team aus spezialisierten Restauratoren ausgeführt.

2. Die festgestellten Schäden

Nach Anlegen von Musterflächen zur Reinigung, Umgang mit Fehlstellen, Kittungen und Ausführung der Retuschen erfolgen nun die Restaurierungsmaßnahmen. Bereits die ersten Proben zeigten, dass sich nach Abnahme von vergilbter Überzüge und Überarbeitungen der Fehlstellen die Malerei wieder in ihrem ganzen Detailreichtum und ihrer Farbintensität wahrnehmen lässt.

Die marouflierten Deckenbilder zeigen z. B. eine mehr- oder weniger starke, bogenförmige Verformung der Spannplatten. Die jeweils zwei, auf Stoß rückseitig aufgebrachten Sperrholzplatten der Marouflierung zeichnen sich auf der Bildvorderseite durch eine waagrechte blasenförmige Ablösung der Leinwand ab. Besonders in den Randbereichen der Gemälde sind zahlreiche aufgeklebte oder genagelte Leinwandflicken sichtbar, die über Risse und Leinwandbrüche aufgebracht wurden. Die Kanten der Flicken und auch die Rissbereiche sind zum Teil stark überkittet. Des Weiteren sind, besonders an den Bildern, die direkt an das Chorbogengesims anschließen, im Randbereich größere Leinwandanstückungen erkennbar.

Einige Bilder der Nord und Südwand zeigen im unteren Bereich eine Zone mit gestauchten Leinwandtaschen und Verbeulungen.
Es lassen sich außerdem krakelierte Malschichten feststellen, daneben gibt es in einigen Bereichen aufstehende Malschichtschollen. In einigen Partien ist die Malschicht auch bereits verloren, dort ist die Leinwand sichtbar. Kleinere Malschichtfehlstellen wurden größtenteils bei den bisherigen Restaurierungen nicht ausgekittet sondern einfach mit Ölfarbe retuschiert. Die Übermalungen sind zum Teil farblich umgeschlagen und fallen dadurch sehr auf.

Durch zu starke Hitzeeinwirkungen bei der Doublierung oder durch den Wachsüberzug sind Bereiche mit verschmolzenen und verbackenen Farbschichten entstanden.

Es lassen sich besonders in Bereichen, die der intensiven Sonneneinstrahlung auf der südlichen Wand ausgesetzt sind, großflächig Vergrauungen und Firniskrepierungen erkennen. Die Rückseiten der Gemälde sind sehr stark bis extrem verschmutzt, da es keinen Schutz auf den Rückseiten gab.

3. Frühere Restaurierungen

Die Gemälde blicken auf eine lange und ereignisreiche Restaurierungsgeschichte zurück. Die bereits erfolgten Restaurierungen sind heute zu einem festen Bestandteile der Gemälde geworden, bedingen ihren derzeitigen Zustand und geben dadurch auch die Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Restaurierungsmaßnahme vor. Ziel der aktuellen Maßnahme ist es, den vorliegenden Bestand, auch mit den späteren Zutaten wie Doublierungen und Marouflierungen zu erhalten. Neben einer Reinigung der Rück- und Vorderseiten ist das vorrangige Ziel, unschöne und optisch störende Kittungen und Retuschen zu überarbeiten und durch farbliche Eintönung der Umgebung anzugleichen. Lose Malschichten werden gefestigt, neue Fehlstellen gekittet und retuschiert.

Schon kurz nach ihrer Anbringung im Jahre 1700 wurden sämtliche Gemälde abgenommen und auf Leinwand doubliert. 1830 erfolgte eine Reinigung der Gemälde und die „Rettung vor dem genzlichen Verderben" durch Maler Kunig. 1929 bis 1931 wurden die Bilder ein weiteres Mal abgenommen und durch Maler Velte restauriert. Im Zuge dieser Maßnahme wurden die Deckengemälde vermutlich aufgrund der starken Durchhängung der Leinwände auf Sperrholzplatten aufgezogen, d. h. maroufliert. 1956 stellte man Schimmel auf den Gemälderückseiten fest, die Gemälde wurden daraufhin wiederum abgenommen und restauriert.

Die Ortsgespräche im Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen organisiert in regelmäßigen Abständen „Ortsgespräche", um alle im Landesamt für Denkmalpflege tätigen Konservatoren, die Unteren Denkmalschutzbehörden und die Vertreter der Presse über aktuelle Baumaßnahmen zu informieren. Vorgestellt werden Projekte von überregionalem Interesse, deren Restaurierung beispielhaft für andere Maßnahmen ist.