Unbequeme Relikte der jüngeren Vergangenheit

Spricht man heute von „unbequemen Denkmälern“, so denkt man etwa an die Konzentrations- und Vernichtungslager des Nationalsozialismus in Auschwitz und Buchenwald oder andere Schreckensorte totalitärer Herrschaft. Dass das Spektrum dieses in der Denkmalpflege noch recht jungen Begriffs auch die militärhistorischen Zeugnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte bis zum Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 1990er Jahre umspannt, ist vielen Bürger*innen nicht bekannt.

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Durch die Sprengung wurde die Bunkerdecke angehoben und liegt nun nahezu umgedreht auf den Resten des Bauwerkes.
Ein gesprengter Bunker der Wetterau-Main-Tauber-Stellung bei Niedermittlau. Die Bunkerdecke liegt nach der Sprengung nahezu umgedreht auf den Resten des Bauwerks.

Militärische Relikte des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges prägten einst ganze Landstriche entlang der Verteidigungslinien des Deutschen Reiches und später der scheinbar vom Krieg bedrohten jungen Bundesrepublik. Sie bezeugen damit einen schwierigen, aber besonders wichtigen Teil der Geschichte, der nicht in Vergessenheit geraten darf.
„Der Begriff der unbequemen Denkmäler wurde in den 1990er Jahren geprägt, als die Relikte des Nationalsozialismus, aber auch des Sozialismus in der DDR in den Fokus der Denkmalerfassung gelangten“, sagte Dr. Verena Jakobi, Landeskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen. „Neben militärischen Relikten müssen hier auch großflächige Industrieanlagen oder die Betonbauten der 1970er bis 1990er Jahre genannt werden. All diese Gebäude entsprechen nicht den gängigen Kriterien von „schön“ oder „gut“. Sie konfrontieren uns mit der Frage danach, wie wir sie unter Wahrung ihres Zeugniswertes in unser Alltagsleben integrieren können.“

Somit befinden sich die Erforschung und der Erhalt der militärischen Zeugnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte in Hessen, um die es hier gehen soll, inzwischen ebenfalls im Fokus der Denkmalpflege. Sie ergeben für die beiden im Landesamt für Denkmalpflege Hessen vereinten Disziplinen der Archäologie und der Bau- und Kunstdenkmalpflege ein spannungsreiches Arbeitsfeld, in das wir Ihnen an dieser Stelle hier anhand ausgewählter Beispiele gern Einblick geben möchten.

Unbequeme Denkmälergruppen

Die größte Gruppe der militärhistorischen Zeugnisse sind die vielerorts noch erhaltenen Bunkeranlagen oder ihre Reste, die oftmals bereits in die Liste der Kulturdenkmäler in Hessen eingetragen wurden. Hierzu zählen sowohl versteckt im Gelände liegende Munitionsbunker, wie die Bunker der ehemaligen MUNA bei Wolfhagen im Landkreis Kassel als auch die ins Stadtbild eingebundenen Hochbunker des Zweiten Weltkrieges, denen etwa die Stadt Frankfurt bereits 2012 eine eigene Publikation widmete. Doch auch weniger Augenfälliges kann Denkmalcharakter besitzen und muss daher, sollte eine Zerstörung durch notwendige Infrastrukturmaßnahmen unvermeidbar sein, zumindest fachgerecht dokumentiert werden. Aus bodendenkmalpflegerischer Sicht sind beispielsweise die nach Kriegsende rückverfüllten Feldstellungen von Artillerie- oder Flakgeschützen oder die Absturzstellen von Militärflugzeugen („crash sites“) zu nennen. In den Bereich der Bau- und Kunstdenkmalpflege gehören zum Beispiel Fliegerhorste, Kasernen oder Wachttürme, aber auch NS- und DDR-Verwaltungsbauten sowie bauliche Zeugnisse von Konzentrations- und Arbeitslagern. Zu nennen sind vor dem Hintergrund des NS-Euthanasieprogramms schließlich auch Heil- und Pflegeeinrichtungen.

Stand der Denkmalinventarisation

Bei der systematischen Erfassung fortifikatorischer Relikte, die bis hin zu den NATO-Stützpunkten an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze reicht, steht die Denkmalinventarisation erst am Beginn ihrer Arbeit. Hier gehört der heute als Gedenkstätte eingerichtete US-Stützpunkt Point Alpha zwischen Rasdorf und Geisa zu den wichtigsten Erinnerungsorten, an dem sich mit dem Beobachtungsturm, den Baracken, dem Sperrgraben sowie den Kolonnen- und Laufwegen noch gut sichtbare Spuren der ehemaligen Nutzung erhalten haben.

Für „Bodenspuren“, etwa bestimmte Bunker- oder Stellungsformen, existieren heute oftmals keine schriftlichen Quellen mehr. Baupläne und sonstige Unterlagen fehlen oder wurden am Ende des „Dritten Reiches“ absichtlich vernichtet. Auch schwindet die Generation der Zeitzeugen heute zusehends aus der Bevölkerung. In Zukunft wird es kaum noch Menschen geben, die die Kriegszeit miterlebt haben und aus erster Hand von ihren Schrecken berichten können. Hier bieten denkmalkundliche Recherchen und archäologische Untersuchungen die Möglichkeit, Wissenslücken zu schließen und es somit auch in Zukunft ermöglichen, bestimmte Kriegsereignisse zu rekonstruieren und in einigen Fällen sogar Opfern ihre Namen zurückzugeben.

Forschen gegen das Vergessen

Als Beispiel für den archäologisch-bodendenkmalpflegerischen Ansatz sind hier etwa die ab 2005 stattgefundenen mehrwöchigen, internationalen „work and study camps“ für Schüler*innen und Studierende im Konzentrationslager Mörfelden-Walldorf, einer Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof/Elsass südlich von Frankfurt, zu nennen. In Absprache mit der hessenARCHÄOLOGIE fanden hier Ausgrabungen im Keller der ehemaligen Küchenbaracke statt. Bei einem Pressetermin im September 2015 unterstrich Landesarchäologe Dr. Udo Recker die Bedeutung, die gerade die Gattung der sogenannten „unbequemen Denkmäler“ für die heutige Gesellschaft habe: „Die archäologischen Befunde und Funde beleuchten nicht nur lokale Gegebenheiten, sondern beschreiben auch die Umstände, in denen Menschen Unrecht widerfahren ist. Sie führen damit über ihren wissenschaftlichen Erkenntniswert hinaus in den Bereich der Betroffenheit. Nicht zuletzt aus dieser Betroffenheit entsteht jenes Nachdenken und Verantwortungsbewusstsein, ohne das eine moderne bürgerliche Gesellschaft nicht auskommt.“

Sonja Bonin, Dr. Sandra Kreß, LfDH, Bau- und Kunstdenkmalpflege
Dr. Beate Leinthaler, Dr. Bernd Steinbring, LfDH, hessenARCHÄOLOGIE
15.01.2021