Entscheidung zur „Mathildenhöhe Darmstadt“ auf Sommer 2021 vertagt

Nun ist es offiziell: in diesem Jahr ist nicht mehr mit einer Entscheidung für die „Mathildenhöhe Darmstadt“ durch das Welterbekomitee der UNESCO zu rechnen. Das Büro des Welterbekomitees in Paris hatte Mitte Oktober beschlossen, dass die 44. Sitzung des Welterbekomitees 2020 nicht mehr durchgeführt und damit auch nicht über die neuen Kandidaten entschieden wird.

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Künstlerkolonie Mathildenhöhe
Künstlerkolonie Mathildenhöhe

Dabei war eigentlich alles so schön nach Plan gelaufen. Vor Weihnachten 2018 waren wir bepackt mit den Antragsunterlagen nach Bonn zur Kultusministerkonferenz gefahren, damit die Bunderepublik Deutschland den hessischen Welterbeantrag „Mathildenhöhe Darmstadt“ in Paris bei der UNESCO fristgerecht zum 1. Februar 2019 einreichen konnte (D&K, H. 1, 2019, „Welterbenominierung ‚Mathildenhöhe Darmstadt‘ liegt zur Prüfung in Paris vor“). Es folgte das obligatorische mehrstufige Evaluierungsverfahren durch den Internationalen Rat für Denkmalpflege (International Council on Monuments and Sites – ICOMOS), der im Auftrag des Welterbkomitees als Beratergremium Welkulturerbeanträge begutachtet und dem Komitee eine Empfehlung in einem Abschlussgutachten ausspricht. Somit fand im Sommer 2019 die dreitägige sogenannte Technical Evaluation Mission vor Ort auf der Mathildenhöhe statt, in der die Stadt Darmstadt, das Land Hessen und Privateigentümer die Möglichkeiten hatten, das zum Welterbe nominierte Gebiet einer Gutachterin in seinem Erhaltungszustand zu präsentieren und laufende sowie geplante Projekte (z. B. am Ausstellungsgebäude oder den Häusern Deiters und Olbrich) vorzustellen. Im Anschluss wurden mehrfach auf Rückfragen ergänzende Unterlagen für das ICOMOS-Abschlussgutachten von Stadt und Land erarbeitet, im November erfolgte die „Verteidigung“ in Paris vor ICOMOS und Ende Februar 2020 wurden die letzten Papiere (noch mal circa 500 Seiten) in enger fachlicher Begleitung mit dem Auswärtigen Amt an den Internationalen Rat für Denkmalpflege geschickt. Damit hatten wir unsere „Hausaufgaben“ unter höchstem Zeitdruck und größter Anstrengung erfüllt und waren gespannt, was ICOMOS international dem Welterbkomitee zu „unserer“ Nominierung empfehlen würde.

Parallel nahm im Frühjahr die erschreckende, weltweite Ausbreitung von COVID-19 zu und die Hoffnung, dass die 44. Sitzung des Welterbekomitees, die vom 29. Juni bis zum 9. Juli 2020 im chinesischen Fuzhou geplant war, wirklich durchgeführt werden konnte, schwand zusehends; auch Alternativpläne für eine Durchführung im UNESCO-Headquarter in Paris für den Herbst diesen Jahres wurden immer unwahrscheinlicher. Nun hoffen wir, dass zum 120-jährigen Jubiläum der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie, die 1901 auf der Mathildenhöhe stattfand, mit einer Entscheidung 2021 zu rechnen ist.

Wegbereiterin der Moderne

Seit Sommer 2014 haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Darmstadt, des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und externe WissenschaftlerInnen an der Welterbenominierung für die „Mathildenhöhe Darmstadt“ gearbeitet. Das nominierte Gebiet auf der Mathildenhöhe setzt sich aus einer Überlagerung der Flächen zusammen, die im Rahmen der vier Ausstellungen (1901, 1904, 1908 und 1914) von der Künstlerkolonie Darmstadt mit Dauerbauten bespielt wurden. Dies hat zur Folge, dass zwei Bereiche ausgewiesen wurden: es ist ein Hauptgebiet, das die Ausstellungsflächen von 1901, 1908 und 1914 mit dem Ernst Ludwig-Haus und den Künstlerhäusern, dem Ausstellungsgebäude samt Hochzeitsturm, dem Ateliergebäude von 1914, die umgebenden Freiflächen inklusive Platanenhain abbildet. Das kleinere Gebiet umfasst die Dreihäusergruppe, die Gegenstand der 1904-er Ausstellung war.

Die „Mathildenhöhe Darmstadt“ gilt als weltweit bedeutender Ort im Kulturtransfer. Zwischen 1899 und 1914 entstand auf dem Areal ein einzigartiges und außergewöhnliches architektonisches und landschaftsgestaltendes Ensemble, das als Wegbereiter der Moderne anzusehen ist. Auch der zügige Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen veranschaulicht einerseits den kulturellen und identitätsstiftenden Wert, den die Mathildenhöhe innehat. Andererseits zeigen sich in der Wiedernutzbarmachung der historischen Gebäude auch das Bedürfnis der Bevölkerung, das Trauma des Krieges zu überwinden, und gleichermaßen das hohe Maß der Identifikation mit diesem Kulturerbe und seinen humanistischen Werten.

Umfangreiche Untersuchungen

Die rund 1.000 Seiten umfassenden, auf Englisch formulierten Antragsunterlagen bestehen zum einen aus dem Nominierungsdossier, das im Wesentlichen begründet, warum die „Mathildenhöhe Darmstadt“ nach Auffassung der Antragsteller zum Erbe der Menschheit gehören und auf die UNESCO-Welterbeliste eingetragen werden sollte. Dafür wurde zum Beispiel eine umfangreiche Analyse angefertigt, die die „Mathildenhöhe Darmstadt“ weltweit mit zeitlich, geografisch und thematisch verwandten Stätten und Ensembles vergleicht. Zum anderen wurde in einem Managementplan ein umfassendes, dauerhaftes und nachhaltiges Schutzprogramm zusammengestellt, wodurch das Areal erfasst, gesichert und vermittelt sowie an künftige Generationen weitergegeben werden soll. Darüber hinaus untersucht eine Studie den Standort des geplanten Besucherzentrums und das gesamte Areal wurde einer intensiven denkmalkundlichen Erfassung unterzogen. Das so genannte Großinventar Mathildenhöhe wird in der Reihe der „Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege“ im kommenden Jahr erscheinen.

Der Blick nach vorne

Auf seiner 14. außerordentlichen Sitzung hat das Welterbekomitee der UNESCO Anfang November 2020 entschieden, dass die 44. Sitzung um ein Jahr vertagt im Juni/Juli 2021 in Fuzhou stattfinden soll. Neben der „Mathildenhöhe Darmstadt“ warten jedoch noch weitere deutsche Kandidaten als Teil von seriellen Nominierungen auf eine Entscheidung, wie die Erweiterung der Grenzen des Römischen Reiches um den Donaulimes sowie die bedeutenden europäischen Bäder des 19. Jahrhunderts, zu denen Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen zählen. Und seit diesem Jahr die SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz sowie der Niedergermanische Limes. – Es bleibt somit nicht nur für die „Mathildenhöhe Darmstadt“ bis zum Sommer 2021 spannend.

Dr. Jennifer Verhoeven, Landesamt für Denkmalpflege Hessen
09.11.2020