Der Jüdische Friedhof in Bad Soden … ein Archiv im Freien

Der Jüdische Friedhof in Bad Soden ist eines von vielen Beispielen dafür, was wir an Zeugnissen der Geschichte verlieren können. Nicht nur der Zahn der Zeit, auch die antisemitischen Gräuel des Nationalsozialismus haben ihre sichtbaren Spuren an der unter Denkmalschutz stehenden Begräbnisstätte hinterlassen und nur noch 189 der 288 Grabsteine sind überhaupt erhalten, viele davon kaum oder gar nicht mehr lesbar. Fragmente des einst reichhaltigen jüdischen Lebens im Main-Taunus-Kreis.

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Cover der Publikation „Der Jüdische Friedhof in Bad Soden … ein Archiv im Freien“
2018 wurde die Interessengemeinschaft Jüdischer Friedhof Bad Soden mit dem Ehrenamtspreis des Hessischen Denkmalschutzpreises ausgezeichnet – ihre neue Publikation ist der würdige Abschluss ihrer Bemühungen um den Friedhof.

2015 begann die Interessengemeinschaft Jüdischer Friedhof Bad Soden damit, die noch vorhandenen Grabsteine zu sichten und zu sichern, was noch an Wissen vorhanden war. Dokumentationen dieser Art sind ein wichtiger Aspekt der praktischen Denkmalpflege, denn trotz aller Bemühungen lässt sich nicht jedes Denkmal für die Ewigkeit erhalten. Die Bemühungen der Interessensgemeinschaft wurden im Jahr 2018 mit dem Ehrenamtspreis des Hessischen Denkmalschutzpreises ausgezeichnet. Mit der Herausgabe von „Der Jüdische Friedhof in Bad Soden … ein Archiv im Freien“, finden diese Mühen nun auf 210 Seiten ihren verdienten Abschluss. „Unsere Recherchen und ihre Dokumentation halte ich für unbedingt geboten, denn in nur wenigen Jahren wird man nicht mehr in der Lage sein, die jetzt schon abblätternden und zerbrochenen Schriftfelder zu entziffern. Ohne eine solche Arbeit verschwinden Namen, Verdienste, Schriften und Geschichten der Menschen aus ihren Städten und damit auch aus unserer Stadt“, schreibt Lissy Hammerbeck im Vorwort des gemeinsam mit Sven Thomas Hammerbeck und Dr. Lothar Tetzner herausgegebenen Werkes.

Doch ist die Dokumentation der Grabstellen nur ein Teil dessen, was das Buch leistet. Die Grabinschriften werden für den Leser nicht nur dokumentiert, übersetzt und um die Erkenntnisse aus dem schriftlichen Gedächtnis des Friedhofes, dem „Protocoll-Buch“, ergänzt, auch ihre Bedeutung und die Verweise auf die jüdischen Traditionen, die sich in den Inschriften finden, werden erläutert. Wie nebenbei erfährt der Leser Dank der sorgfältigen Kommentierung von Dr. Lothar Tetzner so auch Seite um Seite weitere kleine Eigenheiten des Hebräischen. Begleitet werden die Lebensgeschichten und Dokumentationen von einer Vielzahl großformatiger Abbildungen, die nicht nur den Zustand der Grabstätte im Jahr 2019 belegen, sondern auch vor Augen führen, was bereits alles verloren ist.

Bereits als ihre Leistungen und ihre Auszeichnung mit dem Ehrenamtspreis 2019 in die Publikation zu den Preisträgern des Hessischen Denkmalschutzpreises 2016 – 2018 aufgenommen wurde, wusste Lissy Hammerbeck, welche beeindruckenden Ergebnisse ihre gemeinsamen Dokumentationen und Forschungen erzielt hatten. „Bei unseren Forschungen stießen wir auf so viele Namen beeindruckender Persönlichkeiten, von denen niemand mehr wusste, dass sie hier begraben liegen“, erinnerte sie sich. Denn wenngleich der Friedhof in Bad Soden mit seinen 147 Jahren vergleichsweise jung ist, so haben auf ihm doch Kurgäste aus fast ganz Europa ihre letzte Ruhe gefunden.

Dank „Der Jüdische Friedhof in Bad Soden … ein Archiv im Freien“ kann nun jede interessierte Leserin und jeder interessierte Leser diese Entdeckungsreise der Interessensgemeinschaft Jüdischer Friedhof Bad Soden nachvollziehen. Die Hammerbecks und Dr. Tetzner leisten damit einen wichtigen Beitrag dazu, dass dieses Stück hessischer Geschichte noch lange im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt.

Lars Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen
06.07.2020

Das Buch erschien im Blattlausverlag Saarbrücken und ist im Buchhandel für 24,50 € erhältlich.

Weitere Informationen zum Jüdischen Friedhof in Bad Soden finden Sie auf der Webseite des Friedhofs.