Der Herrnhuter Stern leuchtet nicht nur im Großen Saal des Herrnhaag bei Büdingen

In diesem Jahr haben wir unsere Weihnachtskarte der Siedlung Herrnhaag bei Büdingen gewidmet, deren Grafenhaus seit 2015 umfassend restauriert wird. Die Herrnhuterin Margot Müller-Ladeburg äußert sich im Interview zu den historischen Wurzeln des Herrnhaag, der Herrnhuter und des Sterns, der längst zu einem festen Bestandteil unserer Weihnachtstradition geworden ist.

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Stimmungsvolles Detail des beleuchteten Herrnhuter Sterns im Großen Saal des Grafenhauses in Herrnhaag bei Büdingen.
Das 1744 erbaute Grafenhaus des Herrnhaag – auch Lichtenburg genannt – wird seit 2015 unter fachlicher Begleitung des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen umfassend restauriert.

Frau Müller-Ladeburg, neben Ihren zahlreichen Tätigkeiten im unmittelbaren Umfeld des Herrnhaag und der Herrnhuter betreiben Sie auch eine Papierwerkstatt, in der Sie selbst Sterne in Herrnhuter Tradition herstellen. Wann und in welchem Zusammenhang wurde der Weihnachtsstern mit den vielen Zacken entwickelt?

Der erste noch erhaltene Beleg zum Sternebau stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einem alten Geometrie-Schulheft aus einem Familiennachlass wurde die Konstruktion und Zeichnung eines Sternkörpers gefunden. In der Literatur wird erwähnt, anlässlich der Jubiläumsfeier in einem Jungeninternat habe ein Lehrer mit seinen Schülern einen großen Stern als Lehrstück der Geometrie gebaut und diesen mit einem Schälchen Rüböl von innen beleuchtet.
Die Anzahl der Zacken (Strahlen) ist variabel, je nach handwerklichem Geschick kann ein Stern 20, 26, 32, 50 oder 110 Zacken haben. Der klassische Herrnhuter Stern, den man selbst zusammenstecken kann, hat 25 Zacken. Leider beherrschen heute nur noch sehr wenige Menschen die ursprüngliche Technik des Sternebauens.

Welche besonderen Traditionen pflegen die Herrnhuter Brüdergemeinen im Advent und an Weihnachten?

Im Advent trifft man sich in den Ortsgemeinden zu Andachten, bei denen das Singen im Mittelpunkt steht. Beim Hosianna-Singen am Samstag vor dem 1. Advent etwa wird bis heute ein Doppelchor-Gesangsstück von Christian Gregor aus dem Jahr 1765 gesungen. Dem Chor antwortet ein Kinderchor.
Früher wurden in den Familien und den Gemeindegruppen Herrnhuter Sterne und kunstvolle Transparente gebastelt.

Woher kommt die Bezeichnung Herrnhuter und auf wen berufen sie sich?

Die Anfänge der alten Brüder-Unität gehen auf die Husitische Reformation zurück. Nach Verfolgung und Flucht aus Böhmen und Mähren (heute Tschechien) wurde unter Nikolaus Graf von Zinzendorf ein Neuanfang im sächsischen Herrnhut gemacht. Dieser Ortsname hat sich bis heute im Kirchennamen erhalten.

Was ist die Herrnhuter Brüdergemeine?

Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine weltweite evangelische Freikirche, mit der offiziellen Bezeichnung „Evangelische Brüder Unität“ (www.ebu.de). Die Mitglieder sind bestrebt, ihren christlichen Glauben im Alltag erkennbar werden zu lassen, dabei spielt das gemeinschaftliche, geschwisterliche Zusammenwirken eine zentrale Rolle. Demzufolge lässt sich der Name vom Begriff Gemeinschaft herleiten, deswegen ohne „d“.

Wie viele Herrnhuter gibt es heute?

In Deutschland leben in 18 Gemeinden knapp 5000 der weltweit 1,2 Mio Mitglieder.

Gibt es neben dem Herrnhaag noch weitere Siedlungen der Herrnhuter in Hessen und was zeichnet sie aus?

Es gibt zwei Zentren, ein in Frankfurt-Bockenheim und das andere in der historischen Siedlung Herrnhaag bei Büdingen.
Die 1738-1750 errichtete Siedlung Herrnhaag war die erste Siedlung, deren bauliche Struktur aus den Bedürfnissen der Gemeinde entwickelt wurde. Diese Anlage wurde Vorbild für alle weiteren Gemeindegründungen rund um den Erdball.

Was geschah mit der Siedlung, nachdem sie schon nach nur wenigen Jahren wieder aufgegeben werden musste?

Nach verschiedenen Nutzungen war der Herrnhaag seit dem 19. Jahrhundert fürstliches Hofgut und diente schließlich als Arbeitsdienst- und Gefangenenlager. In all den Jahren wurden immer wieder Gebäudeteile ab- und ausgebaut. Sandsteine wurden zum Bau von Scheunen und Häusern in den umliegenden Orten abtransportiert.

Wie wird der große Saal im Grafenhaus heute genutzt?

Der Gottesdienst- und Versammlungsraum der Gemeinde ("der Saal") wurde von Zinzendorf auch "Wohnzimmer der Gemeinde" genannt. Folglich ist es für den Herrnhaag-Verein selbstverständlich, den großen Saal nicht nur für Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. In den Sommermonaten wird er sowohl für Konzerte und Ausstellungen als auch für Familienfeiern genutzt. Auch die Jugend- und Freizeitgruppen, die das Haus mieten, können den Saal nutzen.

Wer lebt heute auf dem Herrnhaag?

Auf der einen Seite wird der Herrnhaag von einer Familie bewohnt, die auf dem Hofgut Landwirtschaft und einen Betrieb für Erdarbeiten betreibt. Auf der anderen Seite befindet sich der Verein der Freunde des Herrnhaag. Unter seinem Dach haben sich die Jugendwerkstatt Herrnhaag, ein Qualifizierungsprojekt für junge Menschen mit schwierigen Biografien und die Sozietät Herrnhaag etabliert, die sich auf dem Weg zu einem Mehrgenerationen-Projekt befindet.

Kann man am Leben der Herrnhuter auf dem Herrnhaag teilhaben?

Wer auf dem Herrnhaag für eine gewisse Zeit in der Lebensgemeinschaft mit leben und arbeiten möchte, kann sich melden, um ein Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen zu vereinbaren. Darüber hinaus sind alle Versammlungen der Brüdergemeine öffentlich.

Welche Aufgaben hat der Verein der Freunde des Herrnhaag?

Satzungsgemäß hat der Verein die Aufgabe, die Gebäude zu sanieren, um sie kirchlichen, sozialen oder kulturellen Zwecken zur Verfügung zu stellen. Aber Bauen und Nutzen gehen Hand in Hand und so ist Herrnhaag auch in unfertigem Zustand zu einem Ort der Begegnung und Besinnung geworden.

Für welchen Zeitraum ist die Sanierung der Lichtenburg geplant?

Seit dem Erwerb der Gebäude 1959 wird auf und um den Herrnhaag aufgeräumt, gebaut, saniert und renoviert. Mehrere Generationen haben ehrenamtlich dazu beigetragen, die historische Bausubstanz zu sichern, indem sie Spenden akquiriert und selbst Hand angelegt haben. Trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren und dank massiver Unterstützung durch die Denkmalpflege ist ein Ende dieser Arbeiten nicht absehbar – der Weg ist das Ziel.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Müller-Ladeburg!

Zur Sanierung des Grafenhauses

Das Grafenhaus des Herrnhaag – auch Lichtenburg genannt – wird seit 2015 unter fachlicher Begleitung und mit Fördermitteln des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen umfassend restauriert.

Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege
15.12.2021

Mit unserer Weihnachtskarte wünschen wir Ihnen frohe Feiertage!