Gräber in einem Privatgarten

Der Schädelfund in der Baugrube des Bürgerhauses Bensheim war kein Fall für die Kripo, sondern einer für die Außenstelle Darmstadt der hessenARCHÄOLOGIE. Mit der anberaumten Untersuchung war es möglich, Altfunde aus den 1970er Jahren besser einordnen und einen ungewöhnlichen Bestattungsort der frühen Neuzeit näher betrachten zu können.

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Foto Freilegung Skelettfund Bensheim
Skelettfund vom Bürgerhaus Bensheim während der Freilegung.

Im August 2020 fand sich bei Bauarbeiten zur Sanierung des Bürgerhauses Bensheim ein menschlicher Schädel, der umgehend der Kriminalpolizei in Heppenheim gemeldet wurde. Die Begutachtung durch die Polizei, das Museum Bensheim und die Außenstelle Darmstadt der hessenARCHÄOLOGIE zeigte schnell, dass es sich um eine historische Bestattung und nicht um ein aktuelles Tötungsdelikte handelt. Da die Baugrube in diesem Bereich erweitert werden sollte, war eine kurze archäologische Untersuchung vor Ort notwendig.

Dabei konnte die Bestattung komplett freigelegt und dokumentiert werden. Die 25 bis 35 Jahre alte Frau – dies ergab sich aus der anthropologischen Untersuchung des Skeletts – lag auf dem Rücken in einem Holzsarg, dessen Reste noch bei der Untersuchung nachgewiesen werden konnten. Im Umfeld des Skeletts fanden sich in der Baugrube Bauschuttreste und Keramikscherben, die eine Anlage der Bestattung im bebauten Bereich belegen und sie grob ins 15. bis 17. Jahrhundert datieren. Unter dem Skelett fand sich eine Eisensichel, die aufgrund der Lage als „Beigabe“ und nicht zufällig ins Grab kam. Wahrscheinlich steckte das Werkzeug im Gürtel auf dem Rücken der Bestatteten.

Bereits beim Bau des Bürgerhauses konnten durch den örtlichen Grabungsleiter Skelette geborgen werden. Insgesamt 23 Bestattungen waren seinerzeit nachweisbar, bei denen einzelne eine Abdeckung des Gesichtes mit einem Ziegel hatten. Von diesen Skeletten haben sich nur noch acht Schädel erhalten, die von drei Erwachsenen und fünf Jugendlichen stammen. Schon damals konnte nachgewiesen werden, dass diese Gräber offenbar in Reihen lagen.

Das besondere an dieser Gräbergruppe ist, dass sie außerhalb der bekannten Friedhöfe Bensheims lag. Die Bestattung außerhalb der christlichen oder jüdischen Friedhöfe bedeutet eigentlich, dass die Personen außerhalb der bekannten Glaubensrichtungen und damit auch außerhalb der Gesellschaft standen. 14C-Analysen an den Skeletten bestätigen die Datierung über die im Umfeld gefundene Keramik auf das ausgehende 15. bis ins frühe 17. Jahrhundert. Für das Ende des benannten Zeitraums ist belegt, dass die Angehörigen der Familie Walderdorff, eines örtlichen Junker-Geschlechts, im Garten des eigenen Anwesens bestattet werden mussten. Dieses lässt sich anhand der historischen Überlieferung auch im Bereich des Bürgerhauses lokalisieren. Anlass für den ungewöhnlichen Bestattungsort war, dass der katholische Pfarrer den mittlerweile der calvinistischen Glaubensrichtung angehörenden Familienmitgliedern die Bestattung auf dem Kirchhof verweigerte.

Auch wenn der Beweis erst noch durch zukünftige Forschungen erbracht werden muss, deutet vieles auf eine Gleichsetzung der Skelettfunde mit den historisch überlieferten Begräbnissen. Dies zeigt eindrücklich, dass in der mittelalterlichen Stadtkernarchäologie immer wieder mit überraschenden Befunden zu rechnen ist und wie wichtig die interdisziplinäre Zusammenarbeit für die Deutung solcher Befunde ist.

Dr. des Thomas Becker, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
Christoph Breitwieser M.A., Museum Bensheim 
08.11.2021