Wissenschaftliches Kolloquium am 17. März 2016

City Fortifications in the Roman West Stadtbefestigungen im Westen des Römischen Reichs.
Aktuelle Fragen, Probleme und Erkenntnisse zur absoluten Datierung und zur Objektbiografie

 
Unter dem reichen Erbe des Römischen Reiches zählen die Befestigungen seiner Städte mit ihren Mauern, Zwischentürmen und Stadttoren sicherlich zu den eindrucksvollsten archäologischen Relikten.
Als die berühmtesten Beispiele sind hier die Porta Nigra in Trier (das ehemalige Nordtor von Augusta Treverorum) ebenso zu nennen wie die Befestigungen von Nîmes und Le Mans in Frankreich, von Lugo in Spanien und nicht zuletzt natürlich die Aurelianische Mauer in Rom. Und auch kleinere Städte erhalten regelhaft Stadtmauern wie unter anderem Beispiele aus Hessen, Frankfurt-Heddernheim und Dieburg oder aus Baden-Württemberg, Ladenburg, Rottenburg und Bad Wimpfen, belegen.

Dieser reichen Quellenlage trägt die archäologische Forschung in Deutschland in den letzten Jahren in etwa 25 ganz unterschiedlichen Projekten verstärkt Rechnung, darunter alleine in acht laufenden Qualifikationsarbeiten an deutschsprachigen Universitäten.

Auch im internationalen Umfeld gibt es derzeit große Bestrebungen, zu einer systematisch-vernetzten Forschung auf diesem Gebiet zu gelangen. Die günstige Forschungssituation wird weiter bereichert durch einige aktuelle und teils ganz erstaunliche neue Befunde etwa aus Nijmegen oder Koblenz.
Die hier vorgestellte Veranstaltung geht aus der Stadtmauer-AG hervor, die ein Netzwerk für hauptsächlich deutschsprachige Archäologen ist, die römische Siedlungsbefestigungen im Westen des Römischen Reiches bearbeiten.
Nach einem ersten kleineren Kolloquium, das im Oktober 2014 an der Universität zu Köln veranstaltet wurde, luden dieses Mal die Stadt Dieburg, die hessenARCHÄOLOGIE, das DFG-Graduiertenkolleg 1878 „Archäologie vormoderner Wirtschaftsräume" sowie die Universität zu Köln ein.

Das Kolloquium in Dieburg in den historischen Räumen von Schloss Fechenbach mit über 60 Teilnehmern bot sowohl einen international zusammengesetzten wissenschaftlichen Referentenkreis als auch ein an der Diskussion teilnehmendes Fachpublikum.

Im Laufe des Tages wurden aktuelle Fragen, Probleme und Erkenntnisse zur absoluten Datierung und zur Objektbiografie gestellt und soweit derzeit möglich beantwortet.
Alte Interpretationen der Forschung sollten hinterfragt und neue Fragen aufgeworfen werden. Denn trotz räumlich übergreifender Befunde wie den ab dem 3. Jahrhundert n.Chr. flächenmäßig reduzierten, aber insgesamt mächtigeren Dimensionen römischer Stadtmauern steht die Frage im Raum, ob und wie die Anlagen von Stadtbefestigungen auch von recht individuellen Umständen geprägt sein könnten.
Landesarchäologe Dr. Udo Recker erläuterte in seinem Grußwort in diesem Zusammenhang:
„Die Erforschung der römischen Stadtmauern bietet mit dem Erstellen römischer Stadtpläne eine Nachzeichnung der Stadtentwicklung und des städtischen Selbstverständnisses. Das kann aber nur in der Gesamtschau der archäologischen Befunde aus einer römischen Stadt mit Stadtmauer erfolgen, d.h. Beschäftigung mit der Stadtmauer ist Beschäftigung mit der Stadt- und wohl auch Regional(Umlands)geschichte und verweist damit auf übergeordnete Zusammenhänge in Politik, Militärgeschichte und gesellschaftspolitischen Verhältnissen.

Besondere Bedeutung kommt den ideellen Aspekten zu. Was heißt Stadtmauerbau? Abgrenzung von Rechtszuständen, Abgrenzung wegen Bedrohung, Bedrohung in welcher Form und welchem Ausmaß?
Oder verweist der römische Stadtmauerbau bereits auf die mittelalterlichen Einstellungen im Voraus, also Stadtmauerbau aus Prestigegründen, Schutz vor überregionalen (übermächtigen) Gegnern oder vor Räuberbanden in gesetzlosen Zeiten?

Der Mauerbau wirkt daher sowohl außen- als auch innenpolitisch, und die Errichtung der städtischen Umwehrungen wirft ein eindringliches Schlaglicht auf die Gesamtsituation in einer römischen Provinz.
Dieburg ist heute nicht nur angesichts der neuen Forschungen vor Ort ein idealer Tagungsort für das anschließende Kolloquium, es bietet sich auch mit Blick auf die Nachbar-Civitas und ihrem Hauptort Nida-Heddernheim in Frankfurt an, wo ebenfalls intensive Stadtmauerforschungen betrieben werden. Die hessenARCHÄOLOGIE möchte als Kooperationspartner mit diesem Kolloquium einen Impuls für die verstärkte weitere Forschung in Hessen insgesamt zu Orten des Limeshinterlandes geben - dem Raum Starkenburg für die Siedlungsgeschichte zwischen Augustus und dem Limesfall und der Spätantike, seiner Rolle im Vergleich mit dem Raum Wetterau, dem Rheingau in Hessen einerseits, und dem mittleren Neckarland, dem Neckarschwemmfächer, dem Kraichgau und der Rheinebene usw. andererseits, und den Aspekten einer unterschiedlichen wie auch einer gleichförmigen Entwicklung im Detail."
Unter der Moderation von Michael Drechsler M. A. (Universität zu Köln) referierten anschließend:

Dr. Didier Bayard (conservateur général du patrimoine, service régional de larchéologie, DRAC de Picardie), Urban forifications in northern Gaul during the late Empire. The current state of research
Dr. Peter Henrich (GdKE Rheinland-Pfalz, Landesarchäologie Außenstelle Koblenz), Neues zur spätantiken Stadtmauer von Confluentes/Koblenz
Ulrich Stockinger M. A. (Universität zu Köln), Die spätantike Befestigung von Antunnacum/Andernach Fakten, Fragen und Fragmente
Daniel Burger M. A. (Universität Freiburg), Das Befestigungssystem des Legionslagers in Mogontiacum/Mainz
Prof. Dr. Thomas Fischer, Neues zur Befestigung des spätantiken Regensburg Drs. Paul Franzen (Stadtarchäologie Nijmegen), Neues zu den Befestigungen in Nimwegen Mauern in einem Land ohne Steine
Beim öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Egon Schallmayer „In ‚stürmischen Zeiten Die römische Siedlungsmauer von MED(---) Dieburg und die Umwehrungen der Civitas-Hauptorte in Obergermanien als Teil eines neuen Sicherungs-und Infrastrukturprogrammes unter Maximinus Thrax" in der Römerhalle in Dieburg wurde der Teilnehmerkreis des Kolloquiums um über 200 Zuhörer aus Dieburg und Umgebung erweitert.
Ausgehend vom Stadtmauerbau und Straßenbau in der Provinz Obergermanien um ca. 235 n.Chr. beschrieb Schallmayer den Aufstieg und Fall des römischen Kaisers Maximinus Thrax († April 238 in Aquileia, römischer Kaiser von 235 bis 238).

Im Anschluss dankte Prof. Dr. Thomas Fischer dem Referenten und vor allem den jungen wissenschaftlichen Kollegen, die mit viel Engagement aus der einstigen Arbeitsgemeinschaft heraus nunmehr ein internationales Kolloquium etabliert haben, das sicherlich auch zukünftig die neuen Forschungsergebnisse im Kreise der internationalen Wissenschaftler diskutieren wird.