Von Intaktem und Zerscherbten

Zum zweiten Jahr in Folge öffneten am vergangenen Sonntag Restaurierungswerkstätten in ganz Europa ihre Türen für interessierte Bürgerinnen und Bürger. Wie im letzten Jahr beteiligte sich das Landesamt für Denkmalpflege wieder, diesmal mit der Restaurierungswerkstatt der Abteilung hessenARCHÄOLOGIE. Über 120 Besucher nutzten die Gelegenheit, um einen Einblick in die Arbeit der Restauratorinnen und Restauratoren zu gewinnen.

Header_008_ETdR-hA2019.jpg

Christine Henke bei der Erläuterung einer Fundbetrachtung unter dem Digitalmikroskop
Christine Henke erläutert die Arbeit mit dem Digitalmikroskop. Das Mikroskop kann dabei Bilder im Mikrometerbereich anfertigen und ermöglicht so einen tiefen Einblick in die Materie.

Angelika Ulbrich, kommissarische Leiterin der Archäologischen Restaurierungswerkstatt, zeigte sich am Ende des Europäischen Tages der Restaurierung sichtlich zufrieden: „Das breite Interesse der Besucherinnen und Besucher an der Aufgabe der Restaurierung für die Archäologie hat uns sehr gefreut.“ Ulbrich eröffnete die Führungen mit einem Eindruck der Aufgaben und Herausforderungen der Restaurierungswerkstatt für die hessenARCHÄOLOGIE.

Funde im Block

Am Beispiel eines Kupferkessels aus Bad Schwalbach (Rheingau-Taunus-Kreis) bot Ulbrich den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick, was am Ende eines langen Arbeitsprozesses entstehen kann. Der Kessel, wie viele andere Funde auch, war Teil einer sogenannten Blockbergung. Bei dieser werden Funde nicht auf der Grabung selbst bearbeitet, sondern noch in der Erde verbleibend – „im Block“ – in die Restaurierungswerkstatt eingeliefert. Auch aktuelle Grabfunde aus keltischer Zeit (Fundorte: Ober-Erlenbach, Hochtaunuskreis, und Bad Soden, Main-Taunus-Kreis) beeindruckten die Besucher. So war ein Fundkomplex so „frisch“, dass seine Bearbeitung noch nicht abgeschlossen war. „Den linken Arm, den hab ich noch auf meinem Arbeitsplatz“, lachte Ulbrich.

Der tiefe Einblick in die Materie

Durch die gestiegene Anzahl von Blockbergungen wird auch die Dokumentation in der Restaurierungswerkstatt immer wichtiger, wie Christine Henke anschließend erläuterte. In der Werkstatt – quasi unter Laborbedingungen – sind nun wesentlich detailliertere und sorgfältigere Dokumentationen möglich, als auf einer Grabung. Auch die Technik schreitet immer weiter voran. War früher die händische Dokumentation Gang und Gebe, ersetzen heute vom Rechner zusammengerechnete 3D-Fotografien die aufwändigen, teils großflächigen Zeichnungen. „Da saß man auch mal eine Woche dran und war nur am Ausmalen“, schmunzelte Henke. „Zeichnen von Hand müssen wir heute fast gar nicht mehr“, erklärte die Restauratorin. Für einen wesentlich tieferen Einblick in die Materie steht Henke zusätzlich ein Digitalmikroskop zur Verfügung, welches Aufnahmen im Mikrometerbereich ermöglicht.

Objekt ist nicht gleich Objekt

Doch wie geht es weiter, wenn die Funde erst einmal dokumentiert sind? Dieser Frage widmete sich Daniel Usher. Am Beispiel einer frischen Blockbergung sowie den Ergebnissen vergangener Arbeiten erläuterte er, wie die Restauratorinnen und Restauratoren mit den Bergungen arbeiten und wie das Spektrum „von Intaktem bis Zerscherbten“ aufbereitet wird. Gerade die Vergleiche von Vor- und Nachzustand sorgten bei den Besuchern für Erstaunen, wandelten sich auf den Bildern doch kaum als solche erkennbare Fragmente plötzlich zu Messerklingen und Schmuck. Dabei erfordere jedes Objekt, egal ob aus Glas, Stoff oder Eisen einen frischen Blick und eine sorgfältige Bearbeitung, erklärte Usher: „Eisen ist nicht gleich Eisen und Objekt ist nicht gleich Objekt.“

Der Erhalt von Spuren der Zeit

Die Reise der Fundobjekte ist damit jedoch noch nicht an ihrem Ende, wie Monica Bosinski in der letzten Station der Führungen aufzeigte. Wie wichtig sowohl für die frisch geborgenen, als auch für die aufbereiteten Objekte die richtige Lagerung und Transportierung ist, verdeutlichte sie an einem Fund aus einer Zeit, in der für die Verpackung noch Frischhaltefolie herhielt. Heute hingegen werden die Objekte schon auf den Grabungen so sorgfältig verpackt, dass die Restauratorinnen und Restauratoren in der Werkstatt ihnen viele weitere Informationen entlocken können, die sonst für immer verloren wären. Der größte Feind, dem die Objekte dabei ausgesetzt sind? „Sauerstoff“, erklärte die Restauratorin. Dank professioneller Lagerung kann jedoch heute sichergestellt werden, dass sich auch noch viele weitere Generationen an den geborgenen und restaurierten Funden begeistern können.

Diese Begeisterung erlebte auch Dr. Markus Harzenetter. Der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen hatte es sich nicht nehmen lassen, sich einen persönlichen Eindruck von den Führungen zu verschaffen und zeigte sich am Ende sehr erfreut angesichts der Präsentation der Archäologischen Restaurierungswerkstatt und des Interesses der zahlreichen Gäste. „Veranstaltungen wie der Europäische Tag der Restaurierung zeigen uns immer wieder, wie wichtig es ist, den Bürgerinnen und Bürgern einen Einblick in die minutiöse Arbeit zur Erhaltung unseres unersetzlichen Kulturgutes zu ermöglichen“, so Harzenetter.

L. Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Rückschau 2018

Erster Europäischer Tag der Restaurierung - Bau- und Kunstdenkmalpflege