Hessische Staatskanzlei auf Spurensuche

Am 30. August führte der diesjährige Betriebsausflug der Hessischen Staatskanzlei zur geschichtsträchtigen Stadt Rüdesheim. Das abwechslungsreiche Programm, das von kulturhistorischen und denkmalpflegerischen Aspekten geprägt war, startete im Garten der Brömserburg, seit über 1.000 Jahren beeindruckender, steinerner Blickfang unmittelbar am Rhein.

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Früher Weintank mit glaskacheln, heute begehbarer Raum: Blick in einen Weintank der ehemaligen Asbach-Fabrik.
Früher Weintank mit glaskacheln, heute begehbarer Raum: Blick in einen Weintank der ehemaligen Asbach-Fabrik.

Und so begannen die historischen Erläuterungen der Verfasserin dieses Berichtes, die den Ausflug fachlich begleitete, auch mit der Geschichte des Rheines und seiner Bedeutung als Europas am intensivsten genutzter Schifffahrtsweg. Insbesondere in Rüdesheim ist im Übrigen die durch den Strom bedingte Verkehrssituation – rechts- und linksrheinisch verlaufen zwei stark frequentierte Eisenbahnstrecken und die beiden Bundesstraßen B42 und B9 – auch deutlich „hörbar“.

Seit 2002 zählt der hier beginnende 67 km lange Abschnitt des Rheintales bis Koblenz zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Ausschlaggebend für die Anerkennung ist die unverwechselbare Kulturlandschaft, die durch die tiefe Eingrabung des Flusslaufes in das Rheinische Schiefergebirge geprägt ist und deren naturräumliche Vorzüge die Bewohner dazu veranlasst haben, hier seit der Römerzeit Wein anzubauen und im Mittelalter spektakuläre Burgen zu errichtet.

Mit Blick auf die Brömserburg, die ehemaligen Zollburg der Mainzer Erzbischöfe, fiel es nicht schwer, die Entstehung der Rheinromantik im 19. Jahrhundert zu thematisieren. Von der wildromantischen Schönheit der Landschaft und ihrer Sagenwelt inspiriert, zog es damals Dichter und Maler an den Rhein. Clemens Bretano wurde hier zu seinem Märchen über die schöne Zauberin Lore Lay inspiriert und William Turner schuf hier zahlreiche Bilder, die zu den schönsten Kunstwerken der Rheinromantik gehören. Im Zuge der Rheinromantik setzte im 19. Jahrhundert ein bis heute ungebrochener Tourismus ein, der u. a. gekrönte Häupter wie Kaiser Wilhelm I. oder Kaiserin Elisabeth von Österreich an den Rhein führten.

Der Erhalt und die Nutzung der Baudenkmäler in Rüdesheim ist daher Aufgabe und Verpflichtung für die Stadt, die immerhin 3 Mio. Tagesgäste im Jahr zählt. Bürgermeister Volker Mosler, der für eine Begrüßung kurz zu den Ausflüglern stieß, konnte darüber informieren, dass just am selben Abend die Stadtverordnetenversammlung über den auf 50 Jahre bestellten Erbbaurechtsvertrag zwischen der Stadt Rüdesheim am Rhein und der neu gegründeten „Brömserburg – Die Burg am Rhein GmbH & Co. KG“ eines Bürgerkonsortiums befinden werde. Tatsächlich wurde dem zugestimmt, sodass nun die Betreiber mit der Umsetzung ihrer Ideen beginnen können. Beabsichtigt ist, die Brömserburg unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes mit neuen Impulsen wieder zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische zu machen.

Nach dem obligatorischen Gang durch die Drosselgasse führte der Weg der Gruppe anschließend zur Seilbahn und über den „Reben schwebend“ hinauf in den Ostein‘schen Landschaftspark und zum Niederwalddenkmal. Der Landschaftspark, konzipiert und ausgebaut von Johann Friedrich Karl Maximilian von Ostein (1735–1809), ist eine der frühesten romantischen Parkanlagen in Deutschland mit einem atemberaubenden Blick über den Rhein. Hier wurde zur Erinnerung an die Einigung Deutschlands nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 das Niederwalddenkmal mit der beeindruckenden Bronzefigur der Germania durch Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1883 eingeweiht. Große Anerkennung fand die gelungene Sanierung des Gesamtkomplexes Landschaftspark und Niederwalddenkmal, die von der Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten Hessen zum 125. Geburtstag der Germania durchgeführt worden war. Alle waren sich einig, dass hier ein Schmuckstück für das Land entstanden sei, dass den internationalen Besuchern Lust auf mehr kulturelle Entdeckungen in Hessen macht.

Eine der Gruppen, in die sich die Ausflügler nach der Mittagspause teilten, hatte den Wunsch geäußert, das Rüdesheimer Foltermuseum zu besichtigen. Daher standen vor dem Besuch der düsteren Sammlung Erklärungen, begleitet von lebhafter Diskussion zur Geschichte der Folter und der Hexenverfolgungen. Dass diese unvorstellbaren Menschrechtsverletzungen nicht nur ein Teil vergangener Jahrhunderte sind, wurde angesichts erschreckend aktueller Beispiele nicht nur, aber vor allem aus Afrika deutlich.

Ihren Abschluss fand die Führung am Nachmittag in der RheinWeinWelt. 1892 hatte der Destillateur Hugo Asbach in Rüdesheim die „Export-Compagnie für deutschen Cognac“ gegründet und eine weitläufige Fabrik in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes errichtet. 2007 endete die Abfüllung von Spirituosen und die denkmalgeschützten Gebäude harren z. T. auch heute noch einer neuen Nutzung. In den riesigen Betontanks der Destillerie wird seit 2017 jedoch eine besondere Art der Weinverkostung betrieben. Hier trifft in außergewöhnlicher Weise Denkmalschutz auf moderne Nutzung, kann man kann sich doch auf einen Spaziergang in die einstigen, mit noch in situ und original blaugrün schillernden Glasfliesen ausgekleideten historischen Tanks begeben und sich mit dem nicht weniger interessanten Kulturgut Wein vertraut machen.

Dr. E. Grönke, Landesamt für Denmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE