Die Urne aus der Ackerfurche oder: Alles richtig gemacht!

Mehr als 300 geschichtlich interessierte Bürgerinnen und Bürger unterstützen die hessenARCHÄOLOGIE bei der Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Aufgaben des Schutzes und der Pflege von Bodendenkmälern.

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Trotz des feuchtkalten Winterwetters wird die angepflügte Brandbestattung freigelegt
Trotz des feuchtkalten Winterwetters wird die angepflügte Brandbestattung freigelegt.

Mit einer Nachforschungsgenehmigung nach § 22 des Hessischen Denkmalschutzgesetzes und dem Einverständnis der Grundeigentümer versehen, begehen sie zum Beispiel gepflügte Äcker, halten nach Scherben und anderen Funden Ausschau, die auf verschwundene Siedlungs- oder Bestattungsplätze hinweisen können. Sie melden regelmäßig ihre Funde und Beobachtungen der Fachbehörde. Es geht ihnen nicht etwa um „Schatzsuche“ – sondern darum, im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements einen Beitrag zu leisten zum Schutz und zur Erforschung des im Boden verborgenen, gemeinsamen kulturellen Erbes.

Nur ein paar alte Scherben …?
Ein Beispiel aus vielen sei hier vorgestellt: Einige recht unscheinbare, schwarze Scherben auf einer Ackerfläche in einem Ortsteil von Hofheim (Main-Taunus-Kreis) erweckten im vergangenen Herbst die Aufmerksamkeit eines langjährigen Feldbegehers. Bei genauerem Hinsehen stellte er fest, dass der Pflug hier, im Bereich einer besonders tief liegenden Ackergrenze, offenbar das Oberteil eines großen Keramikgefäßes zerstört hatte, dessen Unterteil sich allerdings noch gut erhalten im schweren, lehmigen Ackerboden abzeichnete.

Der Feldbegeher sammelte daraufhin die auf der Oberfläche verstreuten Gefäßscherben ein, skizzierte die Fundstelle und fotografierte den noch im Boden steckenden Gefäßrest. Anschließend deckte er die Fundstelle wieder mit Erde ab, ohne tiefer in den Boden einzugreifen, und meldete seine Entdeckung dem zuständigen Bezirksarchäologen bei der hessenARCHÄOLOGIE. Damit handelte er ganz im Sinne der Bodendenkmalpflege – und in der Überzeugung, dass die weitere Untersuchung feldarchäologisches Fachwissen erfordern würde.

Notbergung bei winterlichem Wetter
Sowohl Finder als auch Archäologen war klar, dass es sich hier um ein Brandgrab handeln müsse – also eine vorgeschichtliche Graburne mit den Resten des verbrannten Verstorbenen.

Im Januar 2018 konnten Mitarbeiter der hessenARCHÄOLOGIE jetzt die Reste des Brandgrabes im Rahmen einer Notbergung dokumentieren und sichern. Dies war notwendig geworden, weil die nächste Ackerbestellung den Befund unweigerlich zerstört hätte.

Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass in der erhaltenen unteren Hälfte der Urne neben den verbrannten Knochenresten drei kleinere Keramikgefäße („Beigefäße“) niedergelegt worden waren. Bei diesen vollständig erhaltenen Gefäßen handelt es sich um ein Kegelhalsgefäß, einen eiförmigen Becher und eine steilwandige Schale. Anhand der Keramikformen steht schon jetzt fest, dass es sich hier um eine typische Bestattung der sogenannten Urnenfelderzeit (etwa 1200–800 vor Christus) handelt. Die Bestattungen dieser Epoche bilden in der Regel größere Grabgruppen. Daher ist anzunehmen, dass sich im Umfeld der jetzt dokumentierten Urnenbestattung weitere Gräber befinden. Auch aus der weiteren Umgebung sind bereits mehrere urnenfelderzeitliche Friedhöfe bekannt und zum Teil untersucht.

Wie geht es weiter?
Der Finder wird diese Fundstelle in den kommenden Jahren weiterhin begehen und seine Beobachtungen der Fachbehörde melden. Der beste Schutz für solche Urnenfriedhöfe ist zwar ihr Verbleib im Boden, doch können verschiedene Umstände – wie etwa in diesem Fall die drohende Zerstörung durch die landwirtschaftliche Nutzung – eine Dokumentation und anschließende Notbergung erforderlich machen. Die nun geborgenen Keramikgefäße stehen nach der restauratorischen Erstversorgung für weitere Forschungen oder vielleicht auch für eine zukünftige Ausstellung zur Verfügung. Der Leichenbrand kann untersucht werden und interessante Aufschlüsse über den hier bestatteten Menschen liefern. Auch die in der Urne befindliche Erde wurde vollständig geborgen – unverbrannte Knochenreste in ihr deuten darauf hin, dass die Urne wohl auch eine Speisebeigabe enthielt, die dem Bestatteten den Weg ins Jenseits erleichtern sollte.

Dr. D. Neubauer, Dr. B. Steinbring, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE