Ausgrabung einer im Zweiten Weltkrieg abgestürzten Messerschmitt Bf 110 bei Hüttenberg

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Studierende beim Freilegen des Flugzeugwracks.
Studierende beim Freilegen des Flugzeugwracks.

Am 15.12.2016 stellten im Bürgerhaus in Hüttengerb-Rechtenbach Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege - Abteilung hessenARCHÄOLOGIE - und der Initiative Fliegerschicksale in Hessen e.V. nicht nur die bisherigen Ergebnisse der Grabung bei Hüttenberg vor, sondern auch die ersten Ergebnisse der historischen Recherche.

Hintergrund war eine vom 9.8. bis 19.8.2016 dauernde Lehrgrabung in Hüttenberg-Hörnsheim an der Absturzstelle eines deutschen Nachtjägers aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Maßnahme erfolgte in Kooperation mit der University of Winchester (Großbritannien), der Saxion Hoogeschool Deventer (Niederlande) sowie der Initiative Fliegerschicksale in Hessen e.V.

Bei diesem Jagdflugzeug handelte es sich um eine Messerschmitt Bf 110, ein zweimotoriger Tiefdecker des deutschen Flugzeugherstellers Bayerische Flugzeugwerke AG. Bis zum Kriegsende war die Messerschmitt Bf 110 neben der Junkers Ju 88 der Standardjäger der deutschen Luftwaffe.

Ziel der Grabung war es, erstmals in Hessen eine Absturzstelle mit archäologischen Methoden zu untersuchen. Zielsetzung für die Archäologen war, Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig die Grabungstechnik einem solchen, sehr speziellem Bodendenkmal aus dem Zweiten Weltkrieg anzupassen. Nur mit einer, an das auszugrabende Objekt methodisch angepassten Vorgehensweise, kann die notwendige Informationstiefe gewährleisten werden, die weitergehende Rückschlüsse über das damalige Geschehen ermöglicht. Dies ist bisher bei vergleichbaren, nicht archäologisch begleiteten Bergungen, in keinem Fall erreicht worden.

Nach der Begrüßung durch den Hüttenberger Bürgermeister, Christof Heller, führte Landesarchäologe Dr. Udo Recker in die Thematik ein. Zufrieden mit den Ergebnissen, erläuterte er in seiner Rede: „Die so genannte Archäologie des 20. Jahrhunderts rückte in den letzten Jahren zunehmend in das Blickfeld der bundesdeutschen Landesarchäologien. Auch in Hessen spielte hierbei vor allem die archäologische Beschäftigung mit Relikten aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges eine besondere Rolle. Was die materiellen Hinterlassenschaften dieser abgeschlossenen Perioden der jüngeren Vergangenheit anbelangt, vertritt die hessische Landesarchäologie in Übereinstimmung mit den archäologischen Fachämtern anderer Bundesländer - und auch entsprechenden Institutionen im benachbarten europäischen Ausland - die Position, dass diese zwar nicht grundsätzlich als Bodendenkmal einzustufen sind, einzelne Funde oder Befunde aus dieser Periode jedoch durchaus einen Denkmalcharakter aufweisen können. Verstärkte Aktivitäten von Sondengängern sowie Planungen zur Umgestaltung aufgelassener militärischer Areale machen dies erforderlich. Auch die Tatsache, dass in vielen Fällen immer noch menschliche Überreste aus derartigen Zusammenhängen geborgen werden, zeigt, dass hier mit entsprechender Vorsicht und dem notwendigen Respekt vorzugehen ist.“

Auch Mirko Mank und Jörg Merlau von der Initiative Fliegerschicksale in Hessen e.V. zogen nach der Vorstellung ihrer historischen Recherchen und der Zeitzeugenbefragungen ein durchweg positives Fazit über die Zusammenarbeit mit der hessischen Landesarchäologie: „Flugzeugbergungen können sinnvoll nur mit archäologischen Methoden durchgeführt werden. Eine unsachgemäße Bergung und fehlende Dokumentation führen zu einem enormen Erkenntnisverlust, den keine noch so intensive historische Recherche ausgleichen kann.“ In die gleiche Richtung zielten die Ausführungen des Projektkoordinators dieser Untersuchung Christoph Röder M.A.: „Nur unter Anwendung archäologischer Grabungstechnik und archäologischer Dokumentationsmethoden können Befunde wie in Hüttenberg entdeckt und für die Nachwelt festgehalten werden. Hier ging es zudem darum, die Absturzursache zu klären und die menschlichen Überreste der Besatzung zu bergen. Ein pietätvoller und fachlich wie technisch korrekter Umgang ist dabei selbstverständlich. Dieser ist aber in Fällen, in denen Flugzeugwracks mit dem Bagger herausgerissen oder Einzelteile ohne Kontext mit der Metallsonde detektiert und mit dem Spaten geplündert werden nicht gegeben.“ Abschließend gab der örtliche Grabungsleiter Steven Hubbard M.A. einen Überblick über die Grabungsmaßnahme: „Bei der Untersuchung des Absturztrichters zeichneten sich recht bald die Umrisse des Flugzeuges ab. Der Trichter wurde in mehreren Plana und Profilen dokumentiert, so dass sich auch der Absturzwinkel des Flugzeuges ermitteln ließ. Darüber hinaus wurde zahlreiche Detailbeobachtungen gemacht, die die letzten Minuten der Me 110 und deren dreiköpfiger Besatzung rekonstruieren lassen.“

Trotz der in den vorliegenden Akten belegten Bergung der Besatzungsmitglieder unmittelbar nach dem Absturz, wurden im Zuge der Grabung weitere menschliche Überreste geborgen. Diese werden nach der wissenschaftlichen Erfassung dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. übergeben. Die Funde werden derzeit im Rahmen einer Bachelorarbeit der Saxion Hoogeschool in Deventer wissenschaftlichen bearbeitet. Die Untersuchungen lassen weitere spannende Details über die Besatzung und die letzten Minuten der Me 110 erwarten.

Dr. E. Grönke, Dr. U. Recker, Chr. Röder M.A. Me110 zu sehen. Foto: hessenARCHÄOLOGIE