Archäologische Ausgrabungen in der Schanzenstraße

Wenige Tage vor Abschluss der baubegleitenden Ausgrabungen in der Gießener Schanzenstraße trafen sich Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski und Grabungsleiterin Dr. Esther Lehnemann mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sowie Vertretern des Oberhessischen Museums, der Unteren Denkmalschutzbehörde, der Presse und dem Bauherrn auf der Baustelle, um die Ergebnisse der Untersuchungen vorzustellen.

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Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski
Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz zeigte sich sichtlich interessiert an den von Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski präsentierten Ergebnissen der Grabung.

Die Ausgrabung befand sich bereits in der letzten Phase, als am vergangenen Mittwoch die Vertreter von Denkmalpflege, Stadt, Museen und Presse am Rand des mehrere Meter tiefen Abgrundes an der Schanzenstraße zusammentrafen. Wo zukünftig ein Wohnhaus mit Tiefgarage entstehen soll, graben die Archäologen noch die letzten Holzpfähle aus. „Wir kriegen das in der vereinbarten Frist hin“, freute sich Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski über den Stand der Arbeiten. Dass die Arbeiten gut vorankommen konnten, war auch der guten Kooperation von Bauherrn und Archäologie geschuldet. „Wir haben hier sehr viel Unterstützung erfahren“, berichtete die Grabungsleiterin Dr. Esther Lehnemann.

Mauern über Mauern
Die Mauer- und Pfostenfunde der Ausgrabung geben nicht nur Auskunft über den Verlauf der Gießener Festung, sondern zeugen auch von einer noch älteren Ausbauphase der Maueranlage unter dem Wall. „Hätten wir nur die Mauer und nicht die Pfahlgründung, dann könnten wir das gar nicht so genau datieren“, erläutert Sosnowski. Zum Glück für die Archäologen sind Großteile Gießens ob des sumpfigen Untergrundes auf Holz gebaut, so auch die Festungsmauern. Proben der Holzpfähle werden nun am renommierten Curt-Engelhorn-Centrum in Mannheim untersucht, um das genaue Alter des Holzes zu bestimmen. Erhalten können wird man jedoch weder Pfähle noch Mauerwerk. Natürlich ist es ein Wunsch des Landesamtes für Denkmalpflege, das Gefundene sowohl zu erhalten als auch präsentieren zu können. Möglich ist es jedoch nicht immer. Der Zustand der Mauern wirkte zwar auf den ersten Blick gut, doch zogen sich tiefe Risse durch das Mauerwerk. „Das hätte man nicht bergen oder erhalten können“, erklärt Lehnemann. Es steht dennoch zu hoffen, dass die Erkenntnisse der Ausgrabung den Bürgerinnen und Bürgern präsentiert werden können. „Ich würde mich freuen, wenn die Ergebnisse der zahlreichen Stadtgrabungen in Gießen Einfluss nehmen würden auf die geplante Neuausrichtung des Oberhessischen Museums“, erläuterte Sosnowski.

Puzzleteile der Stadtgeschichte
Wie in ganz Hessen scheint auch in Gießen die Arbeit kein Ende zu nehmen: So sicher wie die nächste Baustelle kommt, so sicher ist es auch, dass die Archäologen vor Ort sein werden. „Dann werden wir möglicherweise wieder Festungsbereiche finden“, lacht Sosnowski. Wie wichtig diese baubegleitenden Arbeiten sind, schildert die Bezirksarchäologin: „Gerade in den historischen Innenstädten geht durch zahlreiche Baumaßnahmen Vieles für immer verloren, wenn man es nicht gut dokumentiert. Dabei ist es sehr spannend, was man da über die Stadtgeschichte herausfinden kann.“ So auch im Fall der parallel laufenden Notbergung am Neustädter Tor, die durch Kanalarbeiten notwendig wurde: Hier wurden weitere massive Mauerreste auf Pfahlgründungen entdeckt, die aber wohl nicht zur ehemaligen Festung gehörten. „Ein weiteres kleines Teil im Puzzle der Gießener Stadtgeschichte“, schmunzelt Sosnowski. Ein weiteres Teil - und viel Arbeit für die Archäologen, denn jede Grabung erbringt neue Erkenntnisse.

Lars Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen