1.000 Besucher und ein fehlendes Jahrhundert

Am vergangenen Freitag eröffnete im Licher Ortsteil Muschenheim eine dreitägige Ausstellung zu sechs Jahren archäologischer Ausgrabungen in der mittelalterlichen Siedlung „Villa Arnesburg“. In ihren Grußworten waren sich die Gießener Landrätin Anita Schneider, der Licher Bürgermeister Bernd Klein und der Landesarchäologe Dr. Udo Recker einig: Nicht nur die Grabungen präsentierten sich als voller Erfolg, sie wurden auch durch die Ausstellung hervorragend wiedergegeben.

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Bei der Eröffnung der Ausstellung
V. l.: Ortsvorsteher Josef Benner (Muschenheim), Michael Gottwald, Udo Recker und Christoph Röder (LfDH), Bürgermeister Bernd Klein (Lich), Landrätin Anita Schneider (LK Gießen), Johanna Kranzbühler (KAL e.V.), Norbert Weil (Dorfverein Muschenheim)

Nur gemeinsam möglich
„Eine solche Ausstellung ist eine Riesen-Aufgabe“, betonte Grabungsleiter Christoph Röder bei der Eröffnung vor über 150 interessierten Gästen in der Sport- und Kulturhalle Muschenheim. Eine Aufgabe, die die Archäologen nicht alleine hätten bewältigen können. „Ohne den Dorfverein Muschenheim wäre das überhaupt nicht möglich gewesen“, so Röder. Darin waren sich alle Anwesenden einig: ohne das Ehrenamt, ohne die Arbeit der vielen Freiwilligen und die Unterstützung durch die Archäologische Gesellschaft in Hessen e.V. wären nicht nur die Grabungen nicht möglich gewesen, es könnte heute auch niemand das breite Spektrum an Funden bewundern. Ortsvorsteher und Vorsitzender des Dorfvereines Josef Benner zeigte sich sehr zufrieden mit diesen Funden. „Wenn Sie hier den Spaten in den Boden rammen, sie finden was“, fügte er hinzu und rief alle Beteiligten auf: „Machen Sie weiter!“
Eine nicht alltägliche, jedoch umso wichtigere Aufforderung, befand die Gießener Landrätin Anita Schneider und warb für eine größere Unterstützung des Ehrenamtes. Bürgermeister Bernd Klein konnte ihr dabei nur zustimmen und betonte, wie wichtig es sei, die Ergebnisse solcher Grabungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen. „Ich plädiere immer dafür, dass Geschichte erlebbar und begreifbar ist“, so Klein. Der Licher Bürgermeister war sichtlich nicht der einzige, der diese erlebbare Geschichte wertschätzte – etwa 1.000 Besucher zog die Ausstellung mit ihrem breiten Fundspektrum über das Wochenende an. „Ich bin sehr positiv überrascht, dass die Ausstellung so große Akzeptanz in der Region gefunden hat“, freute sich Grabungsleiter Michael Gottwald.

Von Fibeln und Schädelsammlungen
Die Ergebnisse der sechs Grabungskampagnen zwischen 2014 und 2018 förderten von ersten Funden aus der Jungsteinzeit, über wiederkehrende Besiedlungsspuren durch germanisch geprägte Kelten, sowie folgend römische Truppen und germanische Siedler, bis zur Aufgabe des Klosters Arnesburg im 12. Jahrhundert, eine enorme Bandbreite an Fundmaterial zu Tage. „Die Gegend hier hat’s in sich“, freute sich Gottwald bei der Präsentation der Grabungsgeschichte im Rahmen des ersten Abendvortrages. Genau wie er war sich auch Landesarchäologe Udo Recker nach Ergebnissen einer vorhergehenden Grabung aus dem Jahr 1993 sicher, „da muss doch noch was sein“. Er ermöglichte Gottwald die Grabungen, doch mit diesem Ergebnis hatte auch Recker nicht gerechnet. „Die Befundlage und das, was hier herausgekommen ist, ist ganz fantastisch“, freute er sich. Die Grabungsfunde seien „weit über Hessen hinaus etwas ganz Besonderes“, fügte der Landesarchäologe an.
Neben Highlights wie einer Wolfsangel aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, einer bislang einmaligen Münze aus dem 12. Jahrhundert und einer prächtigen Fibel aus dem 11. Jahrhundert, von der es mindestens im deutschen Sprachraum keine zweite gibt, fanden die Archäologen auch ein sehr gut erhaltenes Pferdeskelett.
Johanna Kranzbühler von der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen e.V. konnte in ihrem Abendvortrag „noch ein bisschen was vom Pferd erzählen“. Kranzbühler erläuterte, wie die Analyse eines solchen Tierknochenfundes durchgeführt wird, was genau es mit der Archäozoologie, der Erforschung archäologischer Funde von Tierüberresten, auf sich hat und mit welchen Hilfsmitteln sie dabei arbeitet: „Ich präsentiere ihnen hier einen Teil meiner Schädelsammlung“. Die Geschichte des Pferdes führte leider nicht zu einem glücklichen Ende: Das Tier war lange Zeit krank „und zu guter Letzt hat sich das Pferd dann auch noch das Bein gebrochen“, erklärte Kranzbühler.

Ein fehlendes Jahrhundert
Neben diesen herausragenden Einzelfunden zeigten sich eine Vielzahl an Siedlungs- und Arbeitsspuren quer durch die Jahrhunderte verteilt. Grubenhäuser, hauptsächlich aus dem achten bis zwölften Jahrhundert, brachten vielfältige Nachweise über Textilproduktionen ans Licht und die Geschichte der namensgebenden Burganlage Arnesburg konnte mit jeder Grabung besser nachvollzogen werden. Erste Spuren lassen sogar auf mögliche karolingische Vorfahren der Burgherren schließen. Einzig zum siebten Jahrhundert fehlen Gottwald noch immer jegliche Belege, doch er ist sich sicher, dass da noch etwas sein muss. „Wir müssen weiterforschen, um das siebte Jahrhundert noch zu finden“, rief er seinen Zuhörern motiviert zu. Auch Landesarchäologe Recker zeigte sich grundsätzlich optimistisch: „Ich glaube, wir können da noch ganz gezielt weitermachen.“

L. Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen