„Ein Fenster in die Historie“

Zwei Jahre lang begleitete die Abteilung hessenARCHÄOLOGIE am Landesamt für Denkmalpflege Hessen die Bauvorbereitungen für das neue Parkhaus in Wetzlar in enger Abstimmung mit der Stadt. Nun neigen sich die archäologischen Voruntersuchungen dem Ende entgegen. Die Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski stellte am vergangenen Donnerstag, 21.07., gemeinsam mit Grabungsleiter Jens Köhler M.A. sowie Bürgermeister und Baudezernent Dr. Andreas Viertelhausen die vorläufigen Ergebnisse der Maßnahme vor.

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Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski (links) und Grabungsleiter Jens Köhler (rechts) bei der Vorstellung der Grabungsergebnisse.
Am vergangenen Donnerstag stellten Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski (links) und Grabungsleiter Jens Köhler (rechts) gemeinsam mit der Stadt Wetzlar die vorläufigen Ergebnisse der Grabungen in der Goethestraße vor.

Bis Herbst des Jahres möchten Sosnowski und Köhler die Untersuchungen im Herzen Wetzlars abgeschlossen haben, auch wenn die aktuelle Hitzewelle dem Grabungsteam zu schaffen macht. „Das macht die Erkennbarkeit der Befunde sehr, sehr schwierig“, erklärte Köhler. Von Sturm und Schnee bis zu sengender Hitze hatte das Grabungsteam alles erlebt. „Wir sind den Elementen völlig preisgegeben“, erläuterte Köhler die Schwierigkeiten einer solchen Grabung.

Die Erkenntnisse der Ausgrabung sind jedoch der Mühe wert. So konnten die Archäologen erstmals Existenz und Verlauf der staufischen Stadtmauer nachweisen. „Das ist ein Fenster in die Historie. Hierzu gab es bisher keine historischen Belege“, freute sich Sosnowki. Steine fanden sich kaum, „wir haben jetzt aber zumindest den Fundamentgraben gefunden“, so die Bezirksarchäologin. Die staufische Stadtmauer sollte nicht lange Bestand haben, da die Stadt schon bald über sie hinauswuchs und eine neue Stadtmauer aus den Steinen der alten errichtet wurde.

Einen Abschnitt der Mauer aus dem 13. Jahrhundert mit ihren charakteristischen Rundbögen fanden die Archäologen auf dem Grabungsgelände. Ihre unregelmäßigen Bögen – ein seltener Baubefund – sollten wohl die Steigung des Geländes abfangen, vermutet das Grabungsteam. „Man hat natürlich im 13. Jahrhundert noch keine DIN-Norm gehabt“, schmunzelte Sosnowski. Die Stadtmauer zu erhalten hat auch für Bürgermeister Viertelhausen höchste Priorität. „Wir greifen nicht in die Stadtmauer ein“, betonte er und führte weiter aus: „Wir haben natürlich eine Verantwortung für die Wetzlarer Stadtgeschichte.“

Neben der Stadtmauer fand das Team zur Überraschung aller Beteiligten auch Produktionseinrichtungen wie einen großen Brennofen. „Das war wirklich eine mächtige Industrieanlage“, erläuterte Sosnowski. „Wir hatten nicht angenommen, dass wir hier solche Bauwerke finden.“

Auch bislang unbekannte Gebäudestrukturen ließen sich nachweisen. „Es gab vor dieser Ausgrabung keinerlei Hinweise auf die Existenz dieser Bauwerke“, staunte die Archäologin. Zur Natur der Befunde konnten Köhler und Sosnowski noch keine sicheren Aussagen treffen; die Untersuchungen stehen erst noch bevor und werden das Team noch eine ganze Weile beschäftigen. Zu einem der neuzeitlichen Befunde aus dem 17./18. Jahrhundert vermutete Sosnowski, dass es sich um ein militärisches oder medizinisches Gebäude wie ein Lazarett handeln könnte. Die Auswertung wird jedoch nicht einfach. „Das ganze Gelände war stark überbaut“, so die Bezirksarchäologin.

Neben den mittelalterlichen Funden wie Ofenkacheln, Keramik, Münzen und Eisenwaren erstreckte sich das Fundmaterial bis in die Neuzeit. Aus verfüllten Bombenkratern bargen die Archäologen so unter anderem eine angebrannte Schreibmaschine.

Bevor die Archäologen ihre Arbeit abschließen können, muss zunächst der Verbau zum Parkhaus erfolgen, um das Gelände abzusichern. „Die Archäologen könnten dann im Schutz des Parkhaus-Verbaus arbeiten“, erklärte Viertelhausen das Verfahren. Dann kann das Team von Köhler auch den letzten Grabungsabschnitt in Angriff nehmen. Schon jetzt haben die Grabungen viele neue Erkenntnisse zur Wetzlarer Stadtgeschichte ans Tageslicht befördert. Ein Fenster in die Historie, das sich noch nicht geschlossen hat.

28.07.2021
Lars Görze M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen