Wohnen 60 70 80 – Junge Denkmäler in Deutschland

Eine der aktuellen Herausforderungen der Denkmalpflege ist das Erfassen und Bewerten von Wohngebäuden und Siedlungen der Nachkriegs- und Postmoderne. Eine Gebäudegruppe, bei der die Denkmalpflege nicht nur mit der reinen Baumasse, sondern oftmals auch mit mangelnder Akzeptanz kämpft. Einen wichtigen Schritt zum Verständnis der Architektur der 60er bis 80er leistete nun die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL) mit ihrer neuen Publikation „wohnen 60 70 80. Junge Denkmäler in Deutschland“.

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Cover und Beispielseite der VDL-Publikation „Wohnen 60 70 80“
Auf 224 Seiten zusammengefasst: Die wechselhafte deutsche Baugeschichte der Jahre 1960 bis 1980.

Erkennen und Vermitteln

Von Vorurteilen, wie dem der sperrigen, in Beton gegossenen Massenbauten, bis zu schlichter Unwissenheit über eine architektonisch interessante Epoche – es liegt noch viel Arbeit vor uns, um die Architektur der 60er bis 80er  Jahre im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. „wohnen 60 70 80“ bietet daher bewusst „keine erschöpfende Architekturgeschichte, sondern die Denkmäler selbst sollen ihre Geschichte erzählen“, erklärt Prof. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und Vorsitzender der VDL. Auch Hessen ist in der durch die Arbeitsgruppe Inventarisation der VDL konzipierten Publikation mit zwei prominenten Beispielen vertreten: Der ehemalige Landeskonservator Heinz Wionski schreibt über „Frankfurts Strada Novissima“ und Dr. Ralf Dorn, Inventarisator im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, über ein „Poppiges Plastikhaus“ in Altenstadt.

Die 60er bis 80er in Hessen

Die Saalgasse in Frankfurt, „Frankfurts Strada Novissima“ ist ein Paradebeispiel postmoderner Architektur und prägt nachhaltig das architektonische Selbstverständnis der Stadt. Heute „stellt sich das Saalgassenprojekt im Zusammengang mit der Errichtung der Schirn und der Rückbesinnung auf die historische Kontur des Römerbergs als zeitliches Scharnier zwischen den 1950er Jahren und der aktuell abgeschlossenen neuen Überformung des Dom-Römer-Bereichs dar“, erläutert Wionski die Bedeutung des Straßenzugs.

Das „Poppige Plastikhaus“ in Altenstadt sei ein „einzigartiges Beispiel der deutschen Architekturavantgarde in der Popkultur der 1960er Jahre“, konstatiert Dorn. Nach fünfjähriger Planung und Entwicklung entstand 1968 mitten in Hessen der Prototyp des Kunststoffhauses fg 2000. In gerade einmal 11 Stunden konnte das futuristisch anmutende Haus mit seinem in knalligen Farben gehaltenen Innenbereich aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt werden. Mit der Ölkrise von 1973 wurden die ölbasierten Kunststoffprodukte jedoch so teuer, dass die Kunststoffhäuser keine Zukunft hatten. „Sie blieben das Phänomen einer Epoche optimistischer Technikbegeisterung, in der alles machbar schien“, reflektiert Dorn.

Vielfalt und Widersprüche

Neben den beiden hessischen Beispielen finden sich in „wohnen 60 70 80“ viele Beispiele aus ganz Deutschland, von futuristischen Kugelhäusern wie dem Wohnhaus Balz in Baden-Württemberg über kreative Mammutprojekte wie der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in Berlin bis zu ganzen Stadtteilen wie Detmerode in Niedersachsen. Die Gebäude und Ensembles erzählen Geschichten von Aufbruch und Rückzug, von Individualität und Kollektivsinn, von grauem Beton und leuchtendem Grün. „Die drei Jahrzehnte von 1960 bis 1990 umspannen die boomenden 60er Jahre, die Studentenproteste von 1968, die Ölkrise von 1973, den wiederbeginnenden Aufschwung, die Konkurrenz der politischen Systeme und schließlich das Ende der DDR im Jahr 1989. In diesen bewegten Zeiten ist eine entsprechend vielfältige, widersprüchliche, aber auch innovative Architektur entstanden“, so Harzenetter. „wohnen 60 70 80“ fasst genau dies auf 224 Seiten zusammen und ist über den Buchhandel für 39,90 € erhältlich.

Neben dem Buch stellt auch ein Film von Manuel Bahmer das Projekt vor, in dem unter anderem die Saalgasse präsentiert wird.

Lars Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen
07.12.2020