Verabschiedung in den Ruhestand

Nach 32 Jahren Wacht über das Hessische Denkmalrecht wurde Jan Nikolaus Viebrock, Justiziar, stellvertretender Amtsleiter des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und bundesweit gefragter Spezialists für alle Fragen rund um die denkmaljuristische Praxis, am 29. Mai 2018 in den Ruhestand verabschiedet.

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Jan Nikolaus Viebrock
... immer mit Weitblick!

„Angesichts der gerade im Bereich des Denkmalschutzes oft hart aufeinanderprallenden Interessengegensätze zwischen öffentlichen Belangen und den Vorstellungen von Denkmaleigentümern ist es Ihnen immer gelungen, vermittelnde Standpunkte einzunehmen und argumentativ mit Erfolg durchzusetzen“, sagte Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, am 29. Mai 2018 anlässlich der Verabschiedung von Jan Nikolaus Viebrock, Justiziar, Leiter der Zentralabteilung und Stellvertreter des Präsidenten des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, aus dem aktiven Dienst. Im Rahmen einer kleinen Feierstunde und im Beisein von geladenen Gästen überreichte Harzenetter die von Staatsminister Boris Rhein ausgestellte Versetzungsurkunde in den Ruhestand.

Stationen

Studium und Referendariat
Jan Nikolaus Viebrock studierte in Frankfurt a. M. und Freiburg. Von 1978–1980 schloss sich ein Referendariat am Oberlandesgericht in Oldenburg an. Von 1981–1984 war er als Regierungsassessor bei der Bezirksregierung Weser-Ems in Niedersachsen beschäftigt. Schon in dieser Zeit, in der er mehrere Stationen durchlief, beeindruckte und interessierte ihn seine Tätigkeit als Dezernent der Oberen Denkmalschutzbehörde. „Hier habe ich die Probleme und Nöte der Denkmalpflege aus der Nähe kennenlernen können.“ Seine Affinität für denkmalschutzrechtliche Grundsatzfragen und sein baugeschichtliches Interesse mündeten 1985 in eine Assistentenstelle am Lehrstuhl für öffentliches Recht bei Prof. Dr. Hartmut Maurer in Konstanz. Von dieser ließ Viebrock sich beurlauben, um im November 1986 seine berufliche Laufbahn im Landesamt für Denkmalpflege Hessen anzutreten.

Spezialist für die denkmaljuristische Praxis
Aus der großen Zahl von Bewerbern um die Stelle des Hausjustiziars war er seinerzeit der einzige, der bereits über mehrjährige Kenntnisse im Bereich des Denkmalschutzes verfügte. Dies war eine unverzichtbare Voraussetzung für seine Einstellung, denn seit der Versetzung des Vorgängers an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst warteten auf den künftigen Justiziar eine ganze Reihe von Vorgängen, die nur von einem erfahrenen Juristen mit entsprechenden Vorkenntnissen gelöst werden konnten.

Schon knapp ein Jahr später wurde Jan Nikolaus Viebrock zum Regierungsoberrat befördert, was darauf schließen lässt, dass seine Leistungen den in ihn gesetzten Erwartungen entsprachen. Nur wenige Monate später, im November 1987, wurde er für sechs Monate mit der Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit zur Dienstleistung an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Wiesbaden abgeordnet.

Vier Jahre später erfolgte eine erneute Abordnung für sechs Monate – diesmal nach Erfurt an das Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Dort musste die nach dem Fall der Mauer notwendig gewordene Anpassung der Verwaltungsstrukturen nach dem Vorbild der westlichen Bundesländer im Rahmen der Verwaltungshilfe mitgestaltet und organisiert werden.

Durch sein fundiertes denkmaljuristisches Fachwissen und die in Erfurt geleistete Aufbauarbeit war Viebrock zum bundesweit gefragten Spezialisten für alle Fragen rund um die denkmaljuristische Praxis avanciert – von nun an wurde er regelmäßig zu Gesetzesberatungen in anderen Bundesländern, vor allem in Niedersachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, sowie vom Bundesbauministerium in Amtshilfe angefordert.

Zur Entlastung des Präsidenten übernahm Viebrock ab 1994 nach seiner Beförderung zum Regierungsdirektor die Leitung der Zentralabteilung im Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Zwischen dem Ausscheiden von Prof. Dr. Gottfried Kiesow und dem Amtsantritt von Prof. Dr. Weiß am 1. Januar 1999 war Viebrock zwei Jahre lang kommissarischer Leiter des Amtes und bis zu seinem Ausscheiden – seit 2002 als Leitender Regierungsdirektor – ständiger Vertreter des Präsidenten.

In den Jahren 2006/07 wurde Viebrock erneut – diesmal im Rahmen einer Rotation – an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst abgeordnet. Im Gegenzug verbrachte Jörg Meyer-Scholten neun Monate im Landesamt für Denkmalpflege Hessen.

Verdienste

Hessisches Denkmalschutzgesetz
Jan Nikolaus Viebrock hat die Anpassung des Hessischen Denkmalschutzgesetzes  an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen – zuletzt 2016 – maßgeblich mitgeprägt. 1991 veröffentlichte er einen Kommentar zum Hessischen Denkmalschutzgesetz, der 2018 in der vierten Auflage, zusammen mit Dr. Dr. Dimitri Davydov, fortgesetzt und aktualisiert wurde. Basis dafür war über all die Jahre eine fundierte Auseinandersetzung mit allen fachlichen Fragen der praktischen Denkmalpflege und der Inventarisation.

Fachliche Fragen der Denkmalpflege
Schon 1983 hielt Viebrock – damals noch als Regierungsassessor bei der Weser-Ems-Regierung im höheren Verwaltungsdienst tätig – bei der Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger einen Vortrag über die rechtlichen Aspekte der Denkmaltopografie. 1993 veröffentlichte er in den Denkmalschutzinformationen (DSI) des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK) einen Artikel zum Substanzschutz bei Gesamtanlagen. Mit Blick auf die Praxis in der DDR, die der Beschreibung von Flächendenkmälern größere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, beschäftigte er sich intensiv mit der Frage, was die Gesamtanlage rechtlich vom Einzelkulturdenkmal unterscheidet. Seine Überlegungen sind unmittelbar in das Hessische Denkmalschutzgesetz eingeflossen und prägten nicht zuletzt auch die Diskussionen in den Arbeitsgruppen der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger. Das Thema ist bis heute sowohl in der praktischen Denkmalpflege als auch in der Inventarisation aktuell.

Zusammen mit Dr. Christoph Mohr und Dr. Dieter Griesbach-Maisant überführte Viebrock das bis dahin klassisch geführte Denkmalbuch in ein digitales Auskunfts- und Recherchesystem, das die im Rahmen der Denkmalinventarisation ermittelten Daten jeweils aktuell mit Geoinformationen verbindet. Das System ist öffentlich zugänglich und gibt allen im Bereich des Baugeschehens Tätigen Auskunft über die Bedeutung der ausgewiesenen Kulturdenkmäler und ihre detaillierte, räumliche Einordnung und Ausdehnung.

Bei einem Besuch des Institutes für Denkmalpflege in Ost-Berlin 1990 bei dem damaligen Landeskonservator Dr. Peter Goralcyk stieß Jan Viebrock auf Originalabzüge bedeutender Hessischer Kulturdenkmäler aus der Königlich Preußischen Meßbildanstalt zu Berlin, die 1885 als erste Bildstelle im deutschsprachigen Raum von Alfred Meydenbauer begründet worden war. Diese Dokumentaraufnahmen, die auch im Krieg zerstörte Gebäude – wie etwa die 1943/44 zerstörten Altstadtkerne von Kassel und Frankfurt a. M. – umfassen, sind sowohl für die Geschichte der Fotografie als auch der Denkmalpflege von unschätzbarer Bedeutung. Schnell erwuchs daraus die Idee der Ausstellung „Hessens Glanz und Preußens Gloria“ und einer Publikation zum Meydenbauer-Archiv, die gemeinsam mit Dr. Reinhard Bentmann realisiert wurde. Etwa 40 Prozent der abgebildeten Objekte sind in den vergangenen hundert Jahren durch Kriegseinwirkung, Vernachlässigung und Abbruch ganz oder teilweise untergegangen.

Öffentlichkeitsarbeit
Seit Beginn seiner Tätigkeit im Landesamt für Denkmalpflege Hessen galt Viebrocks besonderes Interesse der Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam mit seinem damaligen Kollegen Dr. Thomas Ludwig begründete er die bis heute vierteljährlich herausgegebene Zeitschrift „Denkmalpflege & Kulturgeschichte“. Ziel war es, kunst- und baugeschichtliche sowie archäologische und paläontologische Themen aufzugreifen und die Leserschaft regelmäßig über das aktuelle Geschehen in der hessischen Landesdenkmalpflege und -archäologie über neue Publikationen und laufende Veranstaltungen zu informieren. Auch der Impuls für die erste Homepage des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen kam von seiner Seite – erst im vorletzten Jahr wurde diese Seite an die Vorgaben der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung (HZD) für alle Landesdienststellen angepasst.

Gremienarbeit
Seit seinem Amtsantritt war Viebrock Mitglied in der Arbeitsgruppe Recht und Steuern des DNK, entwarf alle Gesetzgebungs- und Richtlinienentwürfen in Deutschland und Europa zur schnellen Berücksichtigung denkmalpflegerischer Belange in den Verwaltungen und in der Politik mit und setzte sich auf der politischen Ebene für ihre Umsetzung und Verbreitung mit ein.

Ebenso war er langjähriges Mitglied und Schriftführer in der Dehio-Vereinigung, welche die wissenschaftliche Gesamtverantwortung für das von Georg Dehio begründete Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler trägt. Neben Fachleuten aus der Inventarisation aus deutschen und österreichischen Denkmalämtern, Hochschullehrern und Landeskonservatoren, welche die in der Bearbeitung befindlichen Bände betreuen und die Fortdauer des Projektes sichern, bestand seine Aufgabe darin, grundlegende Fragen der Rechte und der Urheberschaft bei der Erstellung, Veröffentlichung, Verbreitung und der Digitalisierung der Bände zu klären.

Große Sympathie für das Ehrenamt
Viebrocks große Sympathie galt dem ehrenamtlichen Engagement. Er war der Initiator der Verleihung des durch die Staatskanzlei gespendeten Hessischen Ehrenamtspreises in der Denkmalpflege und hat die Veranstaltungen zur Verleihung des Preises mitorganisiert und mitgeprägt. Viele Jahre hindurch begleitete er verschiedene ehrenamtlich organisierte Projekte und setzte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für das Fortkommen der Maßnahmen ein. Stellvertretend für viele andere sei hier die Gesellschaft der Freunde Theater Altes Hallenbad in Friedberg genannt, die sich seit 2007 erfolgreich für die Umnutzung des Hallenbades in eine Kulturstätte einsetzen. Des Weiteren sei der Rhönflug Oldtimer-Segelflugclub Wasserkuppe e. V. genannt, der sich um den Erhalt des Rhönbussards, des einzigen, beweglichen, technischen Denkmals in Hessen verdient gemacht hat und dafür 2011 mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet wurde. Seine besondere Sympathie galt Frau Gisela Spruck, die 1999 für die 50-jährige Erhaltung, Pflege und Restaurierung des Hofgutes Leustadt mit der Silbernen Halbkugel des durch das DNK verliehenen Deutschen Preises für Denkmalschutz prämiert wurde.

Gute Stimmung durch Musik
Keine festliche Veranstaltung im Landesamt für Denkmalpflege Hessen fand ohne die von Jan Viebrock eigenhändig zusammengestellte musikalische Begleitung statt. Auch durch phantasievolle Beiträge gelang es ihm, der einen oder anderen Verabschiedung eine ganz besondere persönliche Note zu verleihen.

Fazit

„Eine Zeit nach dem Landesamt wird es geben, eine Zeit nach der Denkmalpflege nicht, denn sie ist und bleibt für mich eine Lebensaufgabe. Selbstverständlich stehe ich für Fragen rund um die Denkmalpflege weiterhin beratend zur Verfügung“, so Jan Viebrock, der seine freie Zeit ansonsten zwischen Reisen, Mopedmarathons, seinem Dinghi auf dem Bodensee und seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule RheinMain aufteilt.

Wir danken Jan Nikolaus Viebrock für seinen juristischen Sachverstand, sein differenziertes Einfühlungsvermögen in denkmalfachliche Zusammenhänge und nicht zuletzt für das Aufzeigen von Chancen und Grenzen unserer Arbeit aus juristischer Sicht. Für den neuen Lebensabschnitt wünschen wir ihm alles Gute und viel Spaß bei all seinen Plänen und Unternehmungen.

Dr. K. Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege