Unterwegs für Hessens Klangvielfalt

„Dieses Jahr ist es eine Baustellentour“, lachte Dr. Bernhard Buchstab bei der diesjährigen Bereisung zum Orgelförderprogramm 2018: Die meisten der kostbaren Instrumente waren entweder ganz oder teilweise abgebaut, zuweilen inmitten der Restaurierungsphase. Durchaus passend, denn genau dafür ist das Orgelförderprogramm da: um die Kirchengemeinden dabei zu unterstützen, die wertvollen und einmaligen Instrumente in ihrem Klang, ihrer Ästhetik und ihrer technischen Raffinesse zu erhalten.

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Orgelförderprogramm 2018 - 1
Von links: Matthias Haupt, Geschäftsführer Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und Dr. Bernhard Buchstab, Orgelsachverständiger des LfDH

Seit 2001 wurden bereits mehr als 1.8 Mio. Euro für die Sanierung von über 120 Orgeln zur Verfügung gestellt - Geld, welches dort ankommt, wo es dringend benötigt wird. „Ohne Sie und Ihre Unterstützung könnten wir das nicht stemmen“, erklärte Anne Muhm, Vorsitzende des Kirchenvorstandes in Roth. Das Orgelförderprogramm unterstütze in diesem Jahr neun Orgelsanierungen mit je 20% der Kosten. „Wir unterstützen damit das Engagement der Gemeinden, gerade im ländlichen Raum – ohne dieses Engagement geht es nicht“, erläuterte Matthias Haupt. Haupt ist seit diesem Jahr der neue Vorsitzende der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. Dementsprechend war es seine erste Tour durch die hessische Orgellandschaft - doch sicher nicht seine letzte.

„Wir erreichen mit unserem Programm das, was wir uns als Ziel vorgenommen haben, und das große Engagement und der Enthusiasmus in den Gemeinden zeigt, dass es sich lohnt, dieses Programm fortzusetzen,“ freute sich Haupt am Ende der Tour. Für Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, und Dr. Bernhard Buchstab, Orgelsachverständiger des Landesamtes, ist es „mittlerweile eine liebgewonnene Tradition“, so Dr. Buchstab.

Über 800 Kilometer durch Hessen

Die diesjährige Tour führte zwei Tage lang zu neun verschiedenen Orgeln in ganz Hessen, von Hessisch Lichtenau-Walburg im Norden bis Schaafheim-Mosbach im Süden, von Wiesbaden-Erbenheim im Westen bis Kalbach-Uttrichshausen im Osten. Wie jedes Jahr war dabei nicht nur eine Vielfalt von Kirchengebäuden zu bewundern – von der kleinen Dorfkirche in Enzheim bis zur großvolumigen, neoromanischen Basilika in Hanau – sondern auch die Instrumente selbst zeigten wieder einmal eindrucksvoll, wie breitgefächert die Kunst des Orgelbaus ist. In Roth fand sich eine 1749/50 von Johannes Meyer erbaute Orgel mit dem seltenen Pfeifenregister „Suavial 8‘“, die Orgel in Wiesbaden-Erbenheim mit ihrem prachtvollen Rokoko-Prospekt ist das letzte erhaltene Exemplar aus der Werkstatt der Gebrüder Mahr und die Orgel in Enzheim ist mit ihren quer liegenden Pfeifen so raffiniert gebaut, dass der Orgelsachverständige der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Thomas Wilhelm dazu nur eine Beschreibung fand: „Völlig speziell, sehr abgefahren!“

Das diese bedeutenden Instrumente zu erhalten sind, ist für die Menschen vor Ort dabei eine Selbstverständlichkeit, auch wenn die Erhaltung der Orgeln keine einfache Aufgabe ist. „Wir sind verpflichtet, unseren Nachfahren dieses Meisterwerk zu erhalten“, brachte es Pfarrer Willi Hehmann, Vorsitzender des Gesamtgemeinderates in Mosbach, treffend auf den Punkt. Dr. Buchstab konnte dem nur zustimmen: „Das ist ein wunderbares Projekt und es verdient diese Anerkennung“

Denn genau dieses Engagement ist es, welches das Orgelpflegeprogramm anerkennen und unterstützen möchte. „Man fördert die Gemeinschaft, wenn man solche kulturellen und denkmalpflegerischen Projekte fördert“, erklärte Haupt. Eine Gemeinschaft, die mit Konzerten, Spendenaktionen und viel Herzblut für den Erhalt ihrer Orgeln einsteht.

Neben den Orgeln befanden sich oft auch die Kirchen selbst inmitten der Renovierungsarbeiten, was den ein oder anderen Blick hinter die Kulissen ermöglichte, der sonst nicht so einfach zu erhaschen wäre. In Windhausen fand sich der gesamte Innenraum der Kirche eingerüstet vor und eröffnete so die Möglichkeit eines hautnahen Blickes auf die wertvollen, bauzeitlichen Buntglasfenster und alten Verzierungen in Deckenhöhe, sowie – über eine alte Holztreppe zu erreichen - die Strohüberdachung der alten, unter dem Dach gelegenen Windanlage. So soll hier, wie in vielen der Kirchen, bald wieder nicht nur die Orgel, sondern auch ihre Umgebung in der Lage sein, die Besucher mit Staunen zu erfüllen. Für Harzenetter eine absolut treffende Verbindung, denn die Orgel könne man nicht nur isoliert betrachten, erklärte er: „Die Orgel ist ein zentrales Element, untrennbar mit der Ausstattung verwachsen.“

Hilfe, die ankommt

Nach zwei Tagen Orgelbereisung bleibt so wieder einmal das gute Gefühl, dass die Unterstützung der beiden Partner, Landesamt und Sparkassen-Kulturstiftung, dort ankommt, wo sie wirklich etwas bewirken kann. „Wir merken, dass das Programm in der Gemeinde unglaublich viel bewirkt“, freute sich Harzenetter. Dies spürte man an den vielen herzlichen Empfängen, den netten und engagierten Menschen, die selbst zwischen Baustellengerüsten und Abdeckfolien, ausgerüstet nur mit alten Fotos und lebhaften Erinnerungen, noch voller Begeisterung von ihren Orgeln schwärmen konnten. Wenn die Orgel doch einmal noch stand, ließ man es sich auch nicht nehmen, ihren eindrucksvollen Klang zu präsentieren.

Bald können hoffentlich wieder alle Orgeln für die Besucher der Kirchen ihre volle Pracht entfalten. "Wenn wir Denkmalpfleger unseren Teil beitragen können, den Menschen vor Ort zu zeigen, dass wir ihr Engagement und ihre Leidenschaft für diese wichtigen Kulturdenkmäler teilen und unterstützen, dann hat das Orgelförderprogramm sein Ziel erreicht", erklärte Harzenetter abschließend.

Sowohl das Landesamt für Denkmalpflege Hessen als auch die Sparkassen-Kulturstiftung waren sich einig, dass sie diese Unterstützung auch im kommenden Jahr gerne fortführen möchten, denn Hessens Orgellandschaft hat noch viel zu bieten. Damit das auch so bleibt, wird es auch weiterhin viel Engagement brauchen.

Lars Görze, Landesamt für Denkmalpflege Hessen