Protestantischer Barock in mittelalterlichem Gewand

Nach erfolgreicher Restaurierung in der Werkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen kehrt am Montag, 26.3.2018 das barocke Kreuzigungsretabel von 1660 zu seinem angestammten Aufstellungsort in der Friedhofskirche von Bieber/Biebergemünd zurück. Der Gemeinde wird das restaurierte Werk im Rahmen eines Festgottesdienstes am 29.04.2018 präsentiert.

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Geöffnetes Retabel, Zustand nach der Restaurierung
Geöffnetes Retabel, Zustand nach der Restaurierung

Protestantischer Barock in mittelalterlichem Gewand

Nach erfolgreicher Restaurierung in der Werkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen kehrte am Montag den 26.3.2018 das barocke Kreuzigungsretabel von 1660 zu seinem angestammten Aufstellungsort in der Friedhofskirche von Bieber/Biebergemünd zurück. Der Gemeinde wird das restaurierte Werk im Rahmen eines Festgottesdienstes am 29.04.2018 präsentiert.

Beschreibung des dreiteiligen Altaraufsatzes

Der dreiteilige Altaraufsatz besteht aus einem quadratischen Schreinkasten mit zentralem Auszug, der das Gemälde einer Kreuzigung Christi birgt, signiert am Fuße des Kreuzstammes mit: „Se. Vogt Maller / von Carollstatt / Anno 1660“ (Abb. 11). Die beidseitig bemalten Flügel zeigen die vier Evangelisten mit ihren Symbolen, zusätzlich identifiziert durch große Namensinschriften über den Köpfen (Abb. 1, 2).

Ungewöhnlich ist die gewählte Form eines Schreinretabels, welche, im Zentrum zumeist mit Skulpturen ausgestattet, im Spätmittelalter eine hohe Blüte erlebte. Um 1660 hingegen war ihre Verwendung durchaus unüblich. Die Wahl erstaunt hier umso mehr, als das gemalte Mittelbild konstruktiv keinen Schreinkasten benötigt und ein stabiler Rahmen mit Scharnierverbindungen zu den Flügeln ausreichend Halt geboten hätte.

Werk- und Restaurierungsgeschichte

Das Altarretabel entstammt der Laurentiuskirche in Bieber, einem Ortsteil der Gemeinde Biebergemünd im Main-Kinzig-Kreis. Es handelt sich um eine schlichte, im Kern romanische Saalkirche mit eingezogenem Chorturm, die seit 1568 lutherisch ist und als Friedhofskirche genutzt wird.
Der kräftige Chorturm wurde 1636 durch einen Brand stark beschädigt. Mit dem Wiederaufbau des Turms 1660 verbreiterte man gleichzeitig das romanische Schiff der Kirche. Offensichtlich gehört auch das Altarretabel zur Wiederausstattung des Chores nach dem Brand.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das Retabel eine umfangreiche und sehr grundlegende Überarbeitung, die alle Bestandteile des Flügelschreines mit einschloss (Abb. 3).
Der damalige Bearbeiter signierte prominent mit roter Farbe in der linken, unteren Ecke des Kreuzigungsbildes: „Renov. / von / H. Schultheiß / Gelnhausen 21/II 1890“.
Mitte des 20. Jahrhunderts gaben neue Beschädigungen Anlass zu weiteren Überarbeitungen, die ausgesprochen grob und unsachgemäß ausgeführt wurden und das Erscheinungsbild der Malerei stark beeinträchtigten (Abb. 4).

Gravierende Schäden festgestellt

Bei einer restauratorischen Voruntersuchung im Jahr 2013 wurden erneute Schäden von gravierendem Umfang festgestellt, die in erster Linie der unzureichenden Befestigung des Kreuzigungsgemäldes geschuldet waren.  Die wenigen dafür verwendeten Nägel konnten die große Leinwand nicht am Platz halten, sodass es zu Deformationen und starker Faltenbildung im Bildträger kam. (Abb. 5) Als Folge löste sich vielerorts die in schüsselförmige Schollen zersprungene Malschicht vom Bildträger und ein restauratorisches Eingreifen war unumgänglich (Abb. 4).

Maßnahmen zur Rettung des Retabels

Im Dezember 2015 wurde das Retabel in die Restaurierungswerkstatt des LfD Hessen nach Wiesbaden-Biebrich verbracht und nach sorgfältiger Untersuchung restauriert. 
Dringlichste Maßnahme des Restaurierungskonzeptes war die Konservierung des Kreuzigungsgemäldes, also die Festigung der aufstehenden Farbschollen und die Planierung des Bildträgers. Ebenfalls unabdingbar war eine sachgerechte Anbringung des Gemäldes im Schrein, um erneute Schäden und Verluste in der Malerei zu vermeiden. Nach dem Ansetzen neuer Spannkanten und der Aufspannung auf einen neuen Keilrahmen musste die Schreinrückwand temporär ausgebaut und das Gemälde im Schrein befestigt werden (Abb. 6, 9).
Die wesentlich stabilere Malerei auf den Flügeltafeln war, neben fehlfarbenen Übermalungen,  vor allem durch lichtbedingte Krepierungen der originalen Malschichten beeinträchtigt, die teilweise wieder rückgeführt werden konnten (Abb. 7).
Auch die Farbfassungen des Schreingehäuses und der Flügelrahmen erwiesen sich, bis auf wenige Bereiche, als stabil. Größere mechanische Beschädigungen und Verluste fielen dennoch störend ins Auge und wurden überarbeitet.

Begleitende Maßnahmen vor Ort

Für ein verbessertes Klima am Aufstellungsort sorgt inzwischen eine Außendrainage, die in den letzten Jahren zur Trocknung der stets durchfeuchteten Kirchenmauern angelegt wurde.  Um weitere Lichtschäden am Altar zu vermeiden, ist ein rückseitiger Lichtschutz vorgesehen. Außerdem soll der Zustand des Retabels in regelmäßigen Abständen in Form von Wartungen überprüft werden.

Zusammenfassung

Die unzureichende Befestigung des zentralen Kreuzigungsbildes war der Auslöser für immer wieder auftretende Farbabplatzungen, die mehrfache unsachgemäße Überarbeitungen provozierten.  Letztere beeinträchtigten das Erscheinungsbild erheblich. Durch die umfassenden Festigungsmaßnahmen, eine stabile Montage im Schrein und die Reduzierung der alten Überarbeitungen konnte die originale Substanz gesichert und die Ablesbarkeit der Darstellung deutlich verbessert werden. Details wie die reizvolle zeitgenössische Stadtansicht als Grisaille-Malerei sind nun wieder mit allen Einzelheiten und in ihrer ganzen Qualität ablesbar (Abb. 8).

Beteiligte Institutionen / Bearbeiter /Finanzierung / Dauer

Die Restaurierung wurde begleitet von Dr. Götz Pfeiffer, Kunstreferent der evangelischen Landeskirche von Kurhessen Waldeck und Dipl.- Rest. Christine Kenner, leitende Restauratorin des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen.  Beide Institutionen leisteten auch die Finanzierung des Projektes. Dipl.- Rest. Gesine Dietrich und Christiane Weber M.A. führten die Untersuchungen und restauratorischen Maßnahmen durch.

Dipl.- Rest. Gesine Dietrich und Christiane Weber M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau-  und Kunstdenkmalpflege