Muss es denn erst brennen, bevor jemand was unternimmt?

Nein! Im Falle des Piséhauses in Weilburg wollten Investoren das Objekt kaufen, als es plötzlich nachts brannte. Hier erfahren Sie, wie das Haus in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen gerettet werden konnte.

Artikel_PisehausW.JPG

Piséhaus Weilburg
Nach langem Leerstand, Vandalismus und einem Feuer im Treppenhaus zeugt der heutiger Zustand des höchsten Piséhauses Europas von einer hervorragenden Sanierung mit Vorbildfunktion.

Durch den Brand zum Jahreswechsel 2016 auf 2017 ging leider auch ein Teil der historisch wertvollen Substanz des Piséhauses in Weilburg verloren. Dennoch sind die Investoren nicht von ihren Plänen abgewichen. Im Gegenteil. Die Brüder Müller waren vielmehr der Meinung, der Kauf müsse nun zügig abgewickelt werden, um endlich mit der Baumaßnahme beginnen zu können.

Die Gefahr des Leerstands
Der Brand war auf Vandalismus zurück zu führen. Leider lädt Leerstand immer wieder zu Vandalismus ein. Darüber hinaus führt er zu immer größer werdenden Schäden und Schadstellen am Objekt. Letztendlich steigert er den Umfang des Investitionsvolumens in erheblichem Umfang. Seit der Brandnacht sind über drei Jahre vergangen und die Fertigstellung des bekanntesten Weilburger Piséhauses rückt in greifbare Nähe. Planmäßig soll die Maßnahme bis zum Frühjahr 2021 abgeschlossen sein.

Das Gebäude
Der eigentlich schmucklose und mit einem einfachen Satteldach ausgestattete Bau stellt sich an der traufseitigen Fassade zur Niedergasse als dreistöckiges Wohnhaus dar. Auf dem gegenüber steil abfallenden Hang zur Hainallee ist das Gebäude jedoch sechs Stockwerke hoch, was einer Fassadenhöhe von circa 20 m entspricht. In Europa ist kein höherer Pisébau bekannt. Das circa 1830 vom Pionier des Weilburger Pisébaus, Wilhelm Jakob Wimpf, als Wohnhaus für seine Familie errichtete Stampflehmgebäude steht aus geschichtlichen, künstlerischen und technischen Gründen unter Denkmalschutz.

Der Typus des Piséhauses
Bei der Lehmstampftechnik des Pisébaus wird feuchte Lehmerde mit Zusatzstoffen wie Pflanzenfasern oder Stroh vermengt, zwischen zwei Schalbretter geschüttet und festgestampft. Diese in Lehmstampftechnik errichteten Gebäude zeichnen sich durch ein nüchternes Fassadenbild mit schmalen, wie eingeschnitten wirkenden Fenstern aus. Weilburg ist mit über zwanzig Exemplaren, die sich überwiegend in der Bahnhofsstraße und Frankfurter Straße befinden, die „Hochburg“ des Pisébaus im Landkreis Limburg-Weilburg.

Sanierung mit Plan
Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen hat die Sanierung dieses besonderen Objektes in den Jahren 2018 bis 2020 mit 200.000,- Euro unterstützt. Voraussetzung dafür war eine restauratorische Voruntersuchungen und ein darauf basierendes, denkmalgerechtes Sanierungskonzept, das als Grundlage für die derzeit noch laufenden Maßnahmen diente. Der Erhalt von möglichst viel historisch wertvoller Substanz im Rahmen einer behutsamen Modernisierung des Gebäudes mit einer angemessenen Erhöhung des Wohnkomforts stellte das inhaltliche Gerüst des Konzeptes dar. So konnten historischen Putze und Ausstattungselemente wie Fenster, Türen, Fußbodendielen, Fensterläden und das Treppenhaus größtenteils erhalten werden. Eine echte Besonderheit sind die Innenwände des Gebäudes. In anderen Piséhäusern der Region wurden sie in der Regel als konstruktive Fachwerkwände ausgebildet. In unserem Fall überrascht es, dass selbst die schlanken Trennwände mit einer Stärke von nur knapp 10 cm noch in Stampflehmtechnik hergestellt wurden und bis auf wenige Ausnahmen bis heute schadlos erhalten sind. Auch die letzten vier noch verbliebenen, bauzeitlichen Holzfenster wurden wieder aufgearbeitet und dienten als Muster für den Nachbau zusätzlich benötigter, neuer Holzfenster. Die bauzeitliche Farbigkeit von Fassade, Fenstern, Türen oder dem Treppenhaus wurde durch restauratorische Untersuchungen ermittelt.
Der noch vollständig erhaltene historische Dachstuhl wurde als reines Pfettendach ausgebildet. Dies ist eine traditionelle Dachkonstruktion, bei der die Sparren auf den waagerechten First-, Mittel- und Fußpfetten aufliegen. Wie bei vielen Scheunendächern auch, wurden die Fußpunkte durch eine doppelte, mit einem kurzen Stichgebälk verbundene Fußpfettenlage ausgeführt. Dass die Investoren den Dachstuhl nicht mit ausbauen wollen, ist für die Denkmalpflege ein Glücksfall. Denn damit fallen Erfordernisse wie die Vorhaltung eines zweiten baulichen Rettungsweges oder die Erfüllung von Brandschutzbestimmungen weg, die häufig nicht ohne Substanzverlust und Einschränkungen im äußeren Erscheinungsbild möglich sind.
Folgerichtig wird das Gebäude nach der Instandsetzung und einer behutsamen Modernisierung in seiner äußeren Gestalt dem bauzeitlichen Erscheinungsbild sehr nahe kommen.

Auch die Altstadt gewinnt
Die Maßnahme des nach langem Leerstand wieder denkmalgerecht instand gesetzten Piséhauses in der Niedergasse ist aber nicht nur für die Denkmalpflege ein echter Glücksfall. Auch die Weilburger Altstadt erfährt durch die Wiederbelebung dieses städtebaulich bedeutsamen Gebäudes eine erhebliche Aufwertung und Wertsteigerung. Es ist zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht. In Weilburg gibt es zwei weitere sehr ähnliche Objekte, die ebenfalls mit Leerstand und Brandschäden zu kämpfen hatten. Nun zeichnet es sich ab, dass beide Objekte Investoren gefunden haben, die eine denkmalgerechte Instandsetzung anstreben. Auch diese Sanierungen wird die Denkmalpflege unterstützen.

Frank Aulbach, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege