Man darf nur dann etwas Neues machen, wenn man etwas besser machen kann. (Adolf Loos (1870–1933)

Anlässlich der derzeitigen Diskussion um die Neugestaltung des Brüder-Grimm-Platzes in Kassel gibt Professor Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau (DASL) sowie der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bundesministerium des Inneren (BMI) folgendes zu bedenken.

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Der Wiederaufbau des Platzes erfolgte unter den Planungsidealen der sechziger Jahre
„Zwischen bunten Blumen sollte ein Erholungsraum entstehen, der den Blick bis zum Habichtswald eröffnete – der Wert, den diese Anlage für die Bürgerinnen und Bürger vor dem Hintergrund der Verdichtung des Stadtraumes hatte, war enorm.“

Der Platz ist Kulturdenkmal

„Der Brüder-Grimm-Platz in Kassel gehört bundesweit zu den wenigen erhaltenen, grünen Stadtplätzen der Nachkriegszeit.“ Obwohl er wegen seiner städtebaulichen und gartenhistorischen Qualitäten auf der Liste der Kulturdenkmäler in Hessen stehe, sei seine Bedeutung für eine behutsame Weiterentwicklung des Bestandes jedoch bislang noch nicht hinreichend Gegenstand der Diskussion im Zusammenhang mit der Neugestaltung gewesen. „Ich bin der Meinung, dass die Einbeziehung der historischen Dimension des Ensembles einen Ausweg aus der anhaltenden Kritik an den bestehenden Planungen bieten könnte.“ Harzenetter sagte, vor dem Hintergrund des Welterbestatus für den Bergpark Wilhelmshöhe böte es sich geradezu an, das historische Potential des Platzes neu in Wert zu setzen, denn letztlich handele es sich um eine fürstliche Platzkonzeption, die erstmals die Verbindung des Stadtzentrums mit dem Herkules vollzogen habe. „Ohne den Brüder-Grimm-Platz hätten der Bergpark und der Herkules schwerlich die Wirkung entfalten können, von der heute Menschen aller Nationen profitieren – Kassel wäre nicht das, was es heute ist.“ 

Der Platz als fürstlicher Vorhof und Entree

Dass Paul du Ry, der Architekt Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720 – 1785) sich an den Residenzen in Berlin, Paris, Bordeaux oder Nancy orientiert und das Vokabular fürstlicher Platzfiguren beherrschte, habe er bereits mit dem wenige Jahre zuvor angelegten Friedrichsplatz in Kassel (1769-1783) bewiesen. Durch den Königsplatz und die Achse der Oberen Königstraße habe er nicht nur den Friedrichsplatz, sondern auch den Opernplatz und den Holländischen Platz wie an einer Schnur neu aufgefädelt. „Das war das Modernste, was man sich damals vorstellen konnte“, so Harzenetter. „Jetzt hatte die Stadt ein Rückgrat und Plätze, um die herum sich neue Quartiere entwickeln konnten.“ Höhe- und Endpunkt dieser Achse sei der Brüder-Grimm-Platz vor den Toren der Stadt gewesen. Der Platz habe die Bewegung der Oberen Königstraße nicht nur aufgefangen, sondern zugleich – durch seinen Knick – wie ein Gelenk weitergeführt. „Nur so war es möglich, dem in den Platzraum eintretenden Betrachter die Perspektive über die Wilhelmshöher Allee auf den unter Landgraf Karl (1654-1730), den Vater Friedrichs II. erbauten Herkules und das neu errichtete Schloss Wilhelmshöhe zu eröffnen.“ Der Brüder-Grimm-Platz verbinde entsprechend nicht nur zwei Achsen miteinander, sondern den fortbestehenden Machtanspruch über die Stadt hinaus bis zu den Grenzen des Blicks. Umgekehrt sei der Platz für den sich von der Weißensteiner Allee nähernden Betrachter bis heute eine Art von Vestibül, das ihn auf die Folge von repräsentativen Plätzen im Inneren der Stadt vorbereite.
Die zentrale Rolle des 1910-13 von Theodor Fischer erbauten Hessischen Landesmuseums, das durch seine Schrägstellung zugleich den Abschluss der Oberen Königstraße wie auch die Verbindung zur Wilhelmshöher Allee vollzogen habe, sei bereits vielfach betont worden. „Von größter Bedeutung ist jedoch die Tatsache, dass dieses Gebäude die bauzeitliche Konzeption des Platzes mit der abknickenden Achsenverbindung kongenial interpretierte und damit die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen legte.“ 

Der Wiederaufbau des Platzes nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Wiederaufbau des nur teilweise zerstörten Platzes sei unter den Planungsidealen der sechziger Jahre erfolgt. Erwähnenswert sei hier neben dem von Paul Bode neuerbauten Hotel Hessenland (1952-53) der konsequente Ausbau der Straßen und vor allem der Platzfläche: Teilflächen seien angehoben und mit Treppen, Bänken, aufwändigen Pflanzbeeten und neuen Wegen versehen worden. „Zwischen bunten Blumen sollte mitten in der Stadt ein Erholungsraum entstehen, der den Blick in Fortführung der ursprünglichen Konzeption des Platzes in die Königstraße, durch die Weinbergstraße und durch die Wilhelmshöher Allee bis hinauf zum Habichtswald eröffnete – der Wert, der diese Anlage vor dem Hintergrund des steigenden Verkehrsaufkommens und der zunehmenden Verdichtung des Stadtraumes für die Bürgerinnen und Bürger hatte, war enorm.“ Bemerkenswert seien die aus zeittypischen Materialien individuell gefertigten Waschbetonplatten kombiniert mit Natursteinpflaster, Treppenstufen und Stützmauern aus Wesersandstein. „Wie bei allen funktionierenden Platzräumen definierten die den Platz rahmenden Gebäude die Proportionen und die städtebauliche Bedeutung des Platzes mit seiner besonderen, durch historische Sicht- und Blickbeziehungen gesteigerten Aufenthaltsqualität – man erlebt Plätze stets von der Mitte her.“  

Fazit: Es besteht keine Notwendigkeit, alles anders zu machen

Der Brüder-Grimm-Platz sei damit – so resümierte Harzenetter - nicht nur ein in selten guter Erhaltung überliefertes Beispiel einer Platzgestaltung aus der Nachkriegsmoderne, in seiner heutigen Gestalt seien auch alle anderen Zeitschichten enthalten. „Es besteht aus denkmalpflegerischer Sicht keine Notwendigkeit einer grundlegenden Neuordnung. Durch eine behutsame Weiterentwicklung des Bestehenden könnte vielmehr der kulturgeschichtliche, städtebauliche, baukulturelle und gartenhistorische Wert des Brüder-Grimm-Platzes unter Wahrung aller seiner Zeitschichten und erheblicher Einsparung von Ressourcen behutsam an die Erfordernisse der Zukunft angepasst werden – zumal an der Erhaltung des Kulturdenkmals Brüder-Grimm-Platz auch ein öffentliches Interesse besteht: Man darf nur dann etwas Neues machen, wenn man etwas besser machen kann. (Adolf Loos 1870–1933)“

Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege
08.07.2021