Im Schatten liegende Kunstschätze der Marburger Elisabethkirche

Bei der Elisabethkirche in Marburg handelt es sich um eine zweigeschossige, gotische Hallenkirche mit Dreikonchenchor und Doppelturmanlage, deren Grundsteinlegung im Jahre 1235 war. Sie gilt neben der Liebfrauenkirche in Trier als erste frühgotische Kirche in Deutschland und ist darüber hinaus der größte Sakralbau des Deutschen Ordens in Hessen.

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Hochaltar aus Stein, Elisabethkirche Marburg.
Hochaltar aus Stein, Elisabethkirche Marburg.

Der Hochaltar
Aufgrund ihrer Bedeutung als Wallfahrtskirche beherbergt sie überregional bedeutende Kunstschätze. Darunter zählt auch der steinerne Hochaltar, der im Jahr 1290 geweiht wurde. Wohingegen die Vorderseite des Altars mit seiner außergewöhnlich filigranen Zierarchitektur Gegenstand von täglich stattfindenden Führungen ist, erfährt die im Schatten liegende Rückseite wenig Beachtung, dabei steckt gerade diese voller Geheimnisse. Denn genau hier haben sich in hohen Blendnischen gotische Malereien erhalten, die durch die Weihedaten des Altars gut datierbar und wegen ihrer Stellung am Beginn der Entwicklung der gotischen Malerei in Deutschland von großer Bedeutung sind.

Restauratorische Untersuchung der Malereien
Da die Malereien bis heute wenig Beachtung in der Forschung erhielten und auch ihr konservatorischer Zustand überprüft werden sollte, wurden zwischen Mai und Juni diesen Jahres restauratorische Untersuchungen durch M.A. Restauratorin Manuela Thews vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen Referatsbereich Restaurierung in Betreuung von Frau Christine Kenner sowie in Kooperation mit Herrn Waschkowitz vom Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen durchgeführt. Dabei wurden die Malereien optisch mit einer Lupe in verschiedenen Lichtsituationen betrachtet, um Rückschlüsse auf ihren Herstellungsprozess sowie den aktuellen Erhaltungsbestand ziehen zu können. In diesem Zusammenhang war eine Kernfrage, welche Partien der Malerei noch aus gotischer Zeit stammen und welche später ergänzt sind. Zu sehen sind in den sechs Feldern der Rückseite jeweils zwei zueinander gepaarte Figuren. Die meisten von ihnen haben ein geschwungenes Schriftband in der Hand, welches sich bis in die Spitze des Bogens hin entfaltet. Die Dargestellten sind Propheten und Heilige, die zum Teil auf Thronbänken sitzen, zum Teil stehen. An der südlichen Schmalseite des Altars ist die Verkündigung an Maria dargestellt. Bei der linken Figur der Rückseite soll es sich aufgrund der Krone um David handeln.

Der Hochaltar als Bildträger
Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass der Bildträger aus zwei unterschiedlichen Gesteinsarten besteht. Jeweils die mittleren Blöcke der Bildfelder sind aus einem rötlichen Sandstein, oben und unten gerahmt von beigem Wehrdaer Sandstein. Lediglich das Feld in der Mitte weicht ab, da es vollständig aus dem rötlichen Sandstein aufgebaut wurde. Eine weitere, den Aufbau betreffende, Auffälligkeit stellt die komplizierte und unsymmetrische Gesteinsstückelung dar, aus der sich ein unsystematischer Fugenverlauf ergibt, der  unter anderem die Kopfpartien der Figuren in zwei Teile teilt. Die Passgenauigkeit der Steinblöcke variiert sehr stark, wodurch teils sehr glatte, schmale Fugen, teils sehr breite, ausgefranste Fugen entstanden. Der Fugmörtel sowie Unebenheiten der Steinoberfläche wurden nicht egalisiert und zeichnen sich auch durch die dünne Grundierung deutlich ab.

Die einstige rötliche Unterzeichnung der Komposition wurde direkt auf die Steinoberfläche aufgetragen. Da die nachfolgende Malerei größtenteils im Laufe der Zeit verloren ging, traten die Unterzeichnungslinien wieder zutage. Weitgehende Überarbeitungen aus späterer Zeit lassen die Linien heute fälschlicherweise als Konturen erscheinen.  Stellenweise sind mit der Lupe verblasste gotische Linien zu erkennen, die unter den Malschichten liegen. Optisch lässt sich bei genauem Hinsehen die aus späterer Zeit stammende Retusche vom Original unterscheiden: sie ist von der Farbnuance etwas dunkler und nicht so filigran gezogen. Wirre Formen und inkorrekte Linienfortführungen lassen darauf schließen, dass teilweise die Retusche ohne Kenntnis der Vorlage ausgeführt wurde.

Auf die Unterzeichnung wurden zwei Grundierungsschichten aufgetragen: die Erste ist sehr dünn und gebrochen weiß, die Zweite ist etwas dicker aufgetragen worden, ockerfarben und hat gröbere Zuschlagsstoffe. Nach dem Grundierungsauftrag erfolgte die Anlage der Farbflächen mit zumeist mehrschichtigem Aufbau. Grüne Flächen besitzen eine dünne, blaue Unterlegung, der blaue Hintergrund eine sehr dünne, hellblaue Unterlegung. Stellenweise ist auch bei den roten Partien ein helleres Rot als Unterlegung ersichtlich. Lediglich die ockerfarbenen Partien der Malerei weisen einen einschichtigen Aufbau ohne Unterlegung auf. Dieser aufwändige Malereiaufbau ist ungewöhnlich, da er mehr mit der Tafelmalerei und Skulpturenfassung als mit der Wand- und Monumentalmalerei gemein hat.

Besondere stilistische Merkmale
Ein weiteres stilistisches Merkmal dieser Malerei ist der konsequente Farbwechsel der Komplementärfarben Rot und Grün, welcher sich zum einen zwischen den Mänteln und den Untergewändern der Figuren, zum anderen hierbei in Einbeziehung der benachbarten Figur vollführt. Nachdem die Gewänder flächig angelegt waren, wurde der Faltenwurf linear gestaltet. Entlang der Faltentäler wurden sehr feine weiße Licht- und schwarze Schattenlinien gezogen. Ob eine diffizilere Ausgestaltung durch Schattierungen oder Gewandmuster vorhanden war, lässt sich nicht mehr festhalten.

Der erhaltene Bestand
Die Malereifelder unterscheiden sich insgesamt in ihrem Erhaltungsgrad erheblich voneinander. Wohingegen die Verkündigungsszene am besten erhalten ist, zeigt ihr Pendant auf der Nordseite kaum noch erkennbare Formen, die darüber hinaus vorwiegend als Ergänzungen späterer Zeit einzustufen sind.  Auch das Erscheinungsbild der anderen Blendnischen ist durch Retuschen in unterschiedlichem Umfang  verändert. Dennoch zeigen sich bis heute der ursprüngliche hohe Anspruch und die Finesse der Malerei, z.B. an der architektonischen Zeichnung des Sockels der nördlichen Blendnische. So sind die Malereien trotz ihrer Verborgenheit im Schatten des Altars in ihrem Bestand und der Technologie außergewöhnlich. Die Untersuchungen werden künftig fortgesetzt indem die Malereien mit anderen Wand- und Tafelmalereien aus der Zeit um 1300 in Kontext gesetzt werden.

M. Thews, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege