Im Fokus: Bauten der Zeit von 1970 bis 1990

Die Erfassung der Architektur der Zeit von 1970 bis 1990 ist eine neue, umfangreiche Aufgabe der Denkmalinventarisation. Über Methoden und Instrumentarien der Erfassung haben sich Experten aus allen Bundesländern bei ihrem Frühjahrstreffen in Frankfurt und Wiesbaden verständigt.

P1110092-1.jpg

Die Arbeitsgruppe Inventarisation im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt
Die Arbeitsgruppe Inventarisation im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt

Revision der Postmoderne: Treffen der Arbeitsgruppe Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, 5. bis 7. April 2017, Schloss Biebrich, Wiesbaden

Den Blick erweitern

Denkmalerfassung ist eine fortschreitende Aufgabe. Gerade noch im Begriff, das bauliche Erbe der 1950er und 1960er Jahre zu erfassen, fällt der Blick der Denkmalpfleger inzwischen auch auf die Architektur der Zeit von 1970 bis 1990. Die Qualitäten der heute oftmals vorschnell als geschmacklos-kitschig und abgehoben verschriene Postmoderne zu erkennen und sie angesichts ihrer damaligen komplexen städtebaulichen Aufgaben zu bewerten, ist eine Herausforderung. Hervorragende Einzelbauten wie James Stirlings 1984 entstandene Neue Staatsgalerie in Stuttgart oder Frank Gehrys Vitra Design Museum in Weil am Rhein (1989) sind in ihrer Wertigkeit unbestritten. Im urbanen Kontext erschließt sich die Stilbruch und Stilzitat verbindende Vielschichtigkeit postmoderner Wohn- und Geschäftsbauten jedoch nicht immer ganz so einfach.

An ausgewählten Beispielen diskutiert

Die Arbeitsgruppe Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger hat sich im Rahmen ihres jährlichen Frühjahrstreffens vom 5. bis 7. April 2017 in Wiesbaden mit der Architektur der Zeit von 1970 bis 1990 befasst und die Beurteilung postmoderner Architektur anhand ausgewählter Beispiele diskutiert. Unter Beteiligung der Vertreter fast aller Bundesländer wurden neben einem aktuell in Baden-Württemberg laufenden, spannenden Projekt zur Erfassung des Baubestandes von 1975 bis 1995 auch postmoderne Werke außerhalb Deutschlands vorgestellt, darunter Hans Holleins „Haas-Haus“ und das Juweliergeschäft Schullin I in Wien, sowie James Stirlings städtebauliches Meisterwerk "No 1 Poultry" in London.

Vor Ort besichtigt

Am praktischen Beispiel folgte die Erläuterung postmoderner Architekturwelten schließlich im Rahmen eines Stadtrundgangs in Frankfurt am Main. Frankfurt, das vor allem durch das Wirken des charismatischen Architekturtheoretikers Heinrich Klotz zu einem Kristallisationsort der Debatte über das Für und Wider postmodernen Bauens in Deutschland wurde, verfügt sowohl über exzellente Einzelbauten als auch über anschauliche städtebauliche Strukturen der Zeit. Dazu zählen u. a. die 1981 bis 1983 neu geschaffenen Bebauung der in der kriegszerstörten Frankfurter Altstadt gelegenen Saalgasse, der raffinierte Um- und Ausbau des Deutschen Architekturmuseums durch Oswald Mathias Ungers (1984), sowie Hans Holleins 1981 eindrucksvoll auf dreieckigem Grundriss konzipiertes Museum für Moderne Kunst (MMK).

Begegnung vor Ort

Besonders wertvoll  war für alle Beteiligten die Begegnung mit Jochem Jourdan. Der mit dem Büro Jourdan & Müller Projektgruppe Städtebau (PAS) seit 1980 vor Ort ansässige Architekt hat wie kaum ein anderer das Bild Frankfurts als Stadt der architektonischen Brüche von den frühen 1970er bis heute mitgeprägt und begleitete die Teilnehmer bei einem Rundgang durch die 1979 bis 1986 eigens mitkonzipierte Landeszentralbank. Das Gespräch mit dem Architekten, das Heinrich Klotz schon 1973 als einzig probates Mittel der Geschichtsschreibung propagiert hat, ermöglichte einen authentischen Einblick in die Formsprache und Ideenwelt postmoderner Architektur, wie sie vielerorts in Deutschland zu finden ist.

Aufgabe für die Zukunft

Die Erfassung der Architektur der Zeit von 1970 bis 1990 wird – das zeichnete sich bei dem Treffen der Arbeitsgruppe Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in Hessen klar ab – schon in naher Zukunft eine umfangreiche Aufgabe der Denkmalinventarisation mit hohem Forschungs- und Diskussionsbedarf sein.

S. Kress, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege