Hochschulcampus Dieburg vorgestellt

Zum achten Seminar-Forum der Reihe 'Ungeliebte Moderne?', die von der Arbeitsgruppe „Architekt/in in der Denkmalpflege“ der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen in Kooperation mit dem Landesamtes für Denkmalpflege Hessen veranstaltet wird, ein ganz besonderes Ensemble vorgestellt: die ehemalige Akademie für Fernmeldetechnik und Feinmechanik der Bundespost in Dieburg bei Darmstadt.

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Blick vom Hörsaalgebäude zum Verwaltungs- und Lehrbereich
Blick vom Hörsaalgebäude zum Verwaltungs- und Lehrbereich

Zur Geschichte

Die ehemalige Akademie für Fernmeldetechnik und Feinmechanik der Bundespost in Dieburg ist ein Spätwerk des bekannten Altmeisters Herbert Rimpl, der vor allem durch in der NS-Zeit entstandene Industrie- und Siedlungs- und Verwaltungsbauten bekannt wurde. Es handelt sich um ein Großprojekt, das er zusammen mit dem Landschaftsplaner Hermann Mattern, einem der renommiertesten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts in Deutschland, realisiert hat und ist eine Rarität, deren überkommener Teil in einem sehr guten Pflegezustand ist.

Zur Nutzung des Gebäudes

Seit dem Jahr 2000 ist dieser Teilbereich im Besitz des Landes Hessen und in Nachnutzung durch die Hochschule Darmstadt (h-da), mit den für die Lehre geeigneten und benötigten Gebäuden, wie der Aula, den Lehr- und Seminargebäuden, der Verwaltung sowie den Werkstätten und der Mensa. Die h-da betreibt diesen zweiten Standort, mit den aufstrebenden Fachbereichen Wirtschaft und Medien. Nach einem starken Anwachsen der Studierendenzahlen in den letzten Jahren, befindet sich die h-da derzeit in einer Orientierungsphase und strategischen Zukunftsplanung, die in einen Masterplan für die zukünftige Ausrichtung und die Weiterentwicklung des gesamten Geländes mit dem Gebäude- und Gartenbestand münden soll.

Bauten und Freiräume

Der Planungsauftrag von Rimpl umfasste 1964 neben einer Aula und einer Mensa, Lehr- und Seminargebäude, aber auch Wohnheime und Freizeitanlagen, wie einen Sportplatz und ein Schwimmbad. Die städtebauliche Anordnung der Anlage ist als Geste formuliert, die topographisch in das Gelände eingefügt ist und das Areal als Geflecht überspannt. In diesem Spätwerk greift Rimpl auf einen großen Erfahrungsschatz zurück, es wird das letzte Projekt von Rimpl sein, welches den Bogen von Einflüssen der 1960, aber auch der 1950er Jahre bis zu den 20er Jahren spannt, im Stil einer moderaten Moderne gestaltet. In Abfolgen des Öffnens und Schließens einerseits von Platzräumen und Wegen, andererseits in der architektonischen Gestaltung der mit hoher Detailpräzision ausformulierten, puristischen Hülle in konstruktiv-rationaler Syntax, entstand ein Ensemble von höchst qualitätvollem und repräsentativem Ausdruck, welches durch die Landschafts- und Gartenplanung von Hermann Mattern synergetisch verstärkt wird, ohne sich konzeptionell zu verschränken. Die Gesamtanlage zeichnet sich durch die eigenständige Planung zweier hochkarätiger Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet aus, die in Innen- und Außenbereichen miteinander in Bezug treten ohne voneinander abhängig zu sein. Die architektonisch weitläufig angelegte Anlage bietet in den Zwischen- und Übergangszonen räumliche Möglichkeiten von abgestuften Grünbereichen, die mit großer Subtilität und Varianz bepflanzt und organisch gestaltet sind und damit sehr unterschiedliche Atmosphären in den Grünbezirken schafft.

Die Bauwerke, mit ihrer puristisch-eleganten Schlichtheit in der Form besitzen eine große Differenziertheit in der Detaillierung und eine hohe Präzision in der Ausführung, deren kubische Gestalt durch die flächenbündige Fassadengestaltung der Natursteinplatten-Fassade und der Aluminium-Bandfenster unterstrichen wird. Die zurückspringende Sockelzone, ist in dunklerer Farbe gehalten, um den Kontrast mit den darüber auskragenden Baukörpern zu verstärken, die nur auf vorgestellten Stützen oder Pfeilern aufgelagert scheinen. Die Fensterbänder, sowie darüber angebrachte Sonnenbrecher, ebenfalls aus Aluminium, geben den Kuben eine horizontale Gliederung. Nur bei den Sonderbauten wie der Aula, der Mensa sowie den Hörsälen, ist eine eher vertikale Struktur konzipiert, um die Sondernutzung zu unterstreichen.

Die Qualität der baulichen Anordnung, deren Flächen räumlich und funktional Spielraum für neue Konzepte bieten sowie die verwendeten Materialien, die formalgestalterisch eine elegante, zeitlose Sprache sprechen und ein gutes Alterungsvermögen besitzen, können als nachhaltig bezeichnet werden. Die heutige Nutzung als Hochschule erscheint für Bauwerke und Nutzer als sehr passend, da hier der Kontrast von intellektueller Konzentration und natürlichem Freiraum bzw. virtuell erzeugten Welten und realer Umgebung, sich in hohem Maße synergetisch zueinander verhält und Ausgleich schafft.

Perspektiven

Deshalb ist die Auseinandersetzung in dieser frühen Phase der strategischen Zukunftsausrichtung des Nutzers und den Belangen des in ihrer Gesamtanlage weiter zu pflegenden behutsamen Umganges der überkommenen, hochwertigen Substanz von Bauwerken und Grünanlagen als Chance und Herausforderung gleichermaßen zu sehen. Der Raumbedarf und die Nutzungsbedürfnisse abzugleichen und mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten auszuloten, die Wertschätzung des vorhandenen Bestandes im Blick, ist eine gute Voraussetzung, einen Masterplan für die Gesamtanlage Campus Dieburg und die Nutzer zu entwickeln.

Für die zukünftige Instandsetzung der Gebäude kann die von Winfried Brenne vorgestellte Mustersanierung eines Teilbereiches der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg von Sep Ruf als vorbildhaft gelten, um die Komplexität und die Abhängigkeiten der Maßnahmen im Vorfeld zu durchdringen. Aus den Erkenntnissen eines eingegrenzten Bereiches lassen sich spezielle, auf das Objekt abgestimmte Detaillösungen entwickeln und angepasste Vorgehensweisen nahe am Bestand ableiten. Der hier angestoßene Prozess, durch die 'AG Denkmalpflege und Bauen im Bestand' kann als wegweisend angesehen werden und trägt dazu bei, dass die Beziehung von Nutzer und Baubestand, so wie zu Anfang der Veranstaltung betont, eine 'geliebte Moderne!' sei, auch eine solche bleiben wird.

Anette Busse, Studiengangsreferentin (Postgradualer Masterstudiengang, Karlsruhe Institut für Technologie)