Hessischer Kratzputz ausgezeichnet

Am 29. Mai 2017 wurden 34 Vertretern aus unterschiedlichsten Institutionen Urkunden für die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes verliehen. Unter ihnen war auch Rainer Scherb, Tischlermeister aus Neuental (Schwalm-Eder-Kreis). Er nahm die Auszeichnung für den Hessischen Kratzputz entgegen.

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08.06.2017: Urkundenverleihung in Berlin
Bei der Urkundenverleihung von links nach rechts: Staatsministerin Prof. Monika Grütters, Tischlermeister Rainer Scherb, Kultusministerin Dr. Martina Münch, Prof. Christoph Wulf

Immaterielles Kulturgut prägt Identitäten

Die Würdigung nahmen die Staatsministerin Prof. Monika Grütters, die Kultusministerin Dr. Martina Münch für die Kultusministerkonferenz und Prof. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin vor. Prof. Christoph Wulf unterstrich: „Immaterielles Kulturerbe prägt Identitäten, stärkt den sozialen Zusammenhalt und fördert den Dialog zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Es ist Quelle von Kreativität und Innovation und trägt zu gesellschaftlichem Wandel bei. Ich gratuliere allen heute Ausgezeichneten ganz herzlich und danke ihnen für ihre stetige Weiterentwicklung unseres kulturellen Erbes. Sie stehen für die Vielfalt unserer Kulturlandschaft.“

Hessischer Kratzputz ist die einzige, ausgezeichnete Kulturform aus Hessen

Zu den ausgezeichneten Kulturformen gehört als einzige aus Hessen in diesem Jahr der „Hessische Kratzputz“. Er wurde im Jahr 2015 von der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda zur Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen. Stellvertretend für die Kratzputz-Akteure in Hessen nahm Rainer Scherb, Tischlermeister aus Neuental (Schwalm-Eder-Kreis), die Urkunde in Berlin entgegen. In ihrer Entscheidungsbegründung verwies die Deutsche UNESCO-Kommission darauf, dass die Sensibilisierung von Hauseigentümern und Entscheidungsträgern bezüglich der Bedeutung des „Hessischen Kratzputzes“ eine zukunftsweisende und entscheidende Rolle spielen wird, um die seltene und gefährdete Handwerkstechnik zu erhalten und zu fördern. Das Angebot von Praxisseminaren und die Dokumentation von Kratzputzbeständen stellen in diesem Zusammenhang zwei wichtige Aktivitäten dar.

Am Rande der Auszeichnungsveranstaltung wiesen Rainer Scherb und Gerwin Stein von der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege darauf hin, dass der „Hessische Kratzputz“ unter den bisher in das Verzeichnis aufgenommenen Kulturformen eine Sonderstellung einnimmt. Die handwerklichen und künstlerischen Fertigkeiten, die zu Herstellung solcher Putze erforderlich sind, stellen das immaterielle Kulturerbe dar. In ausgeführter Form können jedoch gestaltete Gefacheputze an historischen Fachwerkgebäuden ebenso als materielles Kulturerbe angesehen werden.

Ziele für die Zukunft

Es ergeben sich für die im Bereich des „Hessischen Kratzputzes“ aktiven Personen und Institutionen zwei unterschiedliche Zielstellungen:

Es besteht aus denkmalpflegerischer und volkskundlicher Sicht ein großes Interesse daran, wertvolle historische Putzbestände zu dokumentieren und diese ggf. zu sichern und zu restaurieren. In Bezug auf die historische Handwerkstechnik, also dem jetzt ausgezeichneten immateriellen Kulturerbe ist es notwendig, dass diese seltene Handwerkstechnik an zukünftige Handwerkergenerationen weiter vermittelt wird. Außerdem möchten Scherb und Stein in den kommenden Monaten insbesondere die Öffentlichkeitsarbeit verstärken. Rechtzeitig zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 sollen je eine Kratzputz-Erkundungsroute in der Schwalm sowie im Landkreis Marburg-Biedenkopf ausgearbeitet werden. Eine geplante Informationsbroschüre und Ausstellung wird dazu die notwendigen Hintergrundinformationen vermitteln. Ebenso sind Schulungen von zukünftigen Gästeführern zu dem Thema Kratzputz geplant.


Weitergehende Informationen zum Kratzputz in Hessen enthält ein von der Beratungstelle für Handwerk und Denkmalpflege erstellter Film (siehe Link am Ende des Artikels).

G. Stein, Leiter der Beratungsstelle Handwerk und Denkmalpflege, Propstei Johannesberg in Fulda