Gelebte Denkmalmoral

„Nicht für den Ruhm, noch aus kommerziellen oder politischen Gründen sollte man arbeiten, man soll dafür leben und nicht davon!“ Dies war die Maxime von Gisela Spruck im Umgang mit unserem kulturellen Erbe. Diese Maxime hat sie mit Leib und Seele gelebt. Am 22. September ist Frau Spruck im Alter von 96 Jahren im Hofgut Leustadt in der Wetterau verstorben.

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Foto Gisela Spruck
Ausgezeichnet mit dem deutschen Denkmalschutzpreis für ihr Lebenswerk: Gisela Spruck.

Das Schloss von Hof Leustadt in Glauberg, Stockheim, schlank und hoch, im Grundriss hakenförmig, mit einem langen Flügel und rundem Treppenturm war ihr Domizil und ihre Wirkungsstätte.
Leustadt hat eine über 1200 Jahre reichende Geschichte, die Frau Spruck minutiös aufarbeitete. Aufbauend auf ihrem Studium der Kunstgeschichte in Leipzig eignete sie sich nicht nur ein profundes geschichtliches und kunsthistorisches Wissen an – sie wurde auch zu einer versierten und gefragten Restauratorin.

Von der Trockenlegung der ehemaligen Wasserburg Leustadt, über die Sanierung der Fassaden bis hin zur Restaurierung des figürlichen Schmuckes lag alles in ihren Händen. Noch im hohen Alter stand sie persönlich auf dem Gerüst. Von ihrer tiefgreifenden Kenntnis über Putze und Farben, deren ursprüngliche Herstellung und Verarbeitung zeugt das Schlossgebäude in beeindruckender Weise. Selbst die Kelle, um den Putz aufzuziehen, optimierte sie im Sinne der authentischen Wirkung der Oberflächen.

Materialechtheit, Materialgerechtigkeit und Werkgerechtigkeit waren für sie selbstverständlich. Selbstverständlich war es auch für sie ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten einzusetzen, wo sie gebraucht wurden.
So ist auch die Wiederentdeckung der außergewöhnlichen Malereien und Ausstattung der katholischen Kirche St. Judas Thaddäus in Stockheim (Art-Déco), sowie deren Freilegung und Restaurierung der Initiative und dem Einsatz von Frau Spruck zu verdanken.

Auch im Denkmalbeirat des Wetteraukreises hat sie sich aktiv beteiligt, zwei Legislaturperioden hatte sie hier den Vorsitz.

Ihr Lebenswerk wurde u.a. mit dem deutschen Denkmalpreis, der silbernen Halbkugel ausgezeichnet. In der Würdigung hieß es: „Geistige Durchdringung des Denkmals sowie voller psychischer und physischer Einsatz über 50 Jahre Restaurierungstätigkeit einer Frau sind in Deutschland einzigartig. Durch ihre jahrzehntelange Erfahrung mit dem ganzen Spektrum der praktischen Denkmalpflege, durch ihre Qualifizierung als Restauratorin und durch ihre kunstgeschichtlich fundierte, hohe Denkmalmoral nimmt sie nicht nur für Hessen, sondern für Deutschland eine Vorbild- und Ausnahmestellung ein.“
Mit ihr zu sprechen, hieß in die Geschichte einzutauchen. Ihr Umgang mit dem kulturellen Erbe war von Demut und Sorgfalt geprägt. Denjenigen, die sie kennenlernen durften, wird sie unvergessen bleiben.

Corina Sauerwein, Fachdienst Bauordnung - Untere Denkmalschutzbehörde des Wetteraukreises
13.11.2021

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Am 5. August 1987 verfasste Gisela Spruck ihre Grundsätze, die Zeit ihres Lebens ihr denkmalpflegerisches Handeln leiteten.

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