Friedhöfe: mehr als nur eine Ansammlung von Grabsteinen

Seit einiger Zeit geraten die Grünanlagen von Friedhöfen immer mehr in den Fokus der Denkmalpflege, da man sie als Gesamtheit bewahren und vor punktuellen Eingriffen schützen möchte. Über Methoden und Instrumentarien der ganzheitlichen Erfassung von Friedhöfen haben sich Experten aus verschiedenen Bundesländern bei ihrem Herbsttreffen Ende November 2017 in Wiesbaden verständigt.

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Der Nordfriedhof in Wiesbaden steht als Sachgesamtheit unter Denkmalschutz
Besichtigung des Nordfriedhofes in Wiesbaden

Vor Ort besichtigt
Den Auftakt der Tagung bildete eine Exkursion zum Wiesbadener Nordfriedhof, der in all seinen Teilen ein Denkmal ist: Diese Sachgesamtheit umfasst das gesamte Areal in seiner historischen Aufteilung und Grüngestaltung mit Einfriedung, Portalen, Toilettenanlage, Verwaltungsgebäude, Urnenhalle, Jüdische Trauerhalle und historische Grabmäler. Dadurch stellte er als Anschauungsbeispiel eine ideale Diskussionsgrundlage dar. Über den Friedhof führte fachkundig und engagiert Michael Reifenberger vom Amt für Grünflächen, Landwirtschaft und Forsten, Abteilung Friedhofswesen. Während der Führung konnten auch herausragende bauliche Anlagen, die sonst verschlossen sind, zugänglich gemacht werden, wie etwa das neoklassizistische Mausoleum der Familie Bartnig (1905), die vom Stadtbaumeister Felix Genzmer 1901/02 geplante Urnenhalle sowie die Gruftkapelle der Familie Jurenka (1930er).

Ganzheitlich denken
Am zweiten Tag im Schloss Biebrich stellte Michael Müller, Inventarisator im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen die Erfassungspraxis Sachsens am Beispiel des Urnenhains in Dresden-Tolkewitz vor. Der 1911 gebaute Urnenhain ist wie auch der Nordfriedhof in seiner Sachgesamtheit erfasst und stellt ein wichtiges Zeugnis für die Anfänge der Feuerbestattung dar. Hier wurden 439 Einzelgrabmale erfasst, was im Unterschied zur summarischen Erfassungspraxis in Hessen steht.

Im Anschluss daran wurde ein Vorschlag für einen bundesweit einheitlichen Erfassungsbogen für Friedhöfe erarbeitet - die bisherige Erfassungspraxis ist sehr heterogen, da Denkmalpflege Landesaufgabe ist. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Integration der vegetativen Bestandteile gelegt, da bislang die Grüngestaltung in den wenigsten Fällen Berücksichtigung gefunden hatte: Ein Friedhof ist keine bloße Ansammlung von Grabsteinen, vielmehr bildet seine gesamte Substanz (Bauten, Vegetation, Wegesystem) ein funktionales und räumliches Gefüge. Die Grüngestaltung bezeichnet in erster Linie die unterschiedlichen Vegetationsschichten - Bäume, Sträucher, Beete, Rasen - aber ebenso das Wegesystem oder Wasseranlagen. Auch immaterielle Elemente wie etwa Blickbeziehungen, Bodenmodellierungen oder Wegeführungen gehören zum historischen Friedhof. Bei den vegetativen Bestandteilen eines Friedhofes muss zwischen dem originalen, schützenswerten Bestand und neueren Bepflanzungen sowie Wildwuchs unterschieden werden. Bereits vorliegende Erfassungsbögen aus ganz Deutschland wurden auf ihre Praktikabilität überprüft und schließlich ein eigener Vorschlag entwickelt, der den Anforderungen aller Bundesländer entsprechen soll und der ganzheitlichen Betrachtungsweise Rechnung trägt. Dieser wird bei der jährlichen Tagung der Arbeitsgruppe „Inventarisation“ der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger im April 2018 präsentiert werden.

Dr. Annika Tillmann, wissenschaftliche Volontärin, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege