Ernst-Reuter-Schule (Nordweststadt Frankfurt am Main) vorgestellt

Zu einer Fortbildung direkt vor Ort lud im Rahmen der Reihe „Ungeliebte Moderne?“ die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen diesmal in ein ganz besonderes Ensemble ein – in die Ernst-Reuter-Schule in der Frankfurter Nordweststadt.

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Relief der Ernst-Reuter-Schule
Relief der Ernst-Reuter-Schule

Errichtet zu Beginn der 1960er-Jahre, um das Bildungsangebot des neu entstehenden Stadtteils zu sichern, war die Ernst-Reuter-Schule von Anfang an ausdrücklich als Modell- und Experimentalschule ausgelegt. Die am zentralen Grünzug des Nordwestzentrums gelegene Schule war eine der ersten integrierten Gesamtschulen Hessens. Sie machte mit unterschiedlichsten reformpädagogischen Ansätzen von sich reden, die heute teilweise selbstverständlich für den Lehrbetrieb sind. Der Schulkomplex wird aktuell von einer achtzügigen integrierten Gesamtschule sowie einem Oberstufengymnasium mit insgesamt weit über 2.000 Schülerinnen und Schülern genutzt. Das Thema „Inklusion“ hat sehr hohen Stellenwert.

Geliebte Moderne
Im Fokus der Seminar-Reihe „Ungeliebte Moderne?“ standen mit der Ernst-Reuter-Schule zum neunten Mal Gebäude aus der Zeit der 1960er bis -70er Jahre, die in der Öffentlichkeit oftmals kontrovers diskutiert und deren Potenziale häufig unzureichend wahrgenommen werden. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, stellte angesichts vielfältiger aktueller Publikationen, Vorträge und Ausstellungen heraus, dass inzwischen unter Experten kaum mehr ästhetische Vorbehalte gegenüber den Bauten dieser Epoche zu bestehen scheinen. Die Seminarveranstaltung regte an, über Strategien nachzudenken, die zukünftige Entwicklungen offen lassen und gleichzeitig dafür sorgen, die Werte solcher Komplexe zu dokumentieren und zu sichern. Der Schulleiter, Gerhard Schneider, vermittelte bereits bei der Begrüßung einen lebhaften Eindruck davon, wie sehr die Ernst-Reuter-Schule von Schülern und Lehrern geschätzt wird: Die langen Wege durch den Schulkomplexes brächten Ruhe in den Schulalltag und die grüne Weite wirke Aggressivität entgegen.

Neue Herausforderungen
Um den Schulstandort in die Zukunft zu führen, steht als Herausforderung eine Sanierung und Weiterentwicklung des Schulkomplexes bevor. Bereits heute, in der frühen Phase der Konzeptfindung, lassen Kostenschätzungen erkennen, dass hier die teuerste Schulsanierung in der Geschichte der Stadt Frankfurt zu erwarten ist. Die Schulanlage mit ihrem markanten Plankonzept stellt sich zwar mit hohem Sanierungsstau, aber in weiten Teilen authentisch und unverbaut dar. Die Veranstaltung bot Gelegenheit, die Zielsetzungen der architektonischen Konzeption, die Qualitäten der Bauten sowie Strategien für deren Akzeptanz und Weiterentwicklung in unserer heutigen Zeit zu diskutieren.

Der Schulkomplex
Gemäß der fortschrittlichen pädagogischen Überlegungen der Erbauungszeit weist der von den Architekten Franz Schuster und Günter Silz geplante Schulkomplex ein differenziertes und umfangreiches Raumprogramm auf. Eine Besonderheit bildet der Theatersaal, in dem die Veranstaltung „Ungeliebte Moderne?“ stattfand und der ansonsten überörtlich für die Theaterschulausbildung genutzt wird. Kombinierte Raumtypen, mit Eingangshallen und Treppenräumen strukturieren die Gebäude. Eine Vorhangfassade mit Keramikfliesen, die die ursprüngliche Fassade der Gebäude nachbildet, kam in den 1980er Jahren hinzu und weist inzwischen große bautechnische Probleme auf.

Ein besonderer Ort
Die Gestaltungs- und Denkmalqualitäten der Bauten und großzügigen Freiräume der Ernst-Reuterschule konnten die Teilnehmer des Seminars in Rundgängen erkunden. Den Eingang zum Gelände im Osten bildet die Hausmeisterwohnung. Den architektonischen Mittelpunkt des Schulkomplexes dominiert ein für die Trias von Schulleitung, Verwaltung und Bibliothek geplantes Gebäude, das zugleich zwei große zentrale Pausenhöfe schafft. Unterschiedliche Varianten der Hofbildung bereichern mit weiteren, intimeren Pausenräumen der einzelnen Schulabteilungen den Schulcampus. Bereits im Konzept des Architekten Franz Schusters kommt den verschiedenen Freiräumen auch als Bewegungsraum und Lernort besondere Bedeutung zu. Die städtebaulichen, landschafts- und baukünstlerischen Aspekte der Anlage machen die Ernst-Reuter-Schule zu einem besonderen Ort.

Perspektiven
Frankfurts größtes Schulzentrum ist beliebt und wächst. Die aktuellen Bedarfe der Schulgemeinschaft auszuloten und dabei die Wertschätzung des vorhandenen Bestandes in den Blick zu nehmen, ist in dieser frühen Phase der strategischen Zukunftsausrichtung als Chance und Herausforderung gleichermaßen zu sehen. Die Stadt Frankfurt hat den Weg beschritten, dem Planungsprozess eine „Phase 0“ voranzuschalten und das Büro Trapez Architektur mit der Durchführung einer Zukunftswerkstatt beauftragt. Konsens fand unter Schülern, Lehrern, externen Anbietern der Jugendhilfe, dem Theater Frankfurt und weiteren Beteiligten der Grundsatz, das parkähnliche Grundstück sowie weite Teile des Bestands zu erhalten und durch Neubauteile zu ergänzen. Nun wird es darauf ankommen, die Ergebnisse gewinnbringend in die Planungsphase weiterzutragen. Wie in einem solchen Prozess ein Wettbewerb helfen kann, gute architektonische Lösungen zu finden, wurde von den Teilnehmern kontrovers diskutiert. Es wird jedoch darauf ankommen, verschiedene Varianten zu entwickeln, die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt ernst zu nehmen und die Qualitäten der Schule gemeinsam in die Zukunft zu führen.

A. Hitthaler, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege