Ein Schulbau wird Kulturdenkmal

Die Abteilung Inventarisation der Bau- und Kunstdenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege hat jüngst einen Schulbau der Nachkriegsmoderne in Heusenstamm aus der Hand des Architekten und Stadtplaners Ernst May als Kulturdenkmal ausgewiesen.

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Ansicht der Schule von Süden. Links das Verwaltungsgebäude, am rechten Bildrand die Turnhalle
Ansicht der Schule von Süden. Links das Verwaltungsgebäude, am rechten Bildrand die Turnhalle

Engagement durch die Nutzer
Aufmerksam wurden die Denkmalbehörden auf das Gebäude durch das leidenschaftliche Engagement vor Ort, denn die Initiative ging direkt vom Lehrpersonal der Adolf-Reichwein-Schule aus. Lehrer Thorsten Krahn, selbst Mitglied der Ernst-May-Gesellschaft in Frankfurt, trat an die zuständige Untere Denkmalschutzbehörde in Offenbach heran und erkundigte sich nach dem Schutzstatus des Bauwerks. Die Behördenvertreter wiederum wandten sich an das für die Inventarisation zuständige Landesamt für Denkmalpflege in Hessen. Es wurde ein Ortstermin vereinbart und der Schulbau aufmerksam untersucht. Die Begutachtung ergab, dass die Schule ein Kulturdenkmal aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen ist. Die Adolf-Reichwein-Schule in Heusenstamm ist neben Gebäuden in  Bremen und Hamburg eine von nur drei in der Nachkriegszeit realisierten Schulen von Ernst May. Die Anlage ist weitgehend unverändert und in seltener Vollständigkeit erhalten.

Funktionalität
Für das Ensemble kombinierte May ein- und zweigeschossige Klassenräume in Pavillonbauweise bzw. als Schustertyp. Dieser 1928 von Franz Schuster entworfene Bautyp ermöglichte die Erschließung von vier Klassenräumen auf zwei Geschossen durch ein mittig gelegenes Treppenhaus. Die kreuzförmig um einen zentralen Verwaltungsbau herum angelegten Bauteile bilden eine reizvolle städtebauliche Grundrissfigur. Im Südwesten liegt der ehemalige Hausmeister-Bungalow. Nordwestlich erschließt ein Laubengang wechselseitig sechs eingeschossige Pavillons. Die entstandenen Freiräume zwischen den Pavillons konnten für den Freiluftunterricht genutzt werden. Ein weiterer u-förmig angelegter Laubengang im Nordosten führt zu den zweigeschossig als Schustertyp angelegten Klassenräumen. Deren Treppenhäuser wurden rückwärtig aus der Fassadenflucht herausgezogen. Durch die markante Freistellung der unteren Treppenläufe wirken die Treppenhäuser geradezu skulptural inszeniert. Die östlich des Hauptgebäudes liegende Turnhalle mit ihren vorgelagerten Umkleideräumen besitzt ein auffälliges Grabendach, das im Innern sichtbar belassen ist. Auch der Schulgarten wird bis zum heutigen Tag als Lernort in den Unterricht einbezogen.

Materialität
Viel Sorgfalt wurde auf die Auswahl der Baumaterialien verwendet. Die Ost- und Westseiten der Klassenräume wurden großzügig durchfenstert, während die Nord- und Südseiten rote Backsteinwände erhielten. In den Innenräumen wurde gelber Backstein im lockeren Wechsel mit braun glasierten Backsteinen als Sichtmauerwerk verwendet. Braungraue Terrazzoböden kontrastieren mit den schwarzen Terrazzostufen der Treppenaufgänge.

Ein Identifikationsort wird Denkmal
Es fällt auf, dass der Schulbau kaum durch Vandalismus oder Graffiti in Mitleidenschaft gezogen ist. Sowohl den Lehrerinnen und Lehrern als auch den Schülerinnen und Schüler ist die Adolf-Reichwein-Schule in Heusenstamm zu einem Identifikationsort geworden. Dazu trugen sicherlich auch die funktionale Gliederung des Ensembles, die großzügig belichteten Unterrichtsräume, das zusätzliche Raumangebot in den Treppenhäusern sowie die liebevoll gestalteten Freiräume und Grünflächen der Schule bei. Das Ergebnis: Die Anbringung der Denkmalplakette wurde in Gegenwart von Landrat Oliver Quilling, Bürgermeister Halil Öztaz, Vertretern der Ernst-May-Gesellschaft sowie von Bezirksdenkmalpfleger Udo Schreiber mit einem großen Schulfest begangen. Als Vertreter des Landesamts für Denkmalpflege würdigte Schreiber in seiner Ansprache die positive Aufnahme der Unterschutzstellung durch die Stadt und den Landkreis.

Ernst May in Heusenstamm
Ab 1960 beschäftigte sich May intensiv mit Heusenstamm. Doch während die Siedlungsplanung für die Stadt mehr oder weniger im Sande verlief, entwickelte sich seine Schulbauplanung ab 1961 erfolgreich. 1963 begannen die Bauarbeiten unter Mitarbeit von Jürgen Baumbach, Willy Stenger und Karl Becker als Bauleiter. Die Landschaftsgestaltung übernahm Brigitte Follin. 1964 erfolgte die Grundsteinlegung und bereits 1965 zogen erste Schulklassen in die am 20. Mai 1967 offiziell eröffnete Schule.

Ungeliebte Moderne?
Die 100jährige Wiederkehr der Bauhausgründung im Jahr 2019 hat vielfältige Initiativen um die berühmte Weimarer Kunsthochschule angestoßen. Zugleich hat dieses Jubiläum eine erhöhte Aufmerksamkeit für die oft ungeliebte Moderne mit sich gebracht. Dass die Akzeptanz für qualitätsvolle Bauten dieser Epoche jedoch wächst, beweist die jüngste Denkmalausweisung in Heusenstamm. Durch den starken Bevölkerungsanstieg der Stadt in der Nachkriegszeit verschlimmerte sich der seit Kriegsende bestehende Schulraummangel. 1961 verpflichtete man den bereits seit 1960 mit der Planung einer Wohnstadt am westlichen Stadtrand beauftragten Architekten und Stadtplaner Ernst May mit dem Bau einer neuen Volksschule. Der gebürtige Frankfurter war in den Jahren von 1925 bis 1930 als Stadtbaurat in Frankfurt tätig und schuf mit den berühmten Siedlungen Römerstadt, Praunheim und anderen das sogenannte „Neue Frankfurt“. 1930 ging er in die Sowjetunion und emigrierte von dort 1933 nach Afrika. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland zurück, wo eine seine Tätigkeit als Architekt und Stadtplaner wieder aufnahm.

PD Dr. Ralf Dorn, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege