Ein denkwürdiger Tag für eine alte Kirche

Die Alte Kirche in Martinsthal kann wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen und wurde nach langer Restaurierung neu geweiht. Dieter Albert, Mitinitiator und Sprecher des Freundeskreises Kulturkirche Martinsthal, begleitete alle Schritte dieses umfangreichen Prozesses. Er berichtet dankenswerterweise über die Neuweihe und den weiten Weg dorthin.

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Neuweihe Alte Kirche Martinsthal
Weihbischof Dr. Thomas Löhr (mittig) bei der Neuweihe der Alten Kirche

Ein denkwürdiger Tag war in Eltville-Martinsthal der 25. Juni 2017. Die alte ehemalige Katholische Pfarrkirche wurde nach behutsamer aufwändiger Restaurierung wieder geweiht. Ein im Bistum Limburg seltener Vorgang. Das im Jahr 1429 errichtete alte Kirchlein, das nach Ende des 2. Weltkrieges für die vielen Kirchenbesucher zu klein geworden war und später profaniert einige Jahre als Kulturkirche genutzt wurde, ist nun wieder die den Patronen St. Sebastianus und Laurentius geweihte Kirche des Kirchorts Martinsthal.

Kirchweihe, ein Fest für den ganzen Ort

Schon im Dezember 2016 war der Termin für die erneute Weihe der Alten Kirche vereinbart worden. Nun hatten die restlichen Arbeiten am Innenausbau der Kirche einen zeitlichen Fixpunkt. Der Architekt schien jedoch relativ entspannt. Lediglich der Orgelbauer hätte sich über eine Woche mehr Zeit gefreut. Aber in der letzten Woche vor der Weihe waren nur noch kleine abrundende Restarbeiten zu erledigen. Kurzzeitig kam noch einmal Hektik auf, als bekannt wurde, dass noch Weihekreuze anzulegen seien. Dagegen hatten die aktiven Mitglieder des Ortsauschusses, die für die Organisation des Weihefestes zuständig waren, alle Hände voll zu tun.
Am Tag der Kirchweihe schien die Sonne und bot so gute äußere Bedingungen für eine gelingende Feier. Am frühen Nachmittag hatten sich viele Menschen auf dem Kindlingerplatz vor der Kirche versammelt. Aus der St. Martinskirche kommend zog Weihbischof Dr. Thomas Löhr mit Konzelebranten und vielen Messdienern vor das Nordportal der Alten Kirche. Er klopfte mit seinem Bischofsstab drei Mal von außen ans Portal und sprach Worte aus dem Johannes-Evangelium: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Als die Tür von innen geöffnet wurde, zeichnete er mit dem Bischofsstab das Kreuzzeichen auf die Schwelle: „Wer immer die Schwelle überschreitet, erfahre hier Heil und Segen, Hilfe und Trost.“
Hinter dem Weihbischof und seinen Begleitern zogen auch einige Gemeindemitglieder und Gäste in die Kirche mit ein. Da nicht genügend Platz für alle Gläubigen vorhanden war, konnten viele Besucher den Gottesdienst auf einem großen Bildschirm auf dem Kindlingerplatz mit Bild und Ton verfolgen. 
Nach dem Entzünden der Osterkerze hat der Weihbischof entsprechend der Liturgie der Kirchweihe zwischen Liedern, Gebeten und Lesungen dann nach und nach die liturgischen Orte geweiht. Besprengt mit dem geweihten Wasser des Taufbrunnens erneuerten die Gläubigen ihr Taufbekenntnis. Der Weihbischof besprengte die Wände der Kirche und salbte, unterstützt von den Pfarrern der Pfarrei Ralph Senft und Robert Nandkisore, mit Chrisam die Weihepunkte. Es folgten die Weihe von Ambo und Orgel und, in einer besonders feierlichen Zeremonie, die Weihe des neuen Altars, in den zuvor Reliquien von mehreren Heiligen eingesetzt worden waren. Auf dem mit Weihwasser besprengten und mit reichlich Chrisam-Öl gesalbten Altartisch wurde an fünf Stellen Weihrauch verbrannt. Während der andächtigen Stille, einem „heiligen Innehalten“, spiegelten sich die Flammen und die bunten Farben der Kirchenfenster auf dem geölten Altar.
In seiner Predigt anerkannte Weihbischof Dr. Löhr die gelungene liebevolle Restaurierung der Alten Kirche.
In dem feierlichen Weihegottesdienst, den die Martinsthaler Schola musikalisch begleitete, erklang erstmals die neue Orgel, in der zu großen Teilen Pfeifen und Windladen aus der St. Martinskirche mit neuer Technik in neuem Gehäuse zusammengefügt wurden.
An den zweieinhalbstündigen Gottesdienst schlossen sich Grußworte der politischen Vertreter und Danksagungen an alle an der Restaurierung Beteiligten an.
Danach feierten die Martinsthaler bei idealem Sommerwetter ein fröhliches Kirchweihfest.

Sparen und Erneuern

hieß das Programm des Bistums, mit dem die Entwicklung im Jahr 2005 ihren Anfang genommen hatte. Im November 2009 entschied der damalige Bischof von Limburg, Tebartz-van Elst, dass die in den 1960er Jahren erbaute mittlerweile für die Gemeinde zu groß gewordene St. Martinskirche, die einen erheblichen Renovierungsstau aufwies, auf keinen Fall erhalten werden kann. Vielmehr sollte die gegenüber belegene Alte Kirche restauriert und in einen Zustand versetzt werden, der eine würdige Feier der Liturgie ermögliche.

Nutzung als Kulturkirche

Nachdem die Gemeinde im Jahr 1964 die Alte Kirche verlassen hatte und in die neue Kirche umgezogen war, stand die Kirche für einige Jahrzehnte leer und war ungenutzt. Das bekam dem historischen Bauwerk nicht gut, es drohte zu verfallen. Mit dem Bistum Limburg war seit 1987 vereinbart, den weiteren Verfall der unter Denkmalschutz stehenden Alten Kirche zu verhindern. Seit 1996 sollte sie in drei Bauabschnitten saniert werden. Der erste und zweite Bauabschnitt waren ausgeführt, als das Bischöfliche Ordinariat im Jahr 2002 aufgrund rückläufiger Steuereinnahmen keine weiteren Mittel mehr bewilligte. Daher sollte die Kirche nun wieder verschlossen werden. In intensiven Gesprächen mit den Vertretern des Baudezernats und dem Landesamt für Denkmalpflege hat der Verwaltungsrat der Pfarrei erreicht, dass die Alte Kirche in dem bestehenden provisorischen Zustand (ohne Heizung und Sanitärräume) für Zwecke der Pfarrgemeinde und kulturelle Veranstaltungen genutzt werden konnte. Im November 2004 wurde die Alte Kirche profaniert und dann als Veranstaltungsort genutzt. Nach und nach bildete sich der Freundeskreises Alte Kirche später Kulturkirche Martinsthal – KukMal – und veranstaltete von 2005 bis 2012 in dem historischen Gebäude mit der besonderen Atmosphäre unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen.
In dieser Zeit konnte die Substanz des kleinen Baudenkmals nicht nur erhalten, sondern erheblich verbessert werden. Dies ermöglichten die Einkünfte aus zahlreichen Kulturveranstaltungen, hauptsächlich aber Stiftungen und eingeworbene Spenden.

Reaktivierung als Kirche

Der vom Bildhauer Hans Rams erstellte künstlerische Entwurf einer möglichen Gestaltung des sakralen Raumes wurde in breiter Runde erörtert. Anhand eines plastischen Modells sind dann die im Entwurf enthaltenen Gestaltungs- und Ausstattungsmerkmale grundsätzlich diskutiert und anschließend festgelegt worden. In die Meinungsbildung war die Gemeinde mit einbezogen. Bereits in diesem Stadium sind viele wesentliche Einzelheiten nach ausführlicher Erörterung schon grundsätzlich entschieden worden.

Im Juni 2011 fand zum ersten Mal ein Jour-fixe-Termin in der Alten Kirche statt. Seither sind in insgesamt 30 Treffen von Vertretern der Kirchengemeinde und des Bistums mit Architekten, dem Künstler, Denkmalpflegern, Restauratoren, Bildhauern sowie Sachverständigen und den für das jeweilige Gewerk zuständigen Handwerkern Entscheidungen erarbeitet worden. Alles wurde sorgsam erwogen. Es wurden Fakten gesammelt, Argumente ausgetauscht, Gegenargumente angehört, manchmal auch Gegenpositionen aufgebaut, Entscheidungen vertagt, letztlich Entscheidungen getroffen. Um viele Details wurde lange gerungen bis dann am Schluss eine für alle Seiten tragbare Lösung gefunden worden war. Die Besprechungen mit teilweise bis zu 14 Teilnehmern fanden überwiegend im Kirchenraum durchweg in einer positiven Grundstimmung statt. Weil alle bemüht waren, das jeweils optimale Ergebnis  zu erzielen, konnten gemeinsam sachgerechte Lösungen erarbeitet werden. Ein Beispiel für das gewachsene Vertrauen innerhalb der Gruppe stellt die am Ende der Renovierungsphase zwischen den zuständigen Mitarbeiterinnen des Landesamts für Denkmalpflege und dem beauftragten Restaurator unter Zeitdruck erarbeitete Lösung der freizulegenden Fassung der Kanzel dar. Die getroffene Entscheidung hat uns die wertvolle Kanzel in einer perfekt zur Innenraumfassung passenden, prunkvoll farbigen barocken Fassung beschert.

D. Albert, Freundeskreis Kulturkirche Martinsthal