Die wilden Fratzen von Herbsen

Pünktlich zum Erntedankfest am 7. Oktober dieses Jahres konnte in einem Festgottesdienst die Wieder-„Entdeckung“ des barocken Altars von 1670 in der evangelischen Kirche zu Herbsen, Stadt Volkmarsen, gefeiert werden.

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Detail aus der Auferstehungsszene nach der Firnisa
Detail aus dem Altar in Herbsen von 1670: Christus aus der Auferstehungsszene

Der mit sechs szenischen Passionsgemälden ausgestattete und reich verzierte Barockaltar war in mehrmonatiger Arbeit in der Kirche in Herbsen restauriert worden. Hierbei wurden vor allem die in der Vergangenheit fast schwarz gewordenen Überzüge entfernt, die wie ein dunkler Schleier auf der Oberfläche lagen. Bemerkenswert ist die hohe künstlerische Qualität der Malerei. Im Zentrum des Altaraufsatzes steht das größte der sechs Holztafelgemälde, eine Kreuzigungsdarstellung, signiert mit „A. Schröder fecit anno 1670“. Die links und rechts sowie unterhalb davon angeordneten Gemälde beinhalten die Szenen Kreuztragung und Auferstehung (im oberen Teil), Jesu Gebet in Gethsemane, letztes Abendmahl, Geißelung Christi (im unteren Teil). Besonders bei den drei oberen Gemälden fällt die künstlerische Qualität ins Auge. Bekrönt wird der Altar von einem nachträglich hinzugefügten Kruzifix.

Wilde Fratzen

In beeindruckendem Kontrast zu der streng gegliederten, renaissanceartig gestalteten Architekturrahmung stehen die stark geschwungenen und mit Fratzen versehenen Verzierungsbretter auf den oberen Abschlüssen des abgestuften Altars. Mit ihren aufgerissenen Mündern wirken die Fratzen so bewegt-lebendig, als seien sie im Begriff, mit dem Betrachter zu sprechen.

Ach, wenn er doch sprechen könnte, unser Altar!

Ach, wenn er doch sprechen könnte, unser Altar! Mit diesen Worten betitelte Pfarrerin Anne-Rieke Palmié den Dankgottesdienst am 7.10.2018 in der Kirche zu Herbsen. Dieser Wunsch ist verständlich, wenn man bedenkt, dass der Altar nun schon seit fast 350 Jahren in der kleinen barocken Kirche steht und zu seiner Entstehungsgeschichte nicht viel bekannt ist. 

Rätselhafte Geschichte

Über die Geschichte des Altars weiß man zumindest, dass Ober- und Unterteil aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammen und nicht zeitgleich in einem Prozess entstanden sind. Dies wird belegt durch Farbreste einer älteren Bemalungsschicht (Fassung), die unter der heutigen liegt, welche jedoch nur im unteren Teil des Altars zu finden ist. Auch wurde der Altar zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet und erhielt dabei zahlreiche aufschablonierte Gold-Ornamente.  

Rettende Maßnahmen

Erste Überlegungen zur Restaurierung gab es bereits vor mehreren Jahren, denn das Erscheinungsbild war schon damals durch stark verdunkelte und teilweise schorfartig verkrustete Überzüge auf Gemälden und Architekturteilen geprägt. Bei der restauratorischen Voruntersuchung im November letzten Jahres wurde auch dringender konservatorischer Handlungsbedarf festgestellt, denn sowohl Teile der Holzsubstanz sowie die Altarkonstruktion selbst mussten stabilisiert werden.

„Entdeckung“ der farbenprächtigen Malerei

In den Gemälden konnten sowohl die leuchtende Farbigkeit als auch alle Feinheiten der Malerei wieder ablesbar gemacht werden. Aufgedeckt wurde nun auch wieder die innerhalb der rahmenden Architekturteile befindliche Marmorierung in schwarz, weiß und rot. Der wohl eindrücklichste Reinigungseffekt trat in den bekrönenden Verzierungsbrettern auf, als unter den fast schwarzen Oberflächen jetzt die weiß-gold gefassten Bereiche wieder „hervorgezaubert“ werden konnten.

Ausstattung der Kirche

Auf einer steinernen Mensa positioniert ist der aus Holz gearbeitete Altar Bestandteil einer bemerkenswert einheitlichen und hochwertigen barocken Kirchenausstattung einer eher ländlich geprägten Gemeinde. Nicht nur der Kirchenbau selbst, auch die steinerne Kanzel, der Taufstein, das Kirchengestühl und das Gemälde „Jüngstes Gericht“ sind, wie der Altar, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bzw. kurz nach 1700 entstanden.

Beteiligte Institutionen

Begleitet wurde die Restaurierung zum einen von dem Kunstreferenten der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck, Dr. Goetz Pfeiffer, der sich jüngst auch mit der Recherche zur Herkunft der Ausstattungsstücke befasste und die Namen der Familien Reincke und Stöcker mit den Stiftungen in Verbindung bringt. Zum anderen begleiteten Dipl.-Rest. Christine Kenner, leitende Restauratorin der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und Dipl.-Rest. Gesine Dietrich die durchgeführten Maßnahmen. 

Finanziert wurde das Projekt von der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck und dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Die Untersuchungen und restauratorischen Maßnahmen führten Silvia Behle, Restauratorin MA, und Dipl.-Rest. Beate Demolt durch.

Dipl.-Rest. Gesine Dietrich, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege