Die Heidberg-Kapelle über Lauterbach-Sickendorf im Vogelsbergkreis

Umgeben von einer Natursteinmauer und im Wind wiegender Bäume erhebt sich die Heidberg-Kapelle über Lauterbach-Sickendorf im Vogelsbergkreis. Mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, des örtlichen Spendenkomitees sowie des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen konnte die evangelische Kirchengemeinde im Jahr 2018 die Restaurierung des Innenraumes und der bauzeitlichen Ausstattung mit vorbildlichem Ergebnis durchführen.

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Die Friedhofskapelle in Lauterbach-Sickendorf (Vogelsbergkreis).
Die Friedhofskapelle in Lauterbach-Sickendorf (Vogelsbergkreis).

Die Maßnahme

Es erfolgten zunächst eingehende Voruntersuchungen der Diplomrestauratorin Stephanie Schmitt, um ein gezieltes und effizientes Vorgehen zu ermöglichen. Diese ergaben, dass die eindringende Feuchtigkeit, jedoch auch Reinigungs- und Ausbesserungsmaßnahmen  vergangener Jahrzehnte, diverse Schäden verursacht hatten. Auf Grundlage von Musterflächen wurde die Maßnahme abgestimmt und ausgeführt. Im Zuge der Innenrestaurierung mussten Putzhohlstellen gefüllt und pudernde sowie lose und abblätternde Malschichten gefestigt werden. Sämtliche Oberflächen wurden gereinigt und der jüngere, im Laufe der Zeit vergilbte Überzug, der stellenweise den originären Farbeindruck verfälschte, abgenommen. Betroffene Bereiche wie die Laibungen der Obergadenfenster wurden entsalzt. Abschließend konnten Fehlstellen gekittet und zurückhaltend retuschiert werden. Dabei galt es, besonders viel der historischen Substanz, insbesondere der Erstfassung, zu erhalten und im gealterten Zustand zu bewahren. Zeitgleich erfolgte die Konservierung der kostbaren bauzeitlichen Farbglasfester. Gebrochene Bleiverbindungen wurden gelötet, Glassprünge geklebt und die Glasflächen gereinigt. Bei Bedarf erfolgte die Ergänzung von Fehlstellen.

Die Besonderheit des Innenraumes

Im Vergleich zu der relativ schlichten äußeren Erscheinung des Gebäudes ist der durch die Verwendung romanischer Formen gestaltete Innenraum sehr prunkvoll. Glücklicherweise ist die gesamte bauzeitliche Ausstattung erhalten: Die Stuckatur der den Saal überwölbenden kassettierten Längstonne korrespondiert mit den ebenfalls in Stuck gefassten marmorierten Wandfeldern im unteren Wandbereich und in den Fenstergewänden. Die Kassettendecke sowohl im Saal als auch in der Apsis sowie die Friese an dem Chorbogen, der den Chor vom Kirchenschiff trennt, sind teilvergoldet. Der Chorbogen mit den Evangelistensymbolen und dem zentralen Agnus Dei (Lamm Gottes und Symbol Jesus Christus) sowie die Kassetten im Chor sind als Steigerung des Raumes blau hinterlegt.

Die aus Marmor erscheinenden Wandfelder des Saales sowie die aus Wurzelholz anmutenden Wandfelder in der Apsis wurden als Imitationsmalerei angelegt. Die erhaltene erste Farbfassung der Kapelle stellt dabei eine Besonderheit dar: Das geschnitzte Gestühl, die Radleuchter und das Kruzifix weisen romanisierende Formen auf. Zudem haben sich die historischen bauzeitlichen Farbglasfenster erhalten, die in den Obergadenfenstern die Evangelisten und in der Apsis Szenen aus dem Lukasevangelium Kap. 24. von links nach rechts zeigen: Die Frauen am leeren Grab Christi, die Himmelfahrt Christi und die Erscheinung zweier Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Neben den in der Apsis befindlichen Fenstern verweisen sowohl die Inschrift auf dem Chorbogen („Der Weg und die Wahrheit und das Leben niemand kommt zum Vater den durch mich“), als auch die Inschrift über dem Kirchenportal im Innern der Kapelle („Christus ist mein Leben, sterben mein Gewinn“) und über dem Portal an der Fassade („Auferstehung und das Leben“) auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Die Stirnwand der Tonne über der Empore ziert eine Kreuzdarstellung, die von Alpha und Omega flankiert ist. Sie stehen als erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets für Anfang und Ende, das Umfassende und für Gott und Christus.

Die Nutzung der Kapelle

Seit 1974 wird die Heidberg-Kapelle von der evangelischen Kirchengemeinde, die vorher zum Kirchgang nach Allmenrod ging, für Gottesdienste genutzt. 2016 gelangte der Bau in den Besitz der Kirchengemeinde, die sich seither für den Erhalt des Denkmals einsetzt. Zu diesem Zweck gründete sie ein Spendenkomitee, das für die Unterstützung notwendiger Erhaltungsmaßnahmen wirbt. Bereits 2016 erfolgte die Außensanierung der Kapelle. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden sowohl das Dach als auch der Dachreiter neu eingedeckt, die Apsis mit Holzschindeln verkleidet sowie die Putzfassade saniert und nach Befund neu gestrichen. Des Weiteren wurde die vom Friedhof zum Portal der Kapelle führende Natursteintreppe demontiert und nach Reparatur neu gesetzt. Nachdem die Instandsetzung des Außenraumes abgeschlossen war, erfolgte 2018 die Restaurierung des Innenraumes.

Zur Lage der Kapelle

Das dreieinhalb Kilometer westlich von Lauterbach gelegene Sickendorf wurde im 16. Jahrhundert erstmals als Riedeselsches Hofgut erwähnt. Neben dem Hofgut entwickelte sich ein kleiner Dorfkern aus bäuerlichen Anwesen. 1916 ließ die Witwe des im selben Jahr verstorbenen Baron Riedesel auf dem Heidberg südlich des Dorfkerns die Kapelle errichten. Diese ist heute Teil des von Basaltmauern und einem schmiedeeisernen Tor eingefassten kleinen Friedhofs und erhebt sich auf einer Anhöhe. Der Zugang der Kapelle erfolgt über eine an der östlichen Giebelseite gelegene Natursteintreppe, an deren Ende sich der Bau mit gedrungenen Säulen zu einer Vorhalle öffnet. Der Entwurf des verputzten Saalbaus stammt von Philipp von Hessen, einige Formen des Außenbaus, wie der Dachreiter mit geschweifter Haube oder die romanisierende, polygonale Form des Chores lassen sich auf den Einfluss Heinrich Walbes zurückführen.

Fazit

Die evangelische Kirchengemeinde und das Landesamt für Denkmalpflege Hessen freuen sich, dieses architektonische Juwel nach Jahren der Vernachlässigung nun wieder in seinem einstigen Glanz erstrahlen zu sehen.

J. A. Dechant, studentische Mitarbeiterin, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege (Außenstelle Marburg)