Des Schlosses neues Kleid - zum Sanierungs- und Farbkonzept des Residenzschlosses in Darmstadt

Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Darmstädter Residenzschloss wird seit 2009 aufwändig saniert. Mit seiner wiederhergestellten Farbgebung wirkt es jetzt wieder stadtbildprägend auf die von Osten in die Innenstadt einfahrenden Bürger und Gäste. Auch vom Marktplatz aus lässt sich die Schlossfassade bald wieder stimmig und harmonisch betrachten. Basis der Sanierungsarbeiten waren Fachgutachten, Proben, Bestandserfassungen und Untersuchungen aus den Jahren 2003 bis 2006.

Ostseite des Darmstädter Schlosses.JPG

Blick auf die Ostseite des Darmstädter Schlosses.
Blick auf die Ostseite des Darmstädter Schlosses

Die Wiederaufbauzeit als Leitlinie der Sanierung

Maßgebliche Leitlinie für die Sanierungsmaßnahmen am Darmstädter Residenzschloss war die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur wurde der überwiegende Teil der Bausubstanz in den 1950er und 1960er Jahren errichtet, auch die qualitativ hochwertige Innenausstattung stammt zum Großteil aus dieser Zeit. Eine Ausnahme sind die barocken Teile des aus mehreren Bauphasen bestehenden Residenzschlosses. In den 1990er Jahren wurde durch die Architekten Hempelt und Bernhardt vor allem im östlichen Flügel eine tiefgreifende Erneuerung im Stile der Zeit durchgeführt. Auch die eindeutige und nachweisbare Befundlage sowie die authentischen Quellen begründen die Wiederaufbauzeit als Leitlinie der Sanierung.

Die Sanierung anhand einer „Musterachse“

Nach dem Glockenbau, dem Herrenbau, dem Weißen-Saal-Bau und dem Prinz-Christian-Bau wird nun auch der nach seinem Architekten benannte De-la-Fosse-Bau seit Anfang 2017 saniert. Im Fokus der Öffentlichkeit steht dabei insbesondere der südöstliche, barocke Pavillonbau. Die TU Darmstadt, die Eigentümerin des Gebäudes, hat diesen Pavillonbau zur großen „Musterachse“ erklärt, an der die Maßnahmen geplant, abgestimmt und durchgeführt werden. Auf diese Weise ist es möglich, die Kontrolle über den Sanierungsprozess und die damit verbundenen Kosten der Gesamtmaßnahme im Blick zu halten.

Im Zuge der Sanierung des De-la-Fosse-Baus wurden auch die Sandsteinsanierung und die Farbfassung des zwischen 1716 bis 1726 unter Landgraf Ernst Ludwig erbauten Neuschlosses intensiv diskutiert und abgestimmt. Im Sommer 2017 fand auf der Grundlage der Publikation von Georg Zimmermann[1] eine Untersuchung der Putzrezepturen statt. Zimmermann schrieb: „Wie schon in den 20er Jahren, wurden die Putzflächen als heller Naturputz (mit dem leicht gelblichen Köpperner Sand) […] hergestellt und die Sandstein-Architekturglieder in ihrer schönen roten Naturfarbe belassen.“ Schon in den 1980er Jahren war der Oberputz von den zum Markt- und zum Friedensplatz ausgerichteten Fassaden abgenommen und durch einen Dispersions- bzw. Kunstharzputz ersetzt worden. Bei der Abnahme dieser Schicht konnte der vormalige mineralische Oberputz noch in Resten gefunden werden.

Auf der Hofseite des De-la-Fosse-Baus dagegen waren seit 1956 keine Sanierung mehr durchgeführt worden. Dadurch war es möglich, durch Putzproben die Zusammensetzung des von Zimmermann beschriebenen mineralischen Oberputzes nachzuweisen (s. Foto Befund). Dies begründete den Entschluss, die in der Literatur beschriebene Rezeptur des Naturputzes aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wiederherzustellen.

Die Vorteile des Naturputzes

Ein Vorteil des Naturputzes ist, dass man keinen Farbauftrag benötigt, da der Sand die Farbigkeit vorgibt. Der nur aus Kalk und Sand bestehende Putz wird mit einem Holzreibebrett ohne Filzauflage aufgetragen und mit einer Gummi-Filzscheibe abgerieben. Dies verhindert, dass die Kornanteile des Putzes zu grob und zu stark hervortreten. Die Oberfläche wird somit beruhigt, ohne dass sie ihre Lebendigkeit verliert. Mit dieser Technik erhalten die Putzflächen der Fassaden das historisch typische lebendige Strukturbild.

Die Veränderungen durch Georg Moller

Grundsätzlich wurden Putzflächen, Farben oder Architekturelemente über Jahrhunderte hinweg immer wieder verändert. Auch am Darmstädter Schloss wurden der Oberputz und die Farbfassungen mehrfach abgenommen und dem herrschenden Zeitgeschmack angepasst. Ein prägnantes Beispiel etwa sind die Veränderungen durch Georg Moller in den 1810er Jahren. Als Hofbaumeister und Oberbaudirektor der Stadt Darmstadt versah Moller das Schloss mit einem grauen Anstrich und passte die Fassadengestalt der Formensprache des Klassizismus an. Die Attika mit den Balustraden wurde abgebrochen und die barocke Dachhaube durch ein flaches Satteldach ersetzt (s. Foto Südansicht von 1928).

Was erhalten werden kann

Anders als damals geht es bei der laufenden Sanierung nicht um eine Änderung oder Stilaktualisierung der Architektur, sondern vor allem darum, das Erscheinungsbild des Gebäudes aus den 50er und 60er Jahren wieder herzustellen. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass der vorgefundene Unterputz vermutlich noch aus der Zeit vor dem Brand im September 1944 stammt. Nach heutigen Erkenntnissen wurden die durch die extreme Hitze entstandenen Putzschäden beim Wiederaufbau nur ausgebessert. Auch in der aktuellen Sanierung wurden Hohlstellen, Fehlstellen und Risse ausgebessert und gefestigt, im Großen und Ganzen aber ist der Unterputz intakt und kann erhalten werden.

Die Sandsteinelemente auf der stadtzugewandten Fassade wurden in den 1980er Jahren mit einer rosafarbenen Lasur mit Dispersionsanteilen überzogen, die jegliche Struktur und Lebendigkeit des Buntsandsteines überdeckte und ihn seiner typischen Textur beraubte. Die Begutachtung der Sandsteinglieder an den Fassaden ergab, dass in den 1950er Jahren und vor allem bei der Sanierung in den 1980er Jahren viele schadhafte Stellen mit Sandsteinersatzmasse geschlossen wurden. Diese Sandsteinersatzmasse weist unterschiedliche Farbigkeiten und Körnungen auf und hebt sich dadurch stark vom umliegenden Naturstein ab. Vermutlich ist die Entscheidung für eine deckende Farbfassung auch aus diesem Grunde gefallen.

Zur aktuellen Entscheidung für den Naturputz

Die aktuelle Entscheidung, den Naturputz ohne Farbfassung im historischen Strukturbild aufzutragen, ist nur dann folgerichtig, wenn auch auf den Sandsteinelementen kein deckender Farb- oder Lasuranstrich erfolgt. Da die meisten Vierungen und Ergänzungen mit Sandsteinersatzmasse noch intakt und fest im Sandstein eingepasst sind, wurde eine Lasur gesucht, die diese Ergänzungen leicht überdeckt, die Textur des Sandsteines aber noch durchscheinen lässt. Denn die Wirkung des Naturputzes und des Sandsteines kann sich nur dann entfalten, wenn ihre typische Textur erkennbar bleibt. Ein weiterer Vorteil des Naturputzes ist seine relativ einfache Behandlung und seine Langlebigkeit. Ohne äußere Schadensursachen benötigt man in der Regel in den nächsten 40 bis 50 Jahren keine Überarbeitung oder Nachbearbeitung.

F. Aulbach, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege

[1] Zimmermann, Georg: Das Darmstädter Schloss und seine Baugeschichte, Darmstadt, 1978, S. 87