Der Studiengang Baukulturerbe verabschiedet im Sommer 2019 seine ersten Absolventen. Wir sprachen mit Alina Ganz über die Inhalte des Studiengangs.

Seit 2016 wird an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden der Studiengang „Baukulturerbe“ angeboten. Diesen Sommer dürfen die ersten Absolventen den Abschluss ihres Bachelor of Science feiern. Davor müssen die Studenten ein Praktikum machen und ihre Bachelor Thesis verfassen. Alina Ganz, Studentin und Praktikantin am Landesamt für Denkmalpflege Hessen, erklärt, was den Studiengang Baukulturerbe ausmacht.

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Unterricht direkt vor Ort
Die Professoren Corinna Rohn und Cristian Abrihan erklären auf Exkursion in Italien anhand von Plänen den Aufbau der Stadt Acri.

Worum geht es in dem Bachelorstudiengang „Baukulturerbe erhalten und gestalten“?

Der Bachelor beinhaltet einen Einblick in unterschiedliche Themengebiete. Architektur, Archäologie, Städtebauliche Maßnahmen, Kunstgeschichte, alles wird vertiefend behandelt. So kommen wir mit sehr vielen Wissensgebieten in Kontakt und erwerben ein breites Allgemeinwissen rund um das Baukulturerbe.

Man muss natürlich erst die Grundkenntnisse erlernen, weshalb die ersten beiden Semester viele Themenschwerpunkte aus der Architektur beinhalten. Diese Veranstaltungen besuchen wir teilweise mit den Studenten des Bachelors Architektur zusammen.
Im zweiten Semester gehört auch eine Einführung in die Archäologie und ein archäologisches Seminar zum Curriculum. Ich persönlich habe mein archäologisches Grundwissen bei einer Wahlfach-Exkursion in Kalabrien vertieft, indem ich bei der Ausgrabungsstätte Kaulonia in Kalabrien Tonscherben sortiert und zusammengefügt habe. Interessante Stücke durfte ich dann auch zeichnen.

In den späteren Semestern liegt der Fokus dann eher auf dem Erhalt und der Entwicklung des kulturellen Erbes. Wir haben Vorlesungen, sind gleichzeitig in Projekte eingebunden und erwerben zusätzliche Kenntnisse durch Exkursionen. In der Regel sind diese kombiniert mit praktischer Arbeit vor Ort, wie zum Beispiel einer Bauaufnahme oder einer Vermessung.

Was genau hat Sie an diesem Studiengang angesprochen?

Ich habe mich schon immer für Architektur und besonders für alte Gebäude interessiert. Bei der Überlegung, Architektur zu studieren, stieß ich zufällig auf den Studiengang Bachelor Baukulturerbe und merkte, dass die Inhalte sehr gut zu meinen Interessen passen. Ich habe schon immer gerne Reisen in Städte mit historischer Bausubstanz unternommen und bin fasziniert von ganz anderen architektonischen Prägungen. Das hat während des Studiums nochmal stark zugenommen. Mich persönlich reizt die Baugeschichte von Gebäuden sehr. Ich liebe es, durch eine Stadt zu wandern und die Gebäude zu analysieren. Es macht mir Spaß, mir zu überlegen, wie alt das Gebäude wohl ist und welche Elemente ich beim Namen nennen kann. Es ist ein richtiges Glücksgefühl, wenn es mir gelingt, das Gebäude einzuordnen und seine Entstehungsgeschichte durch pure Anschauung zu entschlüsseln. Gerne beschäftige ich mich dann auch mit der Baugeschichte, um zu überprüfen, ob meine Vermutungen richtig waren. Als ich etwa in Paris die Kirche Sainte-Chapelle betrat, die von außen recht unscheinbar wirkt, war ich richtig überwältigt von der Ausstrahlung des Innenraums. Wer sich mit diesem Gefühl identifizieren kann oder es noch möchte, ist meiner Meinung nach genau richtig bei uns.

Wie sieht der Alltag im Studiengang Baukulturerbe aus?

Die Vorlesungen finden in kleinen Gruppen statt, was zu einem sehr angenehmen Klima führt. Für ausreichend Abwechslung sorgt Teamarbeit in Projekten mit anschließender Abgabe. Das heißt, wir schreiben am Ende des Semesters nicht nur Klausuren, sondern wir müssen auch zeigen, dass wir in der Praxis arbeiten können.

Welche Praxiserfahrungen konnten Sie sammeln und was unterscheidet das Baukulturerbestudium von verwandten Studienfächern?

Im Verlauf meines Studiums habe ich an insgesamt drei Bauaufnahmen teilgenommen. Eine davon war eine freiwillige Exkursion nach Kalabrien. Bauaufnahmen gehören zum Gebiet der Bauforschung und bedeuten eine intensive Auseinandersetzung mit dem Objekt. Wir haben gelernt, wie man Gebäude vermisst. Zuerst per Hand, später mit einem Tachymeter, was die ganze Arbeit sehr erleichtert. Zu unseren praktischen Arbeiten zählt auch der Modellbau. Aber auch das Zeichnen von Gebäuden am Computer oder das Überzeichnen von Plänen gehört zum Studium. Auf diese Weise haben wir auf nahezu allen Gebieten fundierte Grundkenntnisse erworben, die wir später vertiefen können. Der wichtigste Unterschied zu anderen Studienfächern ist sicher der unmittelbare Praxisbezug.

Was sollte man für dieses Studium mitbringen?

Ein Interesse an Architektur und Geschichte ist zwingend nötig. Außerdem sollte man Interesse an Sprachen haben, da der Studiengang Baukulturerbe uns zukünftig auch das Arbeiten in internationalen Zusammenhängen ermöglichen soll. Aus diesem Grund ist Englisch ein wichtiger Bestandteil des Studiums, jedes Semester wird eine der Vorlesungen auf Englisch gehalten. Man sollte auch Entwurfsaufgaben und das Arbeiten in Gruppen mögen.

Was kann man nach dem Abschluss machen?

Im Anschluss an den Bachelor bieten sich verschiedene Master Studiengänge an, wie beispielsweise der Master in der Denkmalpflege in Bamberg. Auch Architekturbüros mit einem Schwerpunkt in der Denkmalpflege sind eine Option. Und natürlich sind auch die Landesämter für Denkmalpflege oder die Unteren Denkmalschutzbehörden interessant. Auch bei Organisationen wie der UNESCO oder der Verwaltung Schlösser und Gärten werden wir uns bewerben.

Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Seit der Einführung des Studiengangs „Baukulturerbe erhalten und gestalten“ unterstützen Experten aus dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen das Lehrprogramm. Jan Nikolaus Viebrock, ehemaliger Justiziar, etwa hält Vorlesungen zum Denkmalrecht, Wenzel Bratner, Gartendenkmalpfleger, führt die Studierenden in die Gestaltungsprinzipien der Gartenbaukunst und der historischen Parkanlagen ein und Dr. Jennifer Verhoeven, Koordination UNESCO Welterbestätten, informiert rund um das Welterbe. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und Dr. Jennifer Verhoeven sind auch Mitglieder im Fachbeirat des Studiengangs.

Wir wünschen allen Absolventen des ersten Jahrgangs alles Gute für ihre Zukunft!

Dieses Interview mit Alina Ganz führte Frau Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege