Denkmalpflege war „ihre Sache“

Am 10. Oktober 2021 verstarb die Hauptkonservatorin Katharina Thiersch im Alter von 83 Jahren, die 30 Jahre lang die Denkmalpflege in Hessen entscheidend mitgeprägt hat. Sie war eine Denkmalpflegerin mit Leib und Seele. Denkmalpflege war „ihre Sache“ - so äußerte sie sich selbst, wenn die Rede darauf zu sprechen kam, was ihre Herzensangelegenheit sei.

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Foto Katharina Thiersch
Denkmalpflege war „ihre Sache“: Katharina Thiersch an ihrem 65. Geburtstag.

Die am 7. Oktober 1938 geborene Katharina Thiersch wuchs in einer Architektenfamilie auf. Schon früh wurde ihr Interesse für das Kunsthandwerk geweckt, so dass eine große Vertrautheit mit der handwerklichen Seite der denkmalpflegerischen Arbeit entstand. Es war nur konsequent, dass sie 1959 nach einem Praktikum in einer Schreinerwerkstatt das Studium der Architektur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen aufnahm und es 1967 mit dem Diplom abschloss. Es schloss sich ein Stipendienaufenthalt an der Bibliotheka Hertziana in Rom an. In der Zeit beschäftigte sie sich vor allem intensiv mit Originalzeichnungen zu den frühen Planungen für die Erbauung der Peterskirche in Rom. Ihre frühe Berufstätigkeit verhinderte die vorgesehene Dissertation über dies Thema. Nach einer Zeit als Mitarbeiterin am Institut für Baugeschichte und Bauaufnahme der Universität Stuttgart begann 1973 ihre Tätigkeit als Konservatorin an der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen. Damit war der Grundstein für eine über drei Jahrzehnte andauernde überaus engagierte denkmalpflegerische Arbeit insbesondere in Nordhessen gelegt.

Die Arbeit von Katharina Thiersch war dadurch geprägt, dass die Erhaltung der originalen Substanz an erster Stelle stand. Jede Form einer neuen angemessenen Nutzung hatte sich diesem Ziel unterzuordnen. Alle am Bau angetroffenen zeitlichen Schichten dienten ihr als aussagekräftige Quellen. Durch ihr großes handwerkliches Interesse war ihr dabei die Qualität der handwerklichen Ausführung besonders wichtig. Der Verwendung historischer regionaler Materialien und bautechnischer Ausführungen räumte sie den Vorrang ein vor neuen Werkstoffen. Von gleicher Bedeutung war es ihr, eine umfängliche Dokumentation nach Abschluss aller Arbeiten am Denkmal zu fertigen, um künftigen Maßnahmen Grundlagenmaterial zu liefern und die kontinuierliche Pflege zu ermöglichen. Sie setzte neue Standards in der denkmalpflegerischen Arbeit.

Von den besonders bedeutenden Denkmalern, die sie betreute, sind zum Beispiel der Fritzlarer Dom, die Totenkirche in Treysa und die Stiftskirche in Wetter zu nennen. Besonders am Herzen lag ihr das ehemalige Kloster Haydau, dem sie auch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst verbunden blieb. Es gelang ihr, die ursprünglichen Hotelpläne zu verhindern und stattdessen eine äußerst behutsame Restaurierung der Anlage in Gang zu setzen, der umfassende vorbereitende Untersuchungen vorangingen und die durch umfangreiche Abschlussberichte dokumentiert wurde. Zu einem „Großlabor“ der hessischen Denkmalpflege wurde Kloster Haydau durch die eingehende Erforschung des Kalkspatzenmörtels, der soweit noch vorhanden gesichert und durch nachgestellte Rezepturen für Ausbesserungsmaßnahmen erstmals neu angewandt wurde. Denkmale in „neuem Glanz“ waren ihr ein Gräuel; die Bewahrung des authentischen Geschichtszeugnisses war ihr Ziel.

Neben der Arbeit am Einzeldenkmal war es der Blick für den städtebaulichen und dörflichen Zusammenhang, der ihr für ihre Arbeit wichtig war. Die Bewahrung der zahlreichen historischen Ortsbilder in Nordhessen und ihre Einbettung in die historische Kulturlandschaft lagen ihr am Herzen. So war es kein Wunder, dass sie sich in der Hessischen Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum stark engagierte, um gegen den hohen Veränderungsdruck bei planerischen Vorhaben anzugehen. Die frühzeitige Einbindung der Denkmalpflege im Vorfeld der planerischen Tätigkeit war ihre Forderung. Die Sanierungsmaßnahmen in Fritzlar, Melsungen, Spangenberg oder Schwalmstadt hat sie aktiv begleitet. Ihr regionaler Bekanntheitsgrad steigerte sich nochmals, als sie wegen ihres manchmal auch unbequemen Einsatzes als Figur auf den Motivwagen eines Karnevalsumzuges aufgenommen wurde. Welcher Denkmalpflegerin ist dies sonst gelungen?

Generationen von Architekt(inn)en, Bauingenieur(inn)en und Handwerker(inn)en ist sie durch ihr besonderes Engagement für die Fortbildungsarbeit in der Propstei Johannesberg in Fulda ein Vorbild geworden. Aufbau und Durchführung der in dieser Form in Deutschland einmaligen Fortbildung in der Denkmalpflege hat sie maßgeblich entwickelt und begleitet. Seit 1989 war sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst 2003 in Johannesberg tätig. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unteren Denkmalschutzbehörden, Architektur- und Ingenieurbüros und Handwerksbetrieben sind durch ihre Arbeit für die speziellen Anforderungen eines jeden Denkmals und seiner Restaurierung sensibilisiert worden. Neben dieser umfangreichen Lehrtätigkeit nahm sie auch Lehraufträge an der Universität Gießen und der Gesamthochschule Kassel wahr.

Ihre überaus engagierte Tätigkeit für die Denkmalpflege in Hessen wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die hessische Denkmalpflege hat Katharina Thiersch viel zu verdanken.

Prof. Dr. Gerd Weiß,
ehemaliger Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen
13.11.2021

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