Dem Himmel sehr nah - Experten beraten über Glasmalereien aus St. Leonhard

Am 27.11.2018 traf sich eine kleine Expertenrunde in der Werkstatt der Firma Rothkegel in Würzburg. Dort befinden sich zurzeit noch die mittelalterlichen Glasscheiben der Frankfurter St. Leonhardskirche zur Bearbeitung, bevor sie nach der Restaurierung der Raumschale zum Wiedereinbau in die Kirche nach Frankfurt zurückkehren.

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Musizierender Engel
Ein musizierender Engel, bei dem die teure Malfarbe Silbergelb verwendet wurde. Aufgrund des materiellen Wertes wurde diese Farbe sehr sparsam eingesetzt, sodass hier nur Teile des Haares blond darstellt sind.

Die einmalige Möglichkeit, diese herausragenden Beispiele von Glasmalereien des frühen 15. Jahrhunderts aus nächster Nähe und unter besten Lichtbedingungen auf dem Leuchttisch betrachten zu können, nutzte eine Expertenrunde zum transdisziplinären Austausch zwischen Kunsthistorikern, Restauratoren und Glasmalern.

Bei dem Glasmalereizyklus handelt es sich um einen der größten erhaltenen Zyklen aus der Zeit um 1430 in Hessen. Dargestellt sind u.a. Szenen aus dem Leben des Hl. Georg sowie der Hl. Katharina. Ausgewählte Scheiben wurden im Hinblick auf die Maltechnik, den Erhaltungszustand und die Veränderungen durch vorangegangene Restaurierungen begutachtet. Ein Schwerpunkt war der Vergleich zweier unterschiedlicher Werkstattstile innerhalb des Bestands. Diese fanden bereits in der Veröffentlichung „Die Mittelalterlichen Glasmalereien in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet“ durch Herrn Dr. Daniel Hess im Zuge der Bearbeitung des Corpus Vitrearum Medii Aevi Erwähnung. Schon damals ist erkannt worden, dass innerhalb des Glasbestands zwischen mittelrheinischen und von der kölnischen Kunst beeinflussten Scheiben differenziert werden kann. So weist der Zyklus des Hl. Georg überwiegend Merkmale mittelrheinischer, möglicherweise in Frankfurt ansässiger Werkstätten auf, während der Katharinenzyklus stärker von Stilelementen der Kölner Schule geprägt ist. Allerdings gibt es auch einzelne Scheiben, bei denen die Stilmerkmale mit- und nebeneinander auftreten, woraus sich weiterführende Fragen zur Zusammenarbeit unterschiedlicher Werkstätten und Glasmaler bei der Anfertigung der Fenster für St. Leonhard ergeben.

Die Maltechniken

Bei der aktuellen Betrachtung ließen sich viele Aspekte zu den unterschiedlichen Maltechniken und Vorgehensweisen der mittelalterlichen Glasmaler im Detail beobachten, die nun im Nachgang zu einer vertieften Untersuchung führen werden. Bei der Glasmalerei kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz. Es gibt die Zeichnung mit dem sog. Schwarzlot auf farbigem Glas. Durch partielles Wegkratzen oder Abtupfen des noch nicht durchgetrockneten Schwarzlots mithilfe von Federkielen, Pinselstielen und Nadeln können weiße Höhungen, Schriften und Muster gesetzt werden. Eine zusätzliche Differenzierung, beispielsweise von Schattierungen ist mit Bemalungen auf den Rückseiten der Gläser möglich.

Eine weitere Technik ist die Einfärbung von farblosen oder einfarbigen Gläsern, die mit Schmelzfarben bemalt werden und beim Brennen die gewünschte Farbgebung entwickeln. Bei einer Temperatur von 600-630°C verschmilzt die Bemalung mit dem Grundglas so sehr, dass sie sich danach nicht mehr mechanisch entfernen lässt.

Eine besondere Schmelzfarbe ist beispielsweise das teure Silbergelb. Die Färbung entsteht, indem ein farbloses Glas mit Schwefelsilber bestrichen und im Ofen gebrannt wird. Die Voraussetzung dafür ist die Tatsache, dass Silber die Eigenschaft hat, glühendes Glas gelb zu färben. Diese teure Malfarbe ist auch auf den Glasscheiben der St. Leonhardskirche festzustellen.

Wie geht es weiter? 

Alle Beteiligten waren sich einig, dass der noch ausgebaute Zustand der Scheiben ideale Möglichkeiten für weiterführende Untersuchungen bietet, die in unserer Generation nicht noch einmal kommen werden.  Ziel dieser in den kommenden Wochen durchgeführten Untersuchungen ist es, tiefergehende Erkenntnisse zu den Glasmalereien, ihrer Entstehung und Maltechnik im Hinblick auf die charakteristischen Handschriften der unterschiedlichen Werkstätten und Glasmaler zu erlangen.

Im Laufe des Jahres 2019 sollen dann die untersuchten und restaurierten Glasscheiben wieder an ihren ursprünglichen Platz in den Chor der St. Leonhardskirche zurückkehren. Nach der Wiedereröffnung St. Leonhards können die mittelalterlichen Fenster wieder von Besucherinnen und Besuchern der Kirche bewundert werden.

Teilnehmer und Teilnehmerinnen:

Dr. Uwe Gast (Corpus Vitrearum MediiAevi, Freiburg), Claudia Schumacher, M.A. (restauratorische Fachbauleitung Glas, Büro Ivo Rauch, Koblenz), Dipl.-Rest. Petra Ullrich (Fa Rothkegel), bearbeitende Restauratorin sowie die Restauratorinnen der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Dipl. -Rest. Christine Kenner, Dipl.-Rest. Elena Mittelfarwick M.A. und Manuela Thews M.A.

E. Mittelfarwick M.A., M. Thews M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege