Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen trauert um Dr. Ralf Dorn

Am 13. Mai 2021 ist Dr. habil. Ralf Dorn plötzlich und völlig unerwartet im Alter von 52 Jahren verstorben.

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Ralf Dorn vor der Silhouette der Stadt Frankfurt am Main.
Ralf Dorn vor der Silhouette der Stadt Frankfurt am Main, seinem wichtigsten Bearbeitungsgebiet.

Der Architekturhistoriker Ralf Dorn, der 2005 mit einer Arbeit über die ehemalige Damenstiftkirche St. Marien und Pusinna in Herford promoviert hat und sich 2016 mit einer Monographie über den Architekten und Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht habilitierte, war bereits an zahlreichen deutschen Universitäten forschend und lehrend tätig. Seit 2016 arbeitete Dorn freiberuflich für das Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Im Jahr 2018 ist es gelungen, den Wissenschaftler mit den Fachgebieten Architekturtheorie und -geschichte sowie Architektur und Stadtplanung der Moderne ganz für die Erforschung und Vermittlung der hessischen Denkmäler zu gewinnen.

Ralf Dorn wurde nicht nur aufgrund seiner fachlichen Expertise, sondern auch als äußerst freundlicher, hilfsbereiter und humorvoller Kollege von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hochgeschätzt. Seine Arbeit war seine Leidenschaft und der Austausch mit ihm war für alle KollegInnen motivierend und bereichernd. Sein viel zu früher Tod hinterlässt menschlich und fachlich eine große Lücke.

Arbeitsschwerpunkt Frankfurt am Main

Ralf Dorn war seit August 2018 beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege in der Denkmalerfassung tätig. In diesem vergleichsweise kurzen Zeitraum hat er neue Maßstäbe in der Beschreibung und Bewertung von Kulturdenkmälern gesetzt und bleibende Spuren hinterlassen.

Einer seiner Arbeitsschwerpunkte war die Bearbeitung der Denkmalliste der Stadt Frankfurt am Main. Seit Erscheinen der Frankfurter Denkmaltopographie im Jahr 1986 sind über 30 Jahre vergangen und die Denkmalausweisung bedarf einer Überprüfung nach den heutigen fachlichen Standards. Wichtige Gebäude jüngerer Zeit, die die Stadt heute prägen, waren vor 30 Jahren noch nicht im Blick. Begonnen hat Ralf Dorn die systematische Überprüfung im Bereich der Innenstadt, wo er die Verflechtungen von gewachsenem historischen Bestand und Wiederaufbau untersuchte und, etwa im Bereich der Braubachstraße, eine differenzierte Bewertung der verschiedenen Zeitschichten vornahm. Im Zuge dessen verfasste er auch Begründungstexte zu Einzelobjekten wie dem ehem. Polizeigefängnis an der Klapperfeldstraße 5, denen eine akribische Archivrecherche und eine scharfe Beobachtung des Baubestandes vorausging. Seine besondere Kenntnis der Architektur und des Städtebaus der Moderne bewies Ralf Dorn bei Denkmalwertbegründungen wie der jüngst erfolgten Ausweisung des postmodernen Museums für Moderne Kunst, errichtet 1987–1991 nach dem Entwurf des österreichischen Architekten Hans Hollein. Den Bau beschrieb er einerseits aufgrund seiner architektonischen Qualitäten als denkmalwert: „Eigenwillige Historizität gewinnt das Gebäude durch zitathafte Versatzstücke aus der Baugeschichte, die Hollein künstlerisch kongenial und ironisierend in die Gegenwart transponiert.“ Als zeichenhafter Solitär auf einem der letzten innerstädtischen Nachkriegsgrundstücke am Übergang von der südlichen Altstadt zur neu aufgebauten nördlichen Innenstadt beurteilte er das Gebäude aber auch als Akt der Stadtreparatur.

Fachliche Expertise in der jüngeren Architekturgeschichte war auch gefragt bei der Bewertung der Bauten der „Bürostadt Niederrad“, einer ab 1959 entwickelten Bürostadt südlich des Mains am westlichen Rand von Niederrad. Das als „Bürostadt im Grünen“ konzipierte Areal entstand sukzessive ab 1964/65 mit dem Ziel der Entlastung der Frankfurter Innenstadt. Eine Reihe der von prominenten Architekten entworfenen Hochhausscheiben und kombinierten Hoch- und Flachbauten ist als denkmalwert erkannt und wurde von Ralf Dorn fundiert untersucht und beschrieben: Darunter das Atricom Bürohaus, errichtet zwischen 1988 und 1990 von KSP Architekten (Kraemer Sieverts & Partner) oder das Verwaltungsgebäude der Firma Nestlé des Architekturbüros Meid & Romeick von 1968–1970. 

Denkmalbegründungen zu prominenten Objekten

Die Beschäftigung mit dem Frankfurter Baubestand führt zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit qualitativ hochwertigen Architekturentwürfen von (inter-)nationalem Renommee. Der vermutlich spektakulärste Ortstermin führte Ralf Dorn in diesem Zusammenhang auf den „Ginnheimer Spargel“, den 1974 – 1979 nach dem Entwurf von Johannes Möhrle und Peter Metzger errichteten Frankfurter Fernmeldeturm. Die Denkmalbewertung des bekannten und stadtbildprägenden Bauwerks erforderte neben der architekturhistorischen auch eine präzise Beschreibung der bauzeitlichen technischen Ausstattungsstücke, die Ralf Dorn offenkundig als besondere Herausforderung wahrnahm.

In seinen Denkmalausweisungen arbeitete Ralf Dorn die Qualitäten der Gebäude immer klar und verständlich heraus, etwa bei der imposanten Neckermann-Versandzentrale, errichtet 1959-60 vom Architekturbüro Egon Eiermann und Robert Hilgers. Seine fundierte Charakterisierung des erhaltenswerten Bestandes trägt dazu bei, dass der jahrelang leerstehende Komplex nun wieder einer Nutzung zugeführt werden kann und im Zuge der anstehenden Umnutzung und Sanierung ursprüngliche Qualitäten wie die Fassadengestaltung und -farbigkeit wiederhergestellt werden.

Eines der derzeit in Hessen vielleicht am meisten diskutierten Bauwerke ist die Anlage der Städtischen Bühnen Frankfurt. Die heutige Doppelanlage wurde 1959 – 1963 von dem Architekturbüro Otto Apel, ABB Architekten über Resten eines historistischen Vorgängerbaus errichtet. Das von Ralf Dorn verfasste Gutachten zum Denkmalwert der Städtischen Bühnen Frankfurt ist das Ergebnis einer differenzierten Auseinandersetzung mit der komplexen Baugeschichte und dem erhaltenen Bestand, bei der er zu folgendem Fazit kam: „Architektonisch repräsentativ für die 1960er Jahre und stadträumlich wirksam blieb das Foyer. […] Die Folie, vor der sich das gesellschaftliche Leben an diesem Ort abspielt und in die die Städtischen Bühnen eingebunden sind, zeigt sich in der Nordfassade der Anlage. Das Foyer wirkt als bidirektionales Schaufenster sowohl nach außen als auch nach innen und stellt so die für einen Kulturbau notwendige Repräsentation her.“ Der Foyerbau der Städtischen Bühnen wurde daraufhin aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen in das Denkmalverzeichnis des Landes Hessen eingetragen. Auf dieser Grundlage kann sich die Denkmalpflege weiterhin in die Diskussion um den Erhalt einbringen.

Wie wichtig Grundlagenforschung auch bei bekannten und vermeintlich gut untersuchten Objekten sein kann, bewies Ralf Dorn im Dezember 2019 bei der öffentlichen Fachveranstaltung zur Frankfurter Paulskirche, deren jüngere Baugeschichte er nach einer erneuten Auswertung der Quellen detailliert und kenntnisreich nachzeichnete und darauf aufbauend die Bedeutung des Bestandes von 1948/49 unterstrich. Dieser Vortrag zeigte ein weiteres Mal seine handwerklichen Fähigkeiten als Architekturhistoriker. Sein Talent, komplexe Sachverhalte einfach und verständlich darzustellen und Dritte zu begeistern, machte ihn zum idealen Vermittler und Denkmalpfleger. Dass er diese wertvolle Arbeit nicht noch viele Jahre fortsetzen kann, hinterlässt uns fassungslos und ist ein schwerer Verlust.

Dr. Hanna Dornieden u. Dr. Sandra Kreß, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau-  und Kunstdenkmalpflege