Das Denkmal als Ressource

Durch ihre auf Erhalt und Reparatur ausgerichtete Praxis leistet die Denkmalpflege seit jeher einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Über Strategien zur Weiterqualifizierung von Bestandsbauten berieten rund hundert Fachleute beim 7. Hessischen Denkmalgespräch am 29. Oktober 2021 im Freilichtmuseum Hessenpark.

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Foto Dr. Verena Jakobi hält ihren Einführungsvortrag zum Thema „Das Denkmal als Ressource“.
Dr. Verena Jakobi, Leiterin der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege und Landeskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hielt den Einführungsvortrag zum Thema „Das Denkmal als Ressource“.

Kulturdenkmäler als natürliche Ressourcen

„Nach dem Energie-, Verkehrs- und Industriesektor ist der Gebäudesektor einer der größten Verursacher von Klimagas-Emissionen“, sagte Dr. Verena Jakobi, Leiterin der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, in ihrem einleitenden Vortrag. Obwohl es sich nur bei einem geringen Teil des gesamten Gebäudebestandes um eingetragene Kulturdenkmäler handele, gerieten doch auch diese vermehrt in den Fokus. Zweifellos könne die Denkmalpflege durch ihr Erfahrungswissen wertvolle Impulse zu einem Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit dem Gebäudebestand beitragen. Denn allein durch ihre lange Lebensdauer lieferten Denkmäler in der Regel eine ausgezeichnete Bilanz in der Bewahrung und Weiterentwicklung bereits gebundener Energie.

Graue Energie

Jakobi sagte, vor dem Hintergrund der Strategie einer "Renovation Wave" der EU, die sich lediglich auf die betriebliche Energieeffizienz und die Gebäudehülle stützte, sei es unerlässlich, das Bewusstsein für eine umfassendere Bewertung des Gebäudebestandes zu schärfen. Denn um eine Einschätzung des tatsächlichen Energiewertes eines Gebäudes vornehmen zu können, müsse auch die Energie, die für Herstellung, Transport, Aufbau, Abriss, Entsorgung und Neubau aufgewendet werde (= graue Energie), mit eingerechnet werden. Nur so könne man dem energetischen Wert von Kulturdenkmälern gerecht werden. Wolle man die Treibhausgas-Emissionen nachhaltig senken, so müsse in Zukunft vermehrt auf Bestandserhaltung und Bestandsertüchtigung statt auf energieintensive Neubauten gesetzt werden.
Dipl. Ing. Frank Essmann stellte ein Modell zur Berechnung des tatsächlichen, die gesamte Lebenszeit eines Gebäudes berücksichtigenden Energieverbrauchs vor. Er stellte jedoch auch die Probleme heraus, die bei solchen Berechnungen an historischen Gebäuden auftreten. Weitere Informationen dazu in den Links.

Jedes Kulturdenkmal ist anders

„Jedes Kulturdenkmal ist ein Einzelfall und muss hinsichtlich seiner Substanz, seiner Leistungsfähigkeit, aber auch seiner Grenzen untersucht werden. Erst dann kann eine dem Gebäude gemäße energetische Ertüchtigung erfolgen, ohne dass Substanz und Erscheinungsbild des Gebäudes darunter leiden.“ Nur vor dem Hintergrund einer sorgfältigen Bewertung könne es gelingen, tragfähige Zukunftskonzepte zu entwickeln.

Denkmäler sind wichtige Wissensspeicher

„Schon unsere Vorfahren verfügten über erstaunliche Techniken im Umgang mit natürlichen Ressourcen“, sagte Jakobi. Schon immer seien Menschen mit Klimaveränderungen konfrontiert worden und hätten ihre Häuser entsprechend an Kälte- oder Hitzeperioden durch Nutzung der Sonnenenergie oder die
Verwendung natürlicher Dämmmaterialien angepasst. Kulturdenkmäler seien deshalb nicht nur Energie- sondern auch wertvolle Wissensspeicher für fast schon vergessene Handwerkstechniken und Praktiken zur Nutzung natürlicher Energien, auf die wir heute zurückgreifen könnten.

Hessische Beratungsoffensive für Altbauten und denkmalgeschützte Gebäude

Jakobi sagte, im Kontext des Hessischen Klimaschutzplans sei unter anderem auch eine Beratungsoffensive für Altbauten und denkmalgeschützte Gebäude geplant. In diesem Prozess, der von der Landesenergieagentur Hessen organisiert werde, werde auch das Landesamt für Denkmalpflege aktiv. Mitberücksichtigt werden müsse zudem die identitätsstiftende Funktion unserer Kulturdenkmäler. Hier müsse eine Umbaukultur ansetzen, wenn sie die Menschen erreichen wolle.

Am Beispiel konkretisiert

Veranschaulicht wurde die ressourcenschonende Praxis des behutsamen Reparierens, Umnutzens und Weiternutzens am Beispiel der Sanierung des Hofguts Guntershausen in Stockstadt am Rhein, das heute als Umweltbildungszentrum dient, der Instandsetzung der Villa Helwig in Treysa (2001-2003) und der Sanierung der Synagoge in Heubach (2003-2006), die heute von einem Förderverein unterhalten wird, jeweils aus der Perspektive von am Projekt beteiligten Partnern. Experten aus dem Bereich von Lehre, Forschung und Praxis referierten über spezielle Verfahren und Detaillösungen bei der Pflege, Vorsorge und Erhaltung von Kulturdenkmälern und Altbauten. Bei einem Rundgang durch den Hessenpark wurden die vorgestellten Aspekte vorgestellt und vertieft.
Die Moderation der Veranstaltung hat Jan Ermel, Leiter der DenkmalAkademie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, übernommen.

Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege
13.11.2021

Hessische Denkmalgespräche

Die Hessischen Denkmalgespräche finden seit 2014 zu wechselnden aktuellen Themen statt. Denkmaleigentümer, Architekten und Handwerker berichten aus ihrer Perspektive, wodurch eine facettenreiche Darstellung der Maßnahme gelingt.
Gefördert werden die Hessischen Denkmalgespräche von der Kampagne #deinehrenamt der Hessischen Staatskanzlei.
Die Denkmalgespräche werden von der Denkmalakademie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Propstei Johannesberg in Fulda, dem Freilichtmuseum Hessenpark und dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen veranstaltet. Die nächste Veranstaltung findet am 7. Oktober 2022 statt.