Das Bauwerk Paulskirche in Frankfurt am Main – öffentliche Fachveranstaltung hat am 14.12.2019 stattgefunden

Neben dem Hambacher Schloss ist die 1789 - 1833 erbaute Paulskirche in Frankfurt ein wichtiges Symbol für die Geschichte der Demokratie in Deutschland. Seit 2017 steht fest, dass das im Bauwerk umfassend saniert werden muss. Dies hat eine bundesweite Diskussion darüber eröffnet, auf welche Weise den verschiedenen Zeitschichten des Gebäudes Rechnung getragen werden kann. Eine öffentliche Fachveranstaltung am 14.12.2019 in Frankfurt hat die Debatten zusammengeführt und fokussiert.

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Neben dem Hambacher Schloss ist die 1789 - 1833 erbaute Paulskirche in Frankfurt ein wichtiges Symbol für die Geschichte der Demokratie in Deutschland. Seit 2017 steht fest, dass das im Bauwerk umfassend saniert werden muss.
Neben dem Hambacher Schloss ist die 1789 - 1833 erbaute Paulskirche in Frankfurt ein wichtiges Symbol für die Geschichte der Demokratie in Deutschland. Seit 2017 steht fest, dass das im Bauwerk umfassend saniert werden muss.

Anlässlich der geplanten Sanierung der im Krieg zerstörten und 1947/48 von Rudolf Schwarz wieder errichteten Paulskirche in Frankfurt fand am 14. Dezember 2019 ein vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen organisiertes, öffentliches Fachgespräch in der Evangelischen Akademie, Römerberg 9 in Frankfurt statt. Die Veranstaltung knüpfte an bislang geäußerten Positionen und Ideen an und entwickelte sie im Rahmen einer öffentlichen Fachdiskussion weiter.

Paulskirche steht für Demokratie in Deutschland
„Die Frankfurter Paulskirche steht wie kein ein anderer Ort für die deutsche Demokratie“, sagte Staatsministerin Angela Dorn. „Hier gab sich Deutschland erstmals eine demokratische und freiheitliche Verfassung, die noch fast hundert Jahre später das Grundgesetz beeinflusste.“ Die Ministerin sagte weiter, nach den Verbrechen des Nationalsozialismus sei die Paulskirche bewusst in architektonischer Bescheidenheit wiederaufgebaut und 1948 als Zeichen des demokratischen Neubeginns wiedereröffnet worden. „Seitdem hat sie sich zu dem zentralen Ort entwickelt, an dem die Bundesrepublik über sich nachdenkt, sie ist der Ort für Lehren aus der Vergangenheit und für Diskurse über die gesellschaftliche Zukunft.“ Die Ministerin beglückwünschte das Landesamt für Denkmalpflege für die Organisation eines fachlich versierten Fachgesprächs. „Für mich ist klar, dass die Paulskirche als eines der prominentesten Bauwerke des Wiederaufbaus denkmalgerecht erhalten und saniert werden sollte. Rudolf Schwarz hat uns ein Bauwerk hinterlassen, ‚von einer solch nüchternen Strenge, dass darin kein unwahres Wort möglich sein sollte‘ - sein programmatischer Anspruch ist aktueller denn je.“

Gemeinsame Verantwortung von Bund, Land und Stadt
„Es gibt eine gemeinsame Verantwortung von Bund, Land und Stadt für dieses national bedeutsame Baudenkmal“, sagte Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen. Die Paulskirche sei 1947/48 vollständig neu gedacht, entworfen und gebaut worden – dies sei die einzige legitime Leitschicht. Die zurückhaltende Schlichtheit des Entwurfes von Rudolf Schwarz erkläre sich aus der bewussten Konfrontation mit der Kriegsruine und erinnere so an die Ursache der Zerstörung. „Jede architektonische Intervention an diesem national bedeutenden Baudenkmal muss dem zentralen denkmalpflegerischen Grundsatz der geringstmöglichen Intervention genügen.“ Harzenetter erinnerte auch an die öffentlichen Debatten über den Wiederaufbau der Städte nach dem Zweiten Weltkrieg: „Es waren zutiefst moralische Diskussionen, die sich im Kern darum drehten, ob Rekonstruktion nicht das Unsagbare ungeschehen machen möchte.“ Die nun geführten Debatten müssten fortgesetzt werden, hier sehe die Denkmalpflege sich im Sinne unserer gemeinsamen Verantwortung gegenüber der Geschichte in der Pflicht. Oft würde vergessen, dass heute viele wichtige Bauwerke – der Mainzer Dom, das Heidelberger Schloss oder das Neue Museum in Berlin – die Städte nicht in der uns allen vertrauten Form und Gestalt prägten, wenn die Denkmalpflege ihre Stimme nicht erhoben hätte.        

Bewusste Entscheidung gegen eine Rekonstruktion
„Die Paulskirche, wie wir sie heute kennen, ist ein Ort, der für die erfolgreiche Demokratie nach dem Nationalsozialismus steht“, sagte Stadtrat Jan Schneider. „Deshalb habe ich mich gegen eine Rekonstruktion des Zustands von 1848 ausgesprochen. Vielmehr soll bei der anstehenden Sanierung die schlichte Gestaltung beibehalten werden, für die sich die Verantwortlichen in der Nachkriegszeit bewusst entschieden haben. Für wichtig halte ich außerdem ein ergänzendes Besucherzentrum, das Haus der Demokratie, in dem die Bedeutung des historischen Orts vermittelt wird."

Durch Umbauten immer wieder angepasst
Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam resümierte: „Die Paulskirche ist ein bundesweit besonderer Ort der Geschichte und der Demokratie. Sie ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie ein Kulturdenkmal durch Anpassungen und Umbauten wieder mit neuem Leben und neuen Funktionen gefüllt werden kann, ohne die historische Herkunft und Bedeutung zu schmälern. Auch bei der anstehenden Sanierung sollte die Paulskirche mit einem klugen Blick auf den Bestand behandelt werden.“

Hintergrund
Seit 2017 steht fest, dass die im Krieg zerstörte und 1947/48 wiedererrichtete Paulskirche umfassend saniert werden muss. An der Frage, auf welche Weise den Zeitschichten des als Ausstellungs-, Gedenk- und Versammlungsraumes genutzten Gebäudes hatte sich eine bundesweite Diskussion entzündet. Wesentliche Grundentscheidungen haben die Parteien der Regierungskoalition im Römer schon Anfang November getroffen, als sie sich für die Nachkriegsgestaltung mit ihrer schlichten Form als Leitlinie der Sanierung entschieden. Dennoch werden in Zukunft noch viele Detailfragen zu klären sein. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen ist in sämtliche Planungen zu dem Baudenkmal involviert.

Dokumentation
Die Vorträge und Redebeiträge des öffentlichen Fachgesprächs werden im Heft 2/2020 unserer Zeitschrift Denkmalpflege & Kulturgeschichte publiziert. Das Heft erscheint im Sommer 2020.

Dr. Katrin Bek, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege