100 Stunden Brutalismus – viel zu kurz!

Die Bauten der Nachkriegsarchitektur sind schon seit geraumer Zeit wieder in den Blickpunkt gerückt. Dem Umgang damit widmete sich auch die Ruhrmoderne Sommerakademie. In Marl standen die „großartigen und fatalen Beispiele“ des Brutalismus im Fokus. 100 Stunden waren dabei angefüllt mit Exkursionen, Symposien, Künstlergesprächen und vielem mehr. „Viel zu kurz!“ lautete das Fazit.

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100 Stunden Brutalismus
Teilnehmer der Veranstaltung beim Aufspüren versteckter Orte

Angesichts von eindrücklichen Bauten, wie dem Marler Rathaus, das doch „eventuell für Jahrhunderte gebaut“ werden sollte, verwundert es nicht, dass das gewählte Thema in dieser dazu relativ kurzen Zeit noch lange nicht ausdiskutiert werden konnte.

Als spannendes und kontroverses Diskussionsobjekt präsentierte sich schon der Tagungsort selbst: Die am nördlichen Rand des Ruhrgebiets gelegene Stadt Marl errichtete in den 1960er- und 1970er-Jahren ein modernes Zentrum mit Rathaus, Wohnhochhäusern und Einkaufszentrum. Eine Großstadt sollte Marl, entstanden als Zusammenschluss kleinerer Dörfer und Siedlungen der im Umkreis arbeitenden Bergleute und Chemiearbeiter, laut der Bevölkerungsprognose werden. Heute hat die schrumpfende Stadt nach den Zechenschließungen mit hoher Arbeitslosigkeit, Leerstand und sozialen Problemen zu kämpfen. Die Bauten des Marler Zentrums, das in der Veranstaltung wohl berechtigt als „Kleinst-Brasilia“ bezeichnet wurde, sind ein innovatives Beispiel deutscher Nachkriegsmoderne.

Ein stilgerechter Tagungsort

Die etwa 35 Teilnehmer der Ruhrmoderne Sommerakademie hatten die Chance, auch gleich in einem ausgefallenen Beispiel der diskutierten Architekturepoche zu übernachten: Die ehemalige Hauptschule von Günter Marschall (1967), die seit 2009 leer stand, dann zum Erstaufnahmelager umgestaltet, aber nie als solches genutzt wurde. Für dreieinhalb Tage diente sie als Hotel und Hauptveranstaltungsort. Die Ruhrmoderne Sommerakademie war bereits im Mai zu Gast und hatte vorab mit Alexander Römer von ConstructLab und dem Künstler Martin Kaltwasser unter Einsatz von Kreativität und studentischem Engagement die Nutzung als „Marschall 66“ vorbereitet. Das Gebäude begeisterte mit seiner Weitläufigkeit und den zahlreichen grünen Innenhöfen immer wieder aufs Neue. Viele Teilnehmer fühlten sich an ihre eigene Schule oder Hochschule erinnert. Als Beispiel zu nennen ist der Campus der Hochschule Darmstadt-Dieburg mit seinem ähnlich gearteten Bezug von Innen- und Außenbereichen. So schaffte es die Veranstaltung Verbindungen zu anderen Orten auch außerhalb des Ruhrgebiets herzustellen und Parallelen aufzuzeigen, besonders da sich auch beim Frühstück, Mittag- oder Abendessen ein angeregter Austausch entwickelte.

Die Qualitäten dieses für die Tagung genutzten Schulbaus und ähnlich ausgefallener Architekturen wurden im Laufe der Veranstaltung wiederholt hervorgehoben. Neben den Präsentationen der Arbeiten von Schülerinnen und Schülern des Hans-Böckler-Berufskollegs Marl und Studienarbeiten aus Münster, Kassel, Marl und Dortmund, welche neben spezifischen Vorschlägen für die Marler Mitte auch theoretische Vergleiche und künstlerische Interpretationen zeigten, stellten weitere Vortragende ihr berufliche Praxis und Standpunkte zur Nachkriegsarchitektur vor. Zudem standen Exkursionen mit ungewohnten Perspektiven auf dem Programm: Es wurden die Keller des Rathauses besichtigt, das Luftkissendach des Marler Sterns erkundet, eine Künstlerwohnung besucht und das Experimentalhaus „Habiflex“ entdeckt.

Eine Zukunft voller Fragen

Die Material- und Konstruktionsehrlichkeit der im Geiste jener Zeit errichteten Bauten schockiert und begeistert noch heute. Die Frage, wie erhaltenswert Gebäude dieser Epoche sind, ist drängender denn je. Sie sind Wahrzeichen überwundener politischer wie gesellschaftlicher Zeiten und schützenswerte Beispiele einer radikalen Formulierung architektonischer Utopien. Zahlreichen dieser Bauten wohnt eine spezifische architektonische Qualität inne, gleichzeitig besitzen viele eine charakteristische städtebauliche Prägnanz, die angesichts anders erwarteter sozial- und bevölkerungsspezifischer Entwicklungen heute Probleme bereitet. Welche der dort inne liegenden Werte können aufgegriffen werden um Städte wie Marl mit spezifischen Qualitäten zu erhalten, ohne sie zu einer Stadt „wie jede andere auch“ zu entwickeln? Grün- und Freiräume sowie monumentale Architektur bilden in der Stadt der Nachkriegsmoderne ein Zentrum, das nicht die klassischen Erwartungen an ein urbanes Zentrum erfüllt. Zu Erbe und Zukunft der Nachkriegsmoderne können nur viele unterschiedliche Disziplinen beitragen, das wurde während der Veranstaltung deutlich. „100 Stunden Brutalismus – viel zu kurz!“, aber genug um zu erkennen, wie bereichernd dies sein kann – nicht nur für Marl.

Die Ruhrmoderne Sommerakademie

Organisiert wird die Ruhrmoderne Sommerakademie vom Architekturbüro TD und der Universität Kassel unter der Leitung von Philipp Oswalt, in Zusammenarbeit mit der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, der Stadt Marl und dem Skulpturenmuseum Glaskasten. Sie findet diesen Sommer in Marl statt, mit dem Ziel Studierende, Bewohner und Stadtinteressierte für das baukulturelle Erbe der Nachkriegsmodere zu sensibilisieren und Ideen für den Umgang damit zu entwickeln. Zwei Akademiewochen verbrachten Studierende im Mai und Juli vor Ort, recherchierten und bereiteten die Veranstaltung „100 Stunden Brutalismus“ vor, zu der Bürger Marls und Stadt- und Architekturinteressierte von außerhalb eingeladen waren. Der temporäre Ausstellungsort "Marschall 66" beherbergt zudem den ganzen Sommer über verschiedene öffentliche, kulturelle Veranstaltungen.

A. Hitthaler, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Bau- und Kunstdenkmalpflege