Neuer Limesverlauf in der Wetterau gefunden

Im Rahmen kürzlich durchgeführter geophysikalischer Prospektionen ließen sich südlich von Butzbach markante Strukturen nachweisen, die unzweifelhaft dem UNESCO-Welterbe Obergermanisch-Raetischer Limes (ORL) zuzuweisen sind. Die Messergebnisse deuten nicht nur auf die Existenz bislang unbekannter Grenzanlagen, sondern auch auf einen gänzlich anderen Streckenverlauf in der westlichen Wetterau.

Artikelbild_Limes.jpg

Foto Messbild mit neuem Streckenverlauf Limes
Messbild mit neuem Limesverlauf

Damit stehen Ergebnisse zur Diskussion, die seit den Zeiten der Reichslimeskommission als weitgehend sicher angenommen wurden. 

Ausschlaggebend für die Messungen, die sich auf den Bereich zwischen Langenhain Ziegenberg (Gem. Ober-Mörlen) und Fauerbach (Stadt Butzbach) konzentrierten, waren Satellitenbilder, auf denen sich auffällige Grabenstrukturen in den Ackerfluren des unmittelbaren Limesvorfelds erkennen ließen. Obwohl für die meisten Turmstellen entlang dieses Streckenabschnitts keine sicheren Belege existierten, wurde der Limesverlauf hier seit Ende des 19. Jahrhunderts als mehr oder weniger gerade Linie zwischen dem Kastell Langenhain und der Ortschaft Hochweisel rekonstruiert.

Ein völlig anderes Bild ergab sich nun im Zuge der jüngsten Untersuchungen: Der bislang als WP 4/23 eingetragene Wachtturm auf dem „Engeskopf“ entpuppte sich als Standort eines ehemaligen Kleinkastells. Die nach Süden orientierte Anlage weist einen Doppelgraben von über 30 m Seitenlänge sowie Spuren einer dichten Innenbebauung auf. Hinzu treten die deutlich sichtbaren Überreste zweier, bis dato völlig unbekannter, Wachtturmstellen unmittelbar westlich zwischen Kleinkastell und Limes. Offenbar flankierten sie einen ehemaligen Durchgang im Limes, der heute von einem modernen Wirtschaftsweg überlagert wird. Eine Reihe von Befunden nördlich und südlich des Weges, könnte für die Existenz einer ehemaligen Toranlage sprechen. Die topographische Situation, die sich als markante Geländekuppe über das weitere Umland erhebt, deutet insgesamt auf einen ehemaligen Durchgang im Limes, der einer besonderen Kontrolle durch erhöhte Militärpräsenz bedurfte.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis stellt der im Messbild deutlich nachvollziehbare Verlauf des Limesgrabens sowie dem davor verlaufenden Palisadengraben dar. Anders als über 100 Jahren angenommen, verläuft die Grenzanlage nicht in gerader Linie nach Norden, sondern biegt in Anlehnung an die örtliche Geländesituation in einem weit ausgreifenden Bogen nach Westen um. Damit zeigt sich, dass die Römer bereits vor 1800 Jahren die auch heute noch landwirtschaftlich genutzten Bereiche der westlichen Wetterau zu schätzen wussten und bei ihrer Grenzziehung ab dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entsprechend berücksichtigten. Ob der weitere Grenzverlauf auch den Bereich der heutigen Ortschaft Münster miteinschloss und wie sein genauer Verlauf in Richtung Langenhain aussah, müssen zukünftige Untersuchungen erbringen. In diesem Zuge wird mit etwas Glück auch noch die eine oder andere neue Turmstelle entdecken können.

Dr. Kai Mückenberger
06.11.2021