„Sie kamen von weit her und blieben“

In Frankfurt am Main wird jedes Jahr eine große Zahl von Baumaßnahmen realisiert. Liegt eine Baumaßnahme an einer archäologischen Fundstelle, begleitet das Denkmalamt der Stadt die Arbeiten. Das Denkmalamt ist für alle archäologischen Ausgrabungen im Stadtgebiet zuständig. Herausragend waren die Grabungen im Ortsteil Berkersheim. Unter der örtlichen Grabungsleitung von Rolf Skrypzak konnte eine Fläche von 193 qm für einen Hausanbau bearbeitet werden. (Link zum Video am Ende des Beitrags).

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Foto Grabungsbaustelle zum Ende der Arbeiten in Frankfurt am Main – Berkersheim. Insgesamt wurden 11 Gräber freigelegt.
Grabungsbaustelle zum Ende der Arbeiten in Frankfurt am Main – Berkersheim. Insgesamt wurden 11 Gräber freigelegt.

Im Februar 2020 wurde mit den Erdarbeiten für den Anbau an ein Wohnhaus begonnen.

In der Nähe sind bereits im Jahr 1900 und nochmals 1936 ebenfalls beim Bau von Häusern Skelette bekannt geworden. Aufgrund mitgefundener Grabbeigaben konnte der Platz schon früh als frühmittelalterlicher Friedhof angesprochen werden. Leider liegen über diese Altgrabungen keine geeigneten Dokumentationen vor. Offenbar handelt es sich jedoch um einen ausgedehnten und damit größeren Friedhof.

Jetzt konnten insgesamt 17 Befunde aufgenommen werden, wobei es sich um 11 Gräber handelt und einen Raubschacht, Stelle 13, der die Gräber Stelle 12 und 14 berührt. Die Gräber lagen in 4 Reihen angeordnet und ostwestlich orientiert und stellen den Ausschnitt eines erheblich größeren Friedhofs dar.

Die Toten waren alle mit ihrer Tracht und weiteren Beigaben beerdigt, wodurch in der Regel auch eine archäologische Unterscheidung der Geschlechter möglich ist.

Die Qualität und die Zahl der Beigaben lässt auch auf die soziale Stellung der Verstorbenen schließen, die sie zu Lebzeiten innegehabt hatten. Hier kann man die Gräber einer privilegierten Bevölkerungsschicht erkennen.

Unter den Gräbern konnten durch die anthropologische Untersuchung durch Dustin Welper zwei senile Frauen und auffallend viele Kinder in acht Gräbern erkannt werden. Dabei können unter den Kindern archäologisch, also anhand ihrer Beigaben, fünf als Knaben und zwei als Mädchen bestimmt werden.

Neben der auffälligen Altersverteilung, fallen unter den Beigaben Keramikgefäße mit herausgearbeiteten Buckeln ins Auge, die im Rhein-Main-Gebiet als fremd gelten können. Auch die Fibel aus Stelle 3 ist nicht typisch für die Region. Stattdessen können diese Funde als Hinweis für weitreichende Kontakte oder Zuwanderung gelten, aus Norddeutschland, aus dem fränkischen Westen oder gar England.  

Die Gräber markieren den Beginn der Belegung des Friedhofs im 6. Jahrhundert. Wie viele Personen insgesamt einst an diesem Ort bestattet wurden und wie lange der Friedhof genutzt wurde, lässt sich zurzeit nicht abschließend sagen.

Dr. Andrea Hampel, Hauptkonservatorin, Denkmalamt Stadt Frankfurt am Main
10.11.2021