Der Kapellenberg bei Hofheim

Seit 2008 untersucht das das Römisch-Germanische Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM), in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen (hessenARCHÄOLOGIE) und dem Magistrat der Stadt Hofheim die Wallanlagen und die Innenbebauung der jungneolithischen Höhensiedlung auf dem Kapellenberg bei Hofheim.

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Foto Nach dem Abschöpfen des Wassers konnte die Arbeit fortgesetzt werden. Im angelegten Planum ist die durch Asche und Holzkohle gefärbte Grube deutlich zu erkennen.
Nach dem Abschöpfen des Wassers konnte die Arbeit fortgesetzt werden. Im angelegten Planum ist die durch Asche und Holzkohle gefärbte Grube deutlich zu erkennen.

Das Rhein-Main-Gebiet mit der globalen Wirtschaftsmetropole Frankfurt und der Europäischen Zentralbank, dem internationalen Flughafen und den beiden Landeshauptstädten Wiesbaden und Mainz ist heute eine der zentralen wirtschaftlichen Drehscheiben in Europa. Diese Drehscheibenfunktion ist im Wesentlichen durch die geographische Lage bestimmt: neben den sich hier kreuzenden Verbindungen zwischen Nord- und Süd-, aber auch Ost- und Westeuropa ist das Rhein-Main-Gebiet klimatisch günstig gelegen und verfügt über fruchtbare Böden.

So verwundert es nicht, dass die Anfänge des Ballungsraumes bereits vor 6000 Jahren greifbar werden, während des sogenannten Jungneolithikums. Zu dieser Zeit siedeln Bauern und Viehzüchter – aus dem Pariser Becken und den Ardennen kommend – im nördlichen Oberrheintal. Ihre Hinterlassenschaften werden mit dem archäologischen Fachbegriff „Michelsberger Kultur“ bezeichnet – diese existierte in unserer Region zwischen 4200 und 3500 v. Chr.

Rasch wird das Rhein-Main-Gebiet an nach Westen orientierte Verkehrsverbindungen angeschlossen: Beilklingen – letztlich aus den Westalpen – werden in einem komplizierteren Netzwerk gegen Salz aus Hessen und Mitteldeutschland ausgetauscht, für das wiederum in Frankreich Bedarf bestand. Es entstehen gewaltige Ansiedlungen wie Schierstein, der Glauberg in der Wetterau und der Kapellenberg bei Hofheim. Während in Schierstein tatsächlich mehrere tausend Menschen hätten leben können, dürfte die Zahl der gleichzeitig siedelnden Personen auf dem Kapellenberg eintausend nicht überschritten haben.

Dennoch ist der Kapellenberg die größte noch erhaltene Siedlung aus der Zeit der Michelsberger Kultur. Es war eine gewaltige Anlage von 45 ha Größe, die bebaute Fläche umfasste immer noch 26 ha. Auch heute, nach 6000 Jahren, sind die einstigen Wallanlagen im Gelände zu sehen – es ist ein „Pompeji der Steinzeit“. Die Anlage wurde offensichtlich zunächst um einen Großgrabhügel errichtet, der zum Ende des Mittelneolithikums (um 4500 v. Chr.) oder zu Beginn der Michelsberger Belegung (um 4200/4100 v. Chr.) errichtet wurde.

Vom Rhein-Main-Gebiet breitet sich die Michelsberger Kultur weiter nach Osten und Süden aus. Gewalt und Krieg haben bei dieser Expansion eine Rolle gespielt und so dürften auch Kriegsgefangene genommen und zu Sklaven gemacht worden sein. Mithin liegen in jener Zeit nicht nur die Ursprünge unserer heutigen globalen Wirtschaft, sondern auch deren negative Folgen wie Menschenhandel und Unfreiheit.

Seit 2008 untersuchen das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) und die Johannes-Gutenberg-Universität in Zusammenarbeit mit der hessenARCHÄOLOGIE die Wallanlagen, die Innenbesiedlung und den Großgrabhügel. Sehr unterstützt wird das Vorhaben vom Magistrat der Stadt Hofheim.

Die Grabungen sind als Praktika in das Lehrangebot an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz eingebunden, sie sind ebenso Bestandteil der Ausbildung am RGZM. Die bodenkundlichen Untersuchungen werden gemeinsam am Geographischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt und am Geographischen Institut der Johannes Gutenberg Universität Mainz ausgeführt.

Prof. Dr. Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Leibniz Forschungsinstitut für Archäologie
10.11.2021

Information

Archäologischer Rundweg über den Kapellenberg bei Hofheim am Taunus
Ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Hofheim und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums
Seit dem 22. August 2020 können sich Besucherinnen und Besucher des Kapellenbergs auf einen Archäologischen Rundweg begeben.
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