Die bewegte Geschichte der Grube Messel

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Erstfund der neuen Wandelnden-Blatt-Spezies Eophyllium messelensis (Wedmann, S. et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, 104(2): 565-569) im Vergleich zu einem Rezentexemplar.
Erstfund der neuen Wandelnden-Blatt-Spezies Eophyllium messelensis (Wedmann, S. et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, 104(2): 565-569) im Vergleich zu einem Rezentexemplar.

Die Bergbaugeschichte der Grube Messel begann im Jahre 1859 mit der Errichtung einer Raseneisenerzgrube. Beim Abbau dieses Erzes stieß man auf braunkohleartigen Horizonte des Messeler Sees, welche zu Anfang des Grubenbetriebes mitabgebaut wurden, und schließlich auf den Ölschiefer, auf dessen Förderung sich der Abbaubetrieb bis zur Einstellung des Betriebs im Jahre 1971 fokussierte. Der Ölschiefer wurde ab den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von der eigens dazu gegründeten Gewerkschaft Messel abgebaut und in unmittelbarer Peripherie zum Grubenareal zur Gewinnung von Erdölprodukten verschwelt.

Noch im Zuge erster Ölschieferabbauversuche wurde im Jahre 1876 ein erstes spektakulär erhaltenes Alligatorenskelett der Art Crocodilus ebertsi geborgen. 22 Jahre später veröffentlichte Ernst Wittich eine erste umfassendere wissenschaftliche Abhandlung über die Grube Messel in Form einer an der Universität Gießen vorgelegten Dissertation mit dem Titel: „Beiträge zur Kenntnis der Messeler Braunkohle und ihre Fauna“ (1898).

Die Rechte an den zu Tage tretenden Fossilfunden wurden im Jahre 1912 den großherzoglichen Sammlungen zugesprochen, welche den Grundstock des heutigen Hessischen Landesmuseums Darmstadt (HLMD) bilden.

1923 ging die Gewerkschaft Messel in den Besitz der Stinnes-Riebeck'schen Montan- und Ölwerke AG, ab 1925 Teil der I.G. Farben, über. 1945 wurde das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Werk von der US-amerikanischen Militärverwaltung beschlagnahmt und dem I.G. Farben-Central-Office in Frankfurt a.M. unterstellt. 1954, erfolgte die Gründung der Paraffin- und Mineralölwerk Messel GmbH, die vom Bundesland Hessen die Grubenschürfrechte erhielt. 1959 wurde die GmbH vom schwedischen Ytong-Konzern übernommen, welcher dort die Schwelabfälle des Ölschiefers zu Gasbetonsteinen verarbeitete. 1962 wurde die zunehmend unrentabel gewordene Mineralölgewinnung eingestellt.

Noch vor dem endgültigen Ende des industriellen Ölschieferabbaus fiel die Wahl bei der Suche nach einem geeigneten Standort für eine zentrale Mülldeponie für Südhessen auf die Grube Messel. Grund dafür war zum einen ihre Größe und zum anderen ihre zentrale Lage im Rhein-Main-Gebiet. Dass die Errichtung einer solchen Deponie zwangsläufig auch zum Ende der Fossilgrabungen geführt hätte, spielte in diesen Überlegungen keine größere Rolle, zumal auch Wissenschaftler seinerzeit dem Messeler Ölschiefer in dieser Hinsicht keinen außergewöhnlich hohen Wert beimaßen. Erst nach Ende des Ölschieferabbaus (1971) machten Fossiliensammler aufsehenerregende Funde und das unterschätzte wissenschaftliche und kulturelle Potenzial der Grube wurde zunehmend deutlich.

1974 wurde der Zweckverband Abfallbeseitigung Grube Messel (ZAGM) gegründet. 1975 erhielt das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt a. M. Grabungsbeteiligung in der Grube, woraufhin seither regelmäßig Grabungen durchgeführt werden.

1976 veröffentlichte der Senckenberg-Paläontologe Jens Lorenz Franzen einen Aufsatz, in dem er den Messel-Fossilien eine herausragende Bedeutung bescheinigt: „Die Fossilfundstelle Messel - ihre Bedeutung für die paläontologische Wissenschaft“.

1977 beantragte der ZAGM die Planfeststellung beim Hessischen Oberbergamt bezüglich der Großdeponie. Aufgrund des mittlerweile offensichtlichen hohen wissenschaftlichen Wertes der Grube erhoben die Senckenberger Forscher 1979 Einspruch beim Oberbergamt gegen den Planfeststellungsantrag. Nachdem das Oberbergamt 1981 per Planfeststellungsbeschluss die Errichtung und den Betrieb der Deponie genehmigt hatte, begannen im Jahr darauf die Bauarbeiten.

1984 verordnete der damalige Umweltminister einen Baustopp in Messel. Der Betreiber, mittlerweile in Zweckverband Abfallbeseitigung Südhessen (ZAS) umbenannt, klagte dagegen jedoch vor dem hessischen Verwaltungsgerichtshof und bekam Recht, woraufhin die Bauarbeiten wieder aufgenommen wurden.

Drei Jahre nach der Landtagswahl 1983 beantragte die Rot-Grüne Regierung beim Oberbergamt im den Planfeststellungsbeschluss hinsichtlich der Inbetriebnahme der Deponie auszusetzen. Nachdem im Frühjahr 1987 eine CDU-geführte Regierung die Amtsgeschäfte in Hessen übernahm, wurde dieser Antrag jedoch wieder zurückgezogen, woraufhin die Messeler Bürgerinitiative zur Verhinderung der Mülldeponie, die sich bereits in den 1970er Jahren formiert und erfolglos mehrere Klagen gegen die Grube angestrengt hatte, ihrerseits per Eilantrag gegen die Inbetriebnahme vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel klagte und im Dezember 1987 aufgrund von Formfehlern im Planfeststellungsverfahren und neuer Gutachten zur Sicherheit der Deponie Recht bekam, was im November 1988 im Hauptverfahren bestätigt wurde. Obwohl eine Revision dieses Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht zugelassen wurde, gaben das Hessische Umweltministerium und der ZAS ihre Pläne hinsichtlich der Mülldeponie auf.

Nachdem die Grube 1991 vom Land Hessen angekauft wurde, übertrug es den Betrieb der Grube der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN), die, wie auch das Hessische Landesmuseum Darmstadt, seither dort, offiziell unter bergrechtlichen Bedingungen, zu wissenschaftlichen Zwecken und nach Maßgaben des Hessischen Denkmalschutzgesetzes, Ölschiefer abbaut.

1991 wurde die Fossillagerstätte als ortsfestes paläontologisches Bodendenkmal im Sinne der §§ 2 Abs. 2 Nr. 2, 19 HDSchG a.F. erfasst und steht seitdem als Kulturdenkmal unter Schutz. Dieser gesetzliche Schutzstatus lag der Anerkennung als UNESCO-Weltnaturerbestätte zugrunde.

Mittlerweile war die Grube Messel aufgrund zahlreicher Funde von einzigartiger Qualität zu einer Fossillagerstätte von Weltrang aufgestiegen, weshalb das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst im Jahre 1994 bei der UNESCO die Aufnahme der Grube Messel in die Liste des Welterbes beantragte. Am 08.12.1995 wurde sie unter dem Eintrag „Messel Pit Fossil Site“ zum ersten deutschen UNESCO-Weltnaturerbe erklärt, welches laut § 3 Abs. 1 HDSchG unter dem besonderen Schutz des Landes steht.

Um den dauerhaften Schutzstatus der Welterbestätte zu gewähren, entschlossen sich das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, das Hessische Landesmuseum Darmstadt und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung im Jahr 2017 dazu, die jahrzehntelang praktizierte Grabungs- und Dokumentationsmethodik zu evaluieren und ein einjähriges Grabungsmoratorium auszusprechen. Im Zuge dieses trafen sich am 23.-24.11.2017 renommierte Forscher und Denkmalpfleger aus dem In- und Ausland zu einem Kolloquium – „Forschung in der Weltnaturerbestätte Grube Messel - Rückblick und Ausblick“ – im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, um den künftigen Umgang mit der bedeutenden Weltnaturerbestätte zu diskutieren. Ziel der Veranstaltung war es, einen Weg aufzuzeigen, wie künftig Forschungen in der Grube Messel ermöglicht werden können ohne dabei den dauerhaften Schutz dieses Bodendenkmals gemäß den umfassenden UNESCO-Bestimmungen für Welterbestätten und den Vorschriften des Hessischen Denkmalschutzgesetzes zu gefährden. Um zukünftige wissenschaftliche Arbeiten konkretisieren zu können, wurden auf dieser Veranstaltung gemeinsame Probegrabungen vereinbart, welche vom 02.05.-08.06.2018 innerhalb des Grubenareals stattfanden. Sie dienten dazu, auf der Grundlage der bestehenden Grabungs- und Dokumentationsrichtlinien des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen eigene für die Grube Messel gültige Grabungsdokumentationsrichtlinien zu erarbeiten. Ferner wurden unterschiedliche Grabungstechniken sowie Herangehensweisen vor Ort erprobt, um dem vorgenannten Ziel der Erhaltung bei gleichzeitiger Erforschung möglichst umfassend gerecht werden zu können und zu gewährleisten, dass der Nachwelt ein höchstmögliches Maß an Informationen zur Verfügung steht und in Form einer umfassenden Dokumentation wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten überliefert wird.