Der Obergermanisch-Raetische Limes

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Ausbaustufen des Obergermanischen Limes
Ausbaustufen des Obergermanischen Limes

Vom Ende des 1. Jh. n. Chr. bis zur Mitte des 3. Jh. n. Chr. bildete der Obergermanisch-Raetische Limes in den beiden nördlichen Provinzen des Römischen Reiches, Obergermanien und Raetien, die äußere Grenze zu den im Norden lebenden Germanen. Die ehemalige Grenze verläuft damit durch die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Zunächst als Postenweg (limes, lat.: Schneise, Weg) mit Wachttürmen angelegt, wurde der Limes in den anschließenden Jahrzehnten mit Palisade, Wall und Graben und z. T. mit einer Mauer ausgebaut. In der Nähe entstanden Militärlager (Kastelle), deren Besatzungen die Grenze überwachten. In Siedlungen vor den Kastellmauern lebten Händler und Handwerker, aber auch die Familien der Soldaten. Mit 550 km Länge, 900 Wachttürmen und ca. 120 Kastellen ist der Limes das größte, streckenweise noch gut sichtbare Bodendenkmal in Deutschland.

Bis heute geht die Faszination dieser antiken Grenzanlage nicht zuletzt auch von den immer wieder eindrucksvollen Überresten der fortifikatorischen Bauten aus, die im Gelände oberirdisch vielerorts immer noch gut zu sehen sind und somit schon sehr früh das Interesse der Altertumsforscher weckten und diese an vielen Stellen zu Ausgrabungen anregten.

In der Folge wurden die Ausgrabungen mit der Gründung der Reichs-Limeskommission 1892 an der gesamten ehemaligen römischen Reichsgrenze in Deutschland forciert und systematisiert. Die Publikationen der Untersuchungsergebnisse der Reichs-Limeskommission in der 15-bändigen Reihe „Der Obergermanisch-Raetische Limes des Roemerreiches in Deutschland“ (ORL) stellen auch heute noch die Grundlage für die Limesforschung in Deutschland dar. Freilich konnte der Kenntnisstand über den Limes seit dieser Zeit durch neue Ausgrabungen, zerstörungsfreie Untersuchungsmethoden wie z. B. die Luftbildarchäologie und physikalische Prospektionen, Zusammenstellung von Fundchroniken sowie durch Aufarbeitung von unpublizierten Grabungsbefunden und Funden beachtlich erweitert werden. Konservierte, teilrestaurierte und rekonstruierte Bauten zusammen mit der  Präsentation der Forschungsergebnisse und der römischen Exponate in den Museen verdeutlichen schließlich vor Ort die historische Bedeutung des überregionalen Denkmals Limes.

Auch wenn der Obergermanisch-Raetische Limes von Rheinbrohl am Rhein bis Eining an der Donau in Obergermanien und Raetien nicht an allen Stellen zeitgleich und in unterschiedlichen Ausbaustufen errichtet wurde, so war er doch ab 160 n. Chr. nach verschiedenen Streckenänderungen in seinem endgültigen Verlauf festgelegt.

Ende des 1. Jh. n. Chr. bestand der Limes in Obergermanien zunächst aus einem Postenweg mit hölzernen Wachttürmen. Für Raetien ist dies frühestens 20 bis 30 Jahre später anzunehmen.

Der Bau der hölzernen Palisade vor den Wachttürmen konnte nach neuesten dendrochronologischen Untersuchungen am obergermanischen Limes bei Marköbel in der Wetterau um 120 n. Chr. nachgewiesen werden. Vermutlich ab der Mitte des 2. Jh. n. Chr. wurden die hölzernen Türme durch steinerne Wachttürme ersetzt. Auch für den weiteren Ausbau der Grenzlinie in Obergermanien waren die Ergebnisse der Ausgrabungen in Marköbel von größter Bedeutung. So hatte man dort nach der Baufälligkeit der Palisade - wohl spätestens um 180 n. Chr. - einen Graben ausgehoben und den Aushub dahinter zu einem Wall aufgeschüttet. Die bislang in der Forschung angenommene Gleichzeitigkeit von Palisade, Wall und Graben trifft demnach nicht zu.

Für Raetien brachten jüngst Altersbestimmungen von Palisadenhölzern mit dem Fälldatum 160 n. Chr. ebenfalls Gewissheit über deren Datierung. Der Bau der Palisade erfolgte dort also etwa 40 Jahre später als in Obergermanien. Nach der Schadhaftigkeit der Palisade wurde in Raetien zunächst ein Flechtwerkzaun errichtet. Zu dieser Zeit waren z. T. die hölzernen Wachttürme durch Steintürme ersetzt worden. Als letzte Ausbaustufe, vermutlich im 2. Jahrzehnt des 3. Jh. n. Chr., wurden die Steintürme schließlich mit einer Mauer, der heute so genannten Raetischen Mauer, verbunden.

Nach der Mitte des 3 Jh. n. Chr. erzwangen Germaneneinfälle, Feldzüge im Osten des Reiches und Bürgerkriege die Aufgabe des Obergermanisch-Raetische Limes.

Zu keiner Zeit war der Limes eine undurchdringliche Verteidigungslinie. Er diente neben der sichtbaren Markierung der Außengrenze des Römischen Reiches im Norden vielmehr dazu, den Personen- und Warenverkehr zur Kontrolle und Zollerhebung auf bestimmte, von Soldaten überwachte, Durchgänge zu lenken. Die nahe am Limes gelegenen, größeren und kleineren Kastelle befanden sich z. T. in unmittelbarer Nachbarschaft zu diesen manchmal mit Toranlagen ausgebauten Limesdurchgängen. Die Kastelle beherbergten 100 bis 1000 Mann starke Besatzungen, die zu den Hilfstruppen der römischen Armee gehörten. Bei größeren militärischen Konflikten wurden Soldaten der Legionen hinzugezogen, die im Hinterland stationiert waren.