Geowissenschaftliche Notbergung in einer Wiesbadener Baugrube

Im Juni 2017 wurde die Paläontologische Denkmalpflege der hessenARCHÄOLOGIE über einen Fossilfund im Wiesbadener Salzbachtal, im Stadtteil Wiesbaden-Südost, informiert. Da im Vorfeld keine Bodendenkmäler bekannt waren, war das betreffende Bauvorhaben im Vorfeld nicht beauflagt. Umso vorbildlicher war das denkmalkonforme Verhalten aller Beteiligten.

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Rechter Nashorn-Femur (Oberschenkelknochen) (rechts unten; Größe: 28,5 x 17,5 cm) und distaler Nashorn-Radius (Unterarmknochen) (unten links; Länge 21 cm) von Nashörnern der Gattung Stephanorhinus sp. Die anatomische Position beider Knochen ist oben im Sk
Rechter Nashorn-Femur (Oberschenkelknochen) (rechts unten; Größe: 28,5 x 17,5 cm) und distaler Nashorn-Radius (Unterarmknochen) (unten links; Länge 21 cm) von Nashörnern der Gattung Stephanorhinus sp. Zur Position beider Knochen vgl. Skelettdiagramm oben.

Die Meldung erfolgte im Auftrag der Bauleitung durch den zuständigen Polier der Firma Ed. Züblin AG (Stuttgart), welcher die Entdeckung einer Versteinerung durch den Baggerführer der von Züblin beauftragten Firma Erdbau Müller GmbH (Kriftel) anzeigte. Auf dem innerhalb des Salzbachtals liegenden Fundareal fanden im Auftrag der Scherer + Rossel GmbH & Co. KG (Wiesbaden) Umbau-, Sanierungs- und Erweiterungsbauarbeiten statt. Da im Vorfeld keine paläontologischen oder archäologischen Bodendenkmäler bekannt waren, wurde das Bauvorhaben auf dem Grundstück der Rossel Verwaltungs GmbH (Wiesbaden) nicht beauflagt. Umso vorbildlicher war das denkmalkonforme Verhalten sämtlicher Beteiligter - vom Fund über die umgehende Meldung an die Denkmalpflege, der freiwilligen Bauunterbrechung im näheren Fundbereich bis hin zur Unterstützung der Bodendenkmalpflege bei der Notbergung.

Im Salzbachtal entlang des Nord-Nordwest/Süd-Südost-Verlaufs der Mainzer Straße in Wiesbaden-Südost sind Fossilfunde nur noch im Zuge von kurzzeitigen und lokal begrenzten Bodeneingriffen möglich. Historische Literaturquellen über Fossilfunde aus dem Salzbachtal datieren jedoch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. So meldete Meyer (1839) einige Fossilfunde aus dem Hydrobienkalke der miozänen, zirka 21 Millionen Jahre alten Wiesbaden-Formation. Die von Meyer gemeldeten, fossilführenden Kalke wurden auf der Sohle der ca. 30 x 30 Meter messenden Baugrube mit einer Tiefe von zirka zwei bis fünf Metern angetroffen, jedoch nicht angegraben.

In der Baugrube stellte sich die Sohle zugleich als natürliche Gesteins- und Zeitgrenze dar, denn die weicheren Ablagerungen der Deckschichten wurden maschinell bis auf die Oberfläche des unter ihnen lagernden Kalks abgetragen. Auf diese Weise wurde die natürliche Grenze zwischen Tertiär (den härteren Kalkschichten) und Quartär (den weicheren Deckschichten) freigelegt. Die auf den Kalk auflagernden Schichten des Quartärs waren an den Baugrubenrändern angeschnitten und erwiesen sich als stark erodierte bzw. abgetragene und umgelagerte Flusssedimente. Diese konnten den etwa 750.000-600.000 Jahre alten Mosbach-Sanden (= Haupt-Mosbach-Subformation) des mittelpleistozänen Cromer-Komplexes zugeordnet werden. Sowohl auf der Sohle als auch an den Grubenrändern ließen sich insgesamt drei Flussniveaus kartieren. Diese bestanden aus mäandrierenden Flussverläufen des Salzbachs und / oder seiner Nebengewässer. Der ehemalige Fluss, bzw. die ehemaligen Flüsse, erodierten im Verlaufe der Zeit das Gros der vormals mächtigeren Quartärsedimente ab. Durch diesen Prozess wurde die Sedimentabfolge stark kondensiert, sodass zwischen tertiären Kalken und quartären Sedimenten eine Überlieferungslücke (Diskordanz) von ca. 20 Millionen Jahren resultierte. Im Bereich dieser traten stark verwitterte Gesteine auf. Oberhalb der Sohle - bzw. oberhalb der Diskordanz - lagerten schräg- und kreuzgeschichtete Mosbach-Sande, lokal unterbrochen von Flussschotterkörpern.

Zusammen mit den Flussgeröllen wurden durch den Ur-Main und durch Taunusnebenflüsse auch fossile Knochen und Zähne von mittelpleistozänen Großsäugern transportiert und vor ihrer letztendlichen Ablagerung mehrfach umgelagert. Diese Ablagerungen wurden dann erneut durch den Salzbach und seine Nebengewässer abgetragen und bewegt, worauf deutliche Transport- und anschließende Verwitterungsschäden hinweisen.

Das zuerst gemeldete Fundstück erwies sich als Fragment eines Mammutstoßzahns. Es lagerte unmittelbar oberhalb der tertiären Kalke der Grubensohle in einer Flussseife. Das stark beschädigte Fragment musste aufgrund seines Erhaltungszustandes und der ungünstigen Einbettung als Gipsblockbergung gesichert werden. Während der Freilegung des Mammutfossils wurden weitere Großsäugerknochen und -zähne aufgefunden. Hierbei handelt es sich um einen rechten Nashorn-Femur (Oberschenkelknochen) sowie um das distale Fragment eines Nashorn-Radius (Unterarmknochen); beide Funde gehören der Gattung Stephanorhinus sp. an. Weiter waren Pferdefossilien (Equus sp.) mit dem Mammutstoßzahnfragment assoziiert.

Dr. J. Bohatý, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Paläontologische Denkmalpflege