Paläontologische Denkmalpflege

Paläontologie - die Wissenschaft von den Lebewesen der Urzeit - ist aktuell wie nie zuvor. Paläontologen/-innen erforschen die Evolutionsgeschichte der Organismen und gemeinsam mit Geologen/-innen die Geschichte des Planeten Erde. Die Paläontologie liefert den Schlüssel zum Verständnis der Prozesse, die das Klima und das Leben auf der Erde steuern und beeinflussen, sowie zur Interaktion zwischen Geo- und Biosphäre.

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Fossil des Messel Urpferds Eurohippus messelensis aus dem Paläontologischen Bodendenkmal und UNESCO-Weltnaturerbe „Grube Messel“ (Messel, LK Darmstadt-Dieburg); Eozän, ca. 48 Mio. Jahre)
Fossil des Messel Urpferds Eurohippus messelensis aus dem Paläontologischen Bodendenkmal und UNESCO-Weltnaturerbe „Grube Messel“ (Messel, LK Darmstadt-Dieburg); Eozän, ca. 48 Mio. Jahre

Aus einem ungefähr eine halbe Milliarde Jahre umfassenden Zeitabschnitt liegen als Fossilien erhaltene Zeugnisse erd- und lebensgeschichtlicher Entwicklung aus Hessen vor. Wie jüngere Funde aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit unterliegen auch diese uralten Zeugnisse, Überreste und Spuren tierischen und pflanzlichen Lebens dem Hessischen Denkmalschutzgesetz in der Fassung vom 28. November 2016, welches durch die Verordnung über den Denkmalschutz von Fossilien vom 15. Januar 2018 ergänzt wird.

Paläontologische Denkmäler sind – im Gegensatz zu den Hinterlassenschaften des Menschen – Hervorbringungen der Natur. Ihre Bewahrung nach den Regelungen des im Bereich kultureller Schöpfungen verantwortlichen Denkmalschutzes ist kein Widerspruch, denn Fossilien sind durch ihren bedeutenden Einfluss auf die menschliche Ideen- und Wissenschaftsgeschichte zu festen Bestandteilen unserer Kultur geworden. Denn neben den Hinweisen zum Ursprung des Lebens auf der Erde, liefert die Paläontologie Erkenntnisse zu den biologisch-geologischen Vorbedingungen der menschlichen Kultur und Zivilisation. Natur- und kulturwissenschaftliche Aspekte der Paläontologie und Archäologie verzahnen sich zudem beispielhaft an Fundstätten menschlicher Fossilien - der Wirkungsstätte der Paläoanthropologie - und überall dort, wo menschliche Hinterlassenschaften bzw. Artefakte innerhalb eines Befundkomplexes assoziiert mit Tierfossilien auftreten (z.B. mit bearbeiteten oder unbearbeiteten Mammut-, Höhlenbär- oder Wollnashorn-Knochen).

Die Paläontologische Denkmalpflege ist Bestandteil der hessischen Bodendenkmalpflege. Organisatorisch ist sie als Referatsbereich A III 4 in der Abteilung A "hessenARCHÄOLOGIE" (Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege) des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen verankert und betreut von Wiesbaden aus das gesamte Bundesland (Landespaläontologie). Zu ihren Aufgaben zählt zudem die denkmalfachliche Aufsicht über die UNESCO-Weltnaturerbestätte "Grube Messel" (Referatsbereich A III 5), die zugleich als paläontologisches Bodendenkmal gemäß HDSchG eingetragen ist.

Gefährdung paläontologischer Denkmäler
Fossilen und ihre Fundstellen sind überall da, wo in den gewachsenen Boden eingegriffen wird, in ihrem Bestand gefährdet. Abbau, Überbauung oder Verfüllung zerstören sie oder machen sie unzugänglich. In vielen Abbaubetrieben ist, bedingt durch die Mechanisierung der Rohstoffgewinnung, nur noch in den seltensten Fällen abbaubegleitend eine sachgemäße und denkmalgerechte Fossilbergung durchführbar. Dies kann zur schleichenden Zerstörung und damit zum Versiegen paläontologischer Primärquellen beitragen. Um der Nachwelt ein Höchstmaß an paläontologischen Informationen überliefern zu können, bedeutet dies, entsprechende Quellen landesweit systematisch zu erfassen, zu erforschen und der Allgemeinheit zu vermitteln.

Zuständigkeiten und Aufgaben
Der Schutz paläontologischer Denkmäler in Hessen wird von der Denkmalfachbehörde, dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen, wahrgenommen. Wenngleich gemäß des HDSchG weitgehend die Unteren Denkmalschutzbehörden für die Durchführung entsprechender Maßnahmen zuständig sind, so verfügen diese in der Regel nicht über entsprechendes Fachpersonal. Bei Maßnahmen an landeseigenen Kulturdenkmälern oder solchen im Eigentum des Bundes ist das LfDH direkt zuständig. Wichtigste Aufgaben der Paläontologischen Denkmalpflege sind Schutz, Erhaltung sowie wissenschaftliche Erforschung der paläontologischen Primärquellen. Nur bekannte Denkmäler können wirksam geschützt werden. Auf der Grundlage einer Bestandsaufnahme paläontologischer Denkmäler werden alle relevanten Daten zu geplanten Bodeneingriffen ausgewertet und notwendige Maßnahmen zur Erhaltung und Pflege paläontologischer Kulturdenkmäler getroffen. Geowissenschaftliche Grabungen, wissenschaftliche und technische Dokumentationen sowie die Sicherstellung der Erhaltung komplexer Befunde gehören zum Handwerk der Paläontologischen Denkmalpflege.

Der Schutz erdgeschichtlicher Objekte kann parallel auch auf der Grundlage des Hessischen Naturschutzgesetzes erfolgen. Wenngleich letzteres eine vom Denkmalschutz abweichende Zielsetzung verfolgt, erweist sich ein gemeinschaftliches Handeln auf der Grundlage beider Gesetze als vorteilhaft für paläontologische Bodendenkmäler. Paläontologischer Bodendenkmalschutz und geologischer Naturdenkmalschutz vereinigen sich im „Geotopschutz“, wobei der Terminus „Geotop“ nur durch eine boden- und/oder naturdenkmalschutzrechtliche Ausweisung formell juristischen Umfang erlangt.

Zusammenarbeit bei paläontologischen Nachforschungen
Die Paläontologische Denkmalpflege im LfDH arbeitet innerhalb eines international ausgerichteten Netzwerks eng mit universitären oder dritten Forschungseinrichtungen sowie Museen und Geoparks zusammen. Es ist aber auch verantwortungsvollen Bürgern/-innen mit paläontologisch-erdgeschichtlichem Interesse möglich, mit der Paläontologischen Denkmalpflege in Hessen zusammenzuarbeiten. Dies ist im Rahmen von Nachforschungsgenehmigungen (NFG) gemäß § 22 HDSchG möglich. Entsprechende Nachforschungen sind zwingend gemäß den Richtlinien Paläontologie zur Grabungs- und Prospektionsdokumentation für Fachfirmen und Forschungsinstitutionen und zur Behandlung von Grabungsfunden und Proben in der jeweils aktuellen Fassung durchzuführen.

Ansprechpartner: Dr. J. Bohatý, Jan.Bohaty@lfd-hessen.de

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